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Marburg Marburger Behelfs-Beatmungsgerät international gefragt
Marburg Marburger Behelfs-Beatmungsgerät international gefragt
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20:58 27.04.2020
Die Prototypen des Behelfs-Beatmungsgeräts für Corona-Patienten des „Breathing Projects“. Quelle: Foto: Björn Wisker
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Marburg

Ob es für Deutschland eine Sonderzulassung für das in Marburg erfundene und in Fronhausen von Optik Schneider zur Produktionsreife gebrachte Behelfs-Beatmungsgerät gibt, ist weiter unklar. Aber: Russland, Italien und mehrere afrikanische Staaten haben angesichts der Corona-Pandemie bereits konkretes Interesse an der Technik angemeldet, um die eigenen Gesundheitssysteme, die Krankenhäuser als „last line of defense“ damit ausstatten zu können.

„Wir haben eine Verantwortung, die über Deutschland hinausgeht. Unser Ziel, unser Wille ist es, Menschen zu helfen, egal wo“, sagt Gunter Schneider, Firmenchef im OP-Gespräch. Das habe eigentlich schon für Italien und Spanien gegolten und gelte auch für alle anderen Länder, in denen Covid-19-Patienten zu sterben drohen.

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30 Geräte haben die Fronhäuser – zu Testzwecken und Weiterentwicklung an der Philipps-Universität – binnen Stunden produziert. Es sind die Geräte, die allen zuvor vom Bundesgesundheitsministerium gestellten Anforderungen entsprechen. Und die mittlerweile mit noch mehr Technik und Automatismen ausgerüstet sind, um etwa Atemfrequenzen individuell einstellen zu können. „Es ist jetzt nah dran an dem, was Vollprofi-Geräte können“, sagt Schneider. Eine Einschätzung, die nach OP-Informationen externe Prüfer teilen.

Angesichts der weltweiten Corona-Pandemie und der weitgehend ungenügenden Medizintechnik-Ausstattung könnten die Marburger Behelfs-Beatmungsgeräte also auch anderswo eingesetzt werden – dafür brauche man laut Schneider aber wenigstens eine Art Empfehlungsschreiben, offizielle Dokumente über die Bestätigung der fehlerfreien Funktionsweise durch die Bundesbehörden, die Regierung. Nur so könne man – Grund sind Haftungsfragen – die Beatmungsgeräte anderen Staaten anbieten, ausliefern. „Wenn die deutschen Behörden zum Ergebnis kommen, dass unser Gerät sinnvoll und praktikabel ist, das formal bestätigen, käme das einem Gütesiegel und auch einer gewissen Sicherheit für alle gleich“, sagt Schneider mit dem Verweis auf die mangelnde Zeit für sonst notwendige klinische Studien.

Die Tests, die Ärzte des Uni-Klinikums Gießen-Marburg in den vergangenen Wochen gemacht haben, seien jedenfalls positiv verlaufen, bestätigte zuletzt Physik-Professor Martin Koch, Kopf des „Breathing Projects“. Das Bundesinstitut für Medizinprodukte hatte kürzlich angekündigt, das Produkt „mit höchster Priorität“ untersuchen zu wollen. Nach möglicher Lieferung einiger Geräte in andere Länder – so die Idee aller „Breathing Project“-Beteiligter – obliege es dann den jeweiligen Gesundheitsministerien, selbstständig weitere Tests durchzuführen, sich nach kurzer Einweisung für oder gegen einen Notfall-Einsatz zu entscheiden.

Bei einigen Medizinern und Technikern sorgt das in Deutschland schleppende Verfahren jedenfalls für Verwunderung, da es von Wissenschaftlern und Spitzenpolitikern wochenlang hieß, Intensivbetten samt Beatmungsgeräte könnten knapp werden.

Das Gesundheitsministerium um Jens Spahn (CDU) hatte daher Unternehmen im März gebeten, kurzfristig in die Herstellung von Schutzausrüstung einzusteigen. Die Resonanz auf den Aufruf sei „überwältigend“ gewesen, teilte der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) damals mit, rund 100 Firmen fertigen seitdem also Masken, Filter und andere Schutzausrüstung.

Aber Medizintechnik? Das Feld lag vor allem wegen des hohen technischen Aufwands abseits der Spezialunternehmen wie dem Lübecker Unternehmen Dräger weitgehend brach. Bis Schneider kam – und vergangene Woche die nordhessische Firma Viessmann ankündigte, ebenfalls Beatmungsgeräte produzieren zu wollen. Das Unternehmen kann nach eigenen Angaben viele Teile von Gasheizungen übernehmen und rund 600 Stück pro Tag produzieren.

Die Beatmungsgeräte sollen laut Viessmann mobil einsetzbar und nicht auf die technische Infrastruktur einer Klinik angewiesen sein. Wie Optik Schneider setzt man in Allendorf/Eder auf eine Sonderzulassung beim Bundesinstitut.

International gibt es Vorbilder: In Spanien stellt der Autobauer Seat in der Coronakrise Beatmungshilfen her – bis zu 300 pro Tag.

Die spanische Zulassungsbehörde hat die Beatmungshilfen, die von einem Start-up entwickelt wurden, zügig freigegeben, sie sind inzwischen in Krankenhäusern im Einsatz.

In den USA sind laut Präsident Donald Trump mittlerweile so viele Geräte etwa von Ford hergestellt worden, dass man diese „Überproduktion“ bei Bedarf unter anderem nach Deutschland schicken wolle, sagte er am vergangenen Wochenende.

Von Björn Wisker

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