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Marburg Stuchtey veröffentlicht Buch
Marburg Stuchtey veröffentlicht Buch
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08:58 18.04.2021
Ein Sicherheitsbeamter ist auf dem Platz vor dem Gateway of India in Mumbai auf einem Segway auf Streife. Mumbai – bis 1996 offiziell englisch Bombay – ist eine der bevölkerungsreichsten Städte der Welt. Zahlreiche Gebäude im Zentrum Mumbais sind in einer regionalen Variation des Historismus erbaut worden, die teilweise britisch inspiriert und teilweise eine britische Interpretation des Mogul-Baustils ist.
Ein Sicherheitsbeamter ist auf dem Platz vor dem Gateway of India in Mumbai auf einem Segway auf Streife. Mumbai – bis 1996 offiziell englisch Bombay – ist eine der bevölkerungsreichsten Städte der Welt. Zahlreiche Gebäude im Zentrum Mumbais sind in einer regionalen Variation des Historismus erbaut worden, die teilweise britisch inspiriert und teilweise eine britische Interpretation des Mogul-Baustils ist. Quelle: Foto: Rajanish Kakade
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Marburg

Ist Cricket ein englischer Sport oder längst ebenso indisch oder australisch? Dies ist nach Darstellung des Marburger Historikers Professor Benedikt Stuchtey nur eine der Fragen, die sich in der Gegenwart in Bezug auf die kulturellen Hinterlassenschaften des britischen Empires stellen. Im Umfeld der „Black lives matter“-Bewegung gab es im vergangenen Jahr ganz aktuelle Forderungen, die Denkmäler von mit dem britischen Kolonialreich verbundenen umstrittenen Persönlichkeiten wie ehemaligen Sklavenhändlern oder mit dem Kolonialismus verbundenen Politikern schleifen zu lassen.

Zudem gibt es auch eine Umbenennungswelle bei Städtenamen, weg von den Kolonialnamen und hin zu den traditionellen Bezeichnungen, erläutert Stuchtey. So wurde die indische Großstadt Madras zu Chennai, aus Salisbury im früheren Rhodesien wurde Harare, und die nach einem ehemaligen britischen Kolonial-Kommandanten benannte neuseeländische Stadt Hamilton soll den früheren Maori-Namen Kirikiriroa erhalten.

Streitgegenstände sind entstanden

Die meisten Erinnerungsorte oder -objekte des ehemaligen britischen Weltreichs sind zu Streitgegenständen geworden, diagnostiziert der Historiker. Während beispielsweise der Theologe Nigel Biggar fordert, die Errungenschaften des Empires auch im positiven Licht zu betrachten, beklagt der Historiker und Journalist David Olusaga, dass die institutionelle Benachteiligung aller Minderheiten in Großbritannien auch ein Erbe der Sklaverei und der Zivilisierungsmission des britischen Reiches sei. „Die zahlreichen Widersprüche, die die britische Kolonialherrschaft genauso aufgeworfen hat wie jede andere, verbieten eine einfache Erklärung“, meint dazu Professor Stuchtey.

In seiner soeben in der Reihe „C.H.Beck Wissen“ erschienenen Monographie „Geschichte des britischen Empire“ gibt Stuchtey auf 128 Seiten einen Überblick über die 500-jährige Geschichte des Empire von der Erstbesiedelung Neufundlands im Jahr 1497 bis zur Übergabe der ehemaligen britischen Kronkolonie Hongkongs an China. „Das britische Empire war das größte Kolonialreich der Geschichte und erstreckte sich über alle fünf Kontinente“, macht Stuchtey die Bedeutung seines Forschungsgegenstandes klar.

Stuchtey: „Kein monolithisches britisches Weltreich“

Den von 2004 bis 2013 als stellvertretender Direktor des Deutschen Historischen Instituts London amtierenden Historiker interessiert auch in seinen Forschungen an der Universität Marburg seit dem Jahr 2014 vor allem die Frage, warum und wie das Britische Empire „trotz seiner Größe und Überdehnung und seiner vielfältigen Krisen und Fragmentierungen überhaupt so lange bestehen konnte“. Seine Forschungsschwerpunkte erstrecken sich auch insgesamt auf die Geschichte der europäischen Kolonien in Afrika und Asien und den Vergleich der britischen Vorgehensweise mit dem Auftreten anderer Kolonialmächte wie den Niederlanden, Spanien oder Deutschland.

In seinem Buch macht Stuchtey deutlich, dass es nicht ein einziges monolithisches britisches Weltreich gab, sondern dass das Empire aus einer Vielzahl von fragmentierten Formen von Kolonialismen und Imperialismen bestanden habe. Zwar habe die Farbe Rot für britisches Terrain die Weltkarten ebenso geprägt wie das Blau für das französische Kolonialreich oder Gelb für das deutsche Kaiserreich. Es habe aber nicht eine räumliche Expansion in einer ununterbrochenen Zeitspanne und damit verbunden den Eindruck von beständiger Macht gegeben.

Handelsposten in Neufundland

Von den durch die britische Seefahrt zustande gekommenen ersten Handelsposten in Neufundland Ende des 15. Jahrhunderts über die Eroberung Jamaikas bis hin zur wechselhaften Geschichte der britischen Besitzungen in Indien und der ebenfalls konfliktbehafteten britischen Kolonialgeschichte in Neuseeland und Australien zeichnet Stuchtey akribisch Aufstieg und Fall der Kolonialmacht Großbritannien über fünf Jahrhunderte nach.

„Vorangetrieben wurde es vom Finanzkapitalismus wie vom Pioniergeist Einzelner, von Siedlern, Händlern und Missionaren“, schreibt der Historiker. Es habe eine komplexe Mischung von Motiven für den Aufbau des Kolonialreichs gegeben. Bei den für die Expansion Verantwortlichen ebenso wie bei den Profiteuren hätten rassistische Ideen ebenso eine Rolle gespielt wie ein erzieherisches Sendungsbewusstsein sowie die Idee von der kulturellen, moralischen und technischen Überlegenheit des sogenannten Westens. Über allem sei der Gedanke gestanden, das Fremde zu domestizieren.

Es gibt auch Schattenseiten

Ausführlich widmet er sich auch den Schattenseiten des britischen Kolonialismus: der Vertreibung und Ausbeutung der indigenen Bevölkerung, der Sklaverei, Hungersnöten und den Kolonialkriegen. „Die Geschichte der Unfreiheit als wesenhafter Teil der Geschichte des Empire bildet sich nirgends so sehr ab wie in der Sklaverei, auch als Resonanz von Rassismus und Menschenverachtung, Sadismus und mörderischer Ausbeutung“, schreibt Stuchtey. Jedoch seien Unterdrückung und Ausbeutung nicht möglich gewesen ohne ortskundige Dolmetscher, Informanten und Spione oder indigene Schmuggler in den Grenzräumen und Entscheidungsträger, die zur Zusammenarbeit mit den britischen Machthabern bereit waren.

Nicht immer jedoch habe die Dramatik von antikolonialen Revolten, Tigerjagden oder aufwändigen Feierlichkeiten den Alltag in den Kolonien dominiert, sondern das Leben der Gouverneure und Soldaten sei auch von Langeweile, Gleichförmigkeit und Routine bestimmt gewesen. Dazu beigetragen habe eine zunehmende Isolierung und Verunsicherung der britischen Kolonialgesellschaften sowie ihre Tendenz, das soziale und kulturelle Leben Englands in Übersee zu reproduzieren.

Stuchtey: „Unvollendet geblieben“

Die Werke von Schriftstellern wie Rudyard Kipling („Kim“) oder Joseph Conrad („Heart of Darkness“) hätten viel zu einem emotionalisierten Bild des Empire beigetragen. Aber auch Wissenschaften wie die Botanik, die Geographie, die Ethnologie oder die Tropenmedizin hätten in den Kolonien einen Aufschwung genommen.

Letztendlich sei das britische Empire jedoch unvollendet geblieben. Stuchtey beschreibt es in seinem auch für Nicht-Wissenschaftler lesbaren, kurzweilig und informativ geschriebenen Buch als eine Sammlung miteinander konkurrierender Entwürfe ohne einen Masterplan. „In der Summe ist die Geschichte des Empire eine Geschichte unfassbarer Gewalt, humanitärer Katastrophen, weltweiter Auswirkungen auf die Natur und mit einem höchst umstrittenen Erbe“, bilanziert der Marburger Historiker.

Von Manfred Hitzeroth