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Marburg Nachwuchspreis für Dr. Maik Luu
Marburg Nachwuchspreis für Dr. Maik Luu
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09:55 29.07.2020
Der Marburger Biomediziner Dr. Maik Luu erhält den Nachwuchspreis 2020 der von-Behring-Röntgen-Stiftung. Quelle: Manfred Hitzeroth
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Marburg

Für den jungen Marburger Biomediziner Dr. Maik Luu ist es eine große Ehre, dass er den diesjährigen Nachwuchspreis der Marburger von-Behring-Röntgen-Stiftung erhält. „Ich war in den vergangenen Jahren immer schon bei den Preisverleihungen dabei. Der Preis hat ein großes Renommee“, freut sich der 26-Jährige im Gespräch mit der OP. Vorgeschlagen worden war er von seinem Doktorvater Professor Alexander Visekruna. Eine Fachjury fällte die Preis-Entscheidung. Im Mai erhielt Luu nun die Benachrichtigung, dass er in diesem Jahr einer der beiden Preisträger sein wird; die feierliche Übergabe erfolgt voraussichtlich im Oktober in Marburg.

Mindestens genauso wichtig ist für Luu aber auch die Höhe der Preissumme von 5000 Euro, die im Gegensatz zu anderen wissenschaftlichen Auszeichnungen nicht zweckgebunden ist. Zu großen Teilen kann er das Preisgeld nämlich dafür verwenden, seine Bafög-Schulden abzuzahlen. Damit schafft er es voraussichtlich, schon wenige Jahre nach dem Abschluss seines Studiums Schuldenfreiheit zu erlangen. Einen Teil des Geldes will er aber auch seinen Anfang der 80er-Jahre als „Boat people“ aus Vietnam nach Deutschland übergesiedelten Eltern zur Verfügung stellen, die den in Eschweiler bei Bonn geborenen und aufgewachsenen jungen Mann immer auf seinem akademischen Werdegang unterstützt haben. Und vielleicht, wenn dann noch etwas übrig bleibt, will sich Maik Luu noch einen kleinen Urlaub gönnen, coronabedingt wahrscheinlich in Deutschland.

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Noch mindestens bis zum nächsten Frühjahr wird Luu an der Marburger Universität bleiben. Der Postdoktorand kümmert sich um sein von der von-Behring-Röntgen-Stiftung gefördertes Forschungsvorhaben, das nach einem Jahr Laufzeit noch einmal um ein Jahr verlängert worden war und mit zwei mal je 100 000 Euro finanziell gefördert wird.

Darin erforscht Luu einen Proteinkomplex, der dem Immunsystem einerseits Informationen über Fremdkörper wie Bakterien und Viren liefert und andererseits für den Stoffwechsel sowie die Aktivität von Immunzellen essentiell ist. Eine Erhöhung der Konzentration dieses Immunoproteasoms in der Zelle ist oft bei Autoimmunerkrankungen und chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen messbar. Betroffene Patienten haben ein erhöhtes Risiko der Darmkrebsentstehung. In Vorarbeiten hat der Nachwuchswissenschaftler bereits verschiedene Wirkstoffe untersucht, welche die Funktion des Proteinkomplexes gezielt hemmen können. Sein Ziel ist es jetzt, in einer Verbindung von therapeutischen Ansätzen und Methoden der Molekularbiologie zu klären, ob damit ein Fortschreiten der Darmerkrankung und entzündungsbedingte Tumorentstehung verhindert werden können.

Bakterien sollen Enzym abbauen

Luu ist auf der Spur von spezifischen mikrobiellen Produkten für ein Enzym, das Proteine in der Zelle abbaut und bei Entzündungen überproportional produziert wird. Die Grundidee des Forschers ist es, diesen Prozess zu unterbrechen und dabei gewissermaßen auf eine „biologische Hilfe“ zu setzen: den Einsatz von „Lakto-Bazillen“. Bekannt ist bereits, dass diese Bakterien Substanzen produzieren, die den Prozess unterbrechen. Ein Ziel könnte es sein, Stoffwechselprodukte wie Fettsäuren oder kurze Protein-Stücke zu isolieren. Die genauen Stoffklassen zu identifizieren und Zielmechanismen herauszufinden, gehört ebenso zu dem Forschungsprojekt.

Seine Forschungsidee sieht der promovierte Humanbiologe als Bestandteil eines großen Wandlungsprozesses in der Welt der Forschung. Denn früher seien Bakterien vorwiegend als schädlich angesehen worden. Mittlerweile werde aber immer mehr auch die Chance der Fähigkeiten der Bakterien entdeckt und die Möglichkeit, dies als „biotechnologische Fabriken“ zu nutzen. Aus Sicht des Nachwuchsforschers könnte das für die kommenden Jahre eine wissenschaftlich „Goldgrube“ darstellen. Das Forschungsfeld werde auf jeden Fall intensiv erforscht und es gebe zunehmend neue Forschungsansätze. „Aber noch sind längst nicht alle Fragen beantwortet. Wir versuchen, immer präziser zu werden und neue Toolboxen zu entwickeln“, sagt Luu.

Neben der Bakterien-Forschung ist die Forschung an T-Zellen, die wichtige Rollen bei Krebserkrankungen spielen, ein weiteres wissenschaftliches Standbein von Luu. Dass der Fokus der medialen Öffentlichkeit und auch der Forschungs-Öffentlichkeit derzeit wegen der allumfassenden globalen Bedrohung durch das Covid-19-Virus derzeit vorwiegend auf virologischen Themen liegt, sieht Maik Luu ein wenig mit Sorge. „Denn die anderen Erkrankungen wie Tumor- oder Entzündungkrankheiten gibt es ja parallel weiter“, sagt Luu. Und zumindest in den wissenschaftlichen Journalen habe sich der Schwerpunkt und damit auch die Aufmerksamkeit derzeit sehr stark auf Corona und Co. verlagert. Ob das bei der Verteilung von Fördergeldern auch so sei, das könne er allerdings momentan noch nicht beurteilen, kommentiert Luu.

Seine äußerst erfolgreiche Zeit an der Marburger Universität, an der er im vergangenen Jahr im rekordverdächtigen Alter von 25 Jahren seine Promotion abgeschlossen hat, wird voraussichtlich im kommenden Jahr zu Ende gehen. Maik Luu will das von der Medizinstiftung noch bis April 2021 geförderte Forschungsprojekt abschließen und sich dann auf akademische Wanderschaft begeben. Für den zweiten Teil seiner „Postdoc“-Phase plant er, an eine Universität im süddeutschen Raum zu wechseln und sich dort verstärkt der T-Zellen-Forschung zu widmen. Und zudem arbeitet der Nachwuchsforscher auch schon an den Vorbereitungen für seine Habilitation, um möglicherweise schon bald einer der jüngsten Professoren in Deutschland zu werden.

 

Von Manfred Hitzeroth

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