Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Bachchor singt Johannespassion
Marburg Bachchor singt Johannespassion
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:00 29.03.2022
Chor und Orchester während der Aufführung der Johannespassion in der Lutherischen Pfarrkirche.
Chor und Orchester während der Aufführung der Johannespassion in der Lutherischen Pfarrkirche. Quelle: Tobias Hirsch
Anzeige
Marburg

Augenblicke ergriffener Stille können manchmal eine Ahnung von Ewigkeit vermitteln. Bis in die Ewigkeit schien sich die Zeit zu dehnen, bevor am Sonntagabend nach den letzten Worten des Schlusschorals der Johannespassion die ersten Zuhörerinnen und Zuhörer applaudierten.

Zwei Stunden Bach muss man wohl auch erst einmal sacken lassen, und selbst als sich Schiff und Empore der Lutherischen Pfarrkirche kurz nach 19 Uhr leerten, dürfte der Eindruck dieser eher selten aufgeführten Passion noch lange nachgewirkt haben – beim Publikum wie bei den Ausführenden des Marburger Bachchors, der das Werk unter der Leitung von Nicolo Sokoli mit dem Barockorchester „L’Arpa Festante“ und Gastsolisten bereits vor zwei Jahren schon einmal komplett einstudiert hatte. Doch dann machte bekanntlich die Corona-Pandemie dem Projekt einen Strich durch die Rechnung.

Leiden und Tod Jesu wirken auf Menschen christlichen Glaubens Jahr für Jahr vielleicht noch intensiver als die Geburt des Gottessohns. Leiden und Tod sind in der vorösterlichen Zeit des Jahres 2022 so präsent wie schon lange nicht mehr, und damit bietet die Geschichte der Kreuzigung des Jesus von Nazareth vermutlich auch Menschen anderer Religionen, ja: selbst nichtreligiösen Menschen die Möglichkeit zur Auseinandersetzung mit Themen wie Gewalt und Verrat, aber auch Nächstenliebe und selbstloser Aufopferung.

Johann Sebastian Bachs Passionsmusik verdichtete Chöre, Choralpassagen, Rezitative und Arien zu einem Gesamtwerk, dem man sich nur schwer – und sei es auch nur für einen Augenblick – entziehen kann. Kaum einen Platz gab es in der Pfarrkirche, vor dem nicht das aufgeschlagene Programm mit den Texten lag.

Abgrundtief klagende Trauer

Aus dem weit nach hinten in den Altarraum gestellten Chor und dem davor sitzenden, auf historischen Instrumenten musizierenden Kammerorchester formte ein äußerlich zurückhaltend dirigierender Sokoli einen Klangkörper, der dem Werk ebenso gerecht wurde wie den akustischen Herausforderungen eines Kirchenraums, der viel schluckt, aber auch viel zu geben vermag. Was da im Gesamtbild an Dynamik herauszuholen war, Chor und Instrumentalisten holten es heraus.

Als Evangelist und Tenor fiel Georg Poplutz sicherlich der größte Part unter den Solisten zu. Flüssig in den Koloraturen der erzählerischen Passagen zeigte sich da ein bestens disponierter Sänger, der zudem den Arien höchste Emotionalität verlieh: Wie verzweifelt Simon Petrus gewesen sein muss, nachdem er Jesus dreimal verleugnet hatte – es war in der eindringlichen Interpretation des Frankfurter Tenors in jeder Faser zu spüren.

Doch auch die Basspartien waren mit Thomas Gropper (Pilatus, Arien) und Jens Hamann (Jesus) wirkmächtig besetzt. Während der warm intonierten Arien der Altistin Anne Bierwirth drängte das Orchester bisweilen ein wenig zu forsch in den Vordergrund, doch da mochte der Höreindruck zwischen Empore und mittlerem Kirchenschiff komplett unterschiedlich gewesen sein.

Bierwirths an diesem Abend vielleicht stärkster Moment: Nachdem die letzten Worte Jesu – „Es ist vollbracht“ – in einem hoffnungsgetränkten Durdreiklang endeten, nahm die Altistin die Worte auf und drehte sie mit der kleinen Terz in abgrundtief klagende Trauer. Ein kleiner Halbton Unterschied als großer emotionaler Kipppunkt. Heike Heilmann schließlich sang die Sopranpartien der Johannespassion gleichermaßen mit Hingabe und Professionalität. Bei den von ihr interpretierten Zeilen „Erzähle der Welt und dem Himmel die Not: Dein Jesus ist tot“ brauchte dann wohl auch niemand mehr das Textheft.

Diese kleinen Momente, aber auch der musikalisch stimmige Gesamteindruck von Chor, Orchester und Solisten sowie vielleicht, ganz im Hintergrund, das kollektive Verzweifeln am aktuellen Weltgeschehen – all das war es wohl, was für 340 zutiefst beeindruckte Zuhörerinnen und Zuhörer den frühen Sonntagabend in Marburgs Lutherischer Pfarrkirche zu wesentlich mehr machte als zu einer ausschließlich kulturell-religiösen Pflichtveranstaltung.

Bereits die Generalprobe am Samstag hatten gut 200 Gäste verfolgt – für den Marburger Bachchor in der Summe eine mehr als gelungene Rückkehr in den Konzertbetrieb.

Von Carsten Beckmann

29.03.2022
Marburg Erfahrungen im Kriegsgebiet - „Die Ukrainer kämpfen bis zuletzt“
29.03.2022