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Marburg Marburger Bildungs-Forscher warnt vor Home-Schooling
Marburg Marburger Bildungs-Forscher warnt vor Home-Schooling
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09:00 05.07.2020
Der Marburger Professor Eckhard Rohrmann in seinem Büro am Pilgrimstein Quelle: Foto: Björn Wisker
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Marburg

Im OP-Interview spricht der Marburger Erziehungswissenschafts-Professor Eckhard Rohrmann über den Stellenwert moderner Pädagogik und wieso gerade in der Corona-Pandemie engagierte Lehrer gefordert wären.

Was halten Sie von Homeschooling?

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In einem Land, in dem der Bildungserfolg sowieso schon stark von der Herkunft abhängt, ist klar, dass das Modell Homeschooling die soziale Ungleichheit noch weiter verschärft. Nicht alle Schüler haben die Voraussetzungen für Homeschooling, entweder nicht die Geräte und Software oder den Zugriff auf die Computer.

Nehmen wir mal die Familie, wo beide Eltern im Homeoffice sind und es eventuell noch Geschwisterkinder gibt – so viele Rechner werden ja kaum in einer Wohnung stehen, damit sie zeitgleich benutzt werden können. Abgesehen davon, dass es nicht überall schnelles Internet gibt. Das alles ist aber nur die technische Seite. Es geht aber vor allem um Inhalte, um Pädagogik, Betreuung und Unterstützung. Einige Eltern können das zumindest in Teilen leisten, die einen besser, die anderen schlechter. Aber es gibt auch viele Eltern, sei es über ihre berufliche Tätigkeit und Arbeitszeiten oder mangelnde Deutschkenntnisse, die das überhaupt nicht können.

Wenn dann noch die Wohnverhältnisse beengt sind, nicht alle Kinder fürs Lernen eigene Zimmer haben, der Druck in der Familie steigt, nehmen auch die Konflikte zu, das Konzentrationsvermögen ab. Das Resultat von all dem ist, dass bei faktisch geschlossenen Schulen diejenigen, die es ohnehin schon schwer haben, weiter abgehängt werden. Das kann nicht im Interesse der Gesellschaft und es darf nicht im Interesse der Schulen und Lehrer sein.

Lerninhalte reinpauken statt Kinder pädagogisch zu begleiten, Fähigkeiten zu fördern – sind wir als Gesellschaft nicht schon längst weiter, als Bildung auf Stoffvermittlung zu reduzieren?

Schon im herkömmlichen Schul- und Unterrichtssystem, also außerhalb von Corona kann man ja viel Unsinniges finden. Kinder eignen sich ihre Welt ganz anders an, sie sind von Natur aus neugierig und probieren aus, sind hochgradig intrinsisch motiviert. Dann kommen sie in die Schule und diese intrinsische Motivation wird über den Rahmen des Lernens – im 45-Minuten-Takt stillsitzend die Inhalte lernen und geprüft, bewertet und verglichen werden – durch extrinsische Motivation, durch Druck ersetzt. Dieser Mechanismus verschärft sich unter den gegenwärtigen Bedingungen, der sich durch Frontalunterricht über Laptop auszeichnet und dessen Ausgestaltung massiv vom individuellen Einsatz der jeweiligen Lehrkräfte abhängt.

Was erwarten Sie von den Lehrern?

Wie alle Systeme, müssen sich auch die Schulen, die Lehrer den schwierigen Bedingungen stellen und für die Zeit, die diese Pandemie dauert, den bestmöglichen Unterricht geben. Der Berufsgruppe der Lehrer und Lehrerinnen kommt jetzt eine noch wichtigere Rolle zu. Denn wenn man ein System wie Schulen runterfährt, es dann lange nicht mehr hochfährt, wird das System an sich und die Berufsgruppe selbst auch immer weniger systemrelevant. Das kann so nicht bleiben, es geht ja um die Zukunft der Schüler, die reihenweise den Anschluss zu verlieren drohen. Und was zu tun ist, geht über Stoffvermittlung, über das Versenden eingescannter Arbeitsblätter und Aufgaben hinaus. Dass daher der Normal- und Regelbetrieb so schnell es geht kommen muss, ist ebenso klar wie die Tatsache, dass dieser anders aussehen wird als noch bis März dieses Jahres. Und bis dahin, bis zum Impfstoff, werden auch im Bildungsbereich Methoden Einzug gehalten haben und Wege gegangen worden sein, die bis März 2020 auch noch nicht da waren und die fortgesetzt werden.

Dass es sinnvoll war, in Hessens Schulen kurz vor den Sommerferien zum Regelbetrieb zurückgekehrt zu sein, um letztlich ein Leben-Experiment zu wagen, Ansteckungswege zu erkennen, bezweifele ich allerdings.

Die Rückkehr zu einem Schulbetrieb wie man ihn kannte, steht laut Kultusministerbeschlüssen unter Impfstoff-Vorbehalt. Welche Schäden hat der Lockdown angerichtet und kann die Corona-Normalität noch anrichten?

Die Kinder, die nun wegen Corona und den Schulschließungen das zweite Schulhalbjahr nicht so richtig absolvieren konnten, haben und behalten diese Defizite. Gerade die im Grundschulbereich angehäuften Defizite werden sich länger durchziehen; je nach dem, wie es die soziale und familiäre Situation auffangen konnte, die einen mehr als die anderen. Manches wird kompensierbar sein, aber es kann schon sein, dass der Einbruch dieses Jahr sich perspektivisch bei den Schulabschlüssen, im Bildungserfolg zeigt. Das nicht nur auf Notendurchschnitte bezogen, sondern auf Fragen wie Jahrgangsstufen-Versetzungen, verlängerte Schulzeiten. Die jetzigen Schul-Absolventen haben großes Pech, ihnen bricht Perspektive weg. Vielleicht noch weniger für die Gymnasiasten, die ein Studium anstreben. Aber für alle, die eine Lehrstelle suchen, ist es ein ziemlicher Schlag.

Wieso tut sich gerade die Institution Schule Land auf, Land ab so schwer mit dem Wandel?

Es werden jetzt die Versäumnisse der Vergangenheit, der jahrelange Investitionsstau, die verschlafende Digitalisierung und generell die schlechte Infrastruktur – Stichwort unhygienische Schultoiletten – sichtbar. Das erschwert die Bewältigung der Krise extrem.

Speziell die Digitalisierung kostet Geld und diese Investition verwertet sich in vielen Augen nicht unmittelbar. Ein fataler Trugschluss, denn es bringt sehr viel und es ließe sich sehr viel mehr machen. Eigentlich ist es ja besorgniserregend, in welchem Maße Kinder und Jugendliche heute an Smartphones rumdaddeln – aber da gibt es doch für Lernprozesse Anknüpfungspunkte, die dieses normal gewordene Alltags-Verhalten produktiv nutzen. Aber so sehr die Digitalisierungs- und Hygiene-Situation an Schulen gerade jetzt anders werden muss, so wenig Geld dafür ist tatsächlich da. Denn die Milliarden-Summen, die momentan für die Abfederung der wirtschaftlichen und sozialen Folgen ausgegeben werden, sind weg und für den Bildungsbereich nicht mehr da.

Von Björn Wisker