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Marburg „Corona nutzen, um Bordelle dichtzumachen“
Marburg „Corona nutzen, um Bordelle dichtzumachen“
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10:56 06.09.2020
Eine Prostituierte wartet auf Kundschaft. Derzeit sind wegen der Pandemie sexuelle Dienstleistungen verboten. Quelle: Andreas Arnold/dpa/Archiv
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Marburg

Die Marburger „Bürgerinitiative gegen Bordell“ hat 26 Organisationen hinter sich versammelt und fordert ein generelles Sexkauf-Verbot in Deutschland.

Die mit der Corona-Pandemie und den Hygieneregeln einhergehenden anhaltenden Bordell-Schließungen sollten beibehalten, die Vorschriften zum „Einstieg in den Ausstieg“ der Prostitution genutzt werden, wie die BI-Vorsitzende Inge Hauschildt-Schön im OP-Gespräch sagt. Der aktuelle Appell in Form eines Offenen Briefs richtet sich an Bundes- und Landespolitiker sowie Behörden.

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Vorbild solle laut der Marburger Initiative das sogenannte nordische Modell sein, das neben einem Sexkauf-Verbot vor allem eine Freier-Bestrafung und Ausstiegsprogramme für Prostituierte vorsieht. „Es gilt, die Chance zu nutzen“, sagt Hauschildt-Schön.

Man habe in der Politik und den Behörden angesichts des Covid-19-Erregers offenkundig Probleme, vor allem bei der Einhaltung von Hygienestandards in Bordellen erkannt – nun gelte es, „den nächsten Schritt zu gehen und das ausbeuterische, repressive Gewerbe ganz zu regeln, Bordelle dichtzumachen“.

Öffne man die Bordelle unter Pandemie-Bedingungen wieder, könne das zu „unkontrollierbaren Ausgangspunkten eines erneuten Corona-Ausbruchs werden“, die gesundheitlichen Gefahren für Freier, deren Kontakte und nicht zuletzt die Prostituierten selber seien groß. Aber: Die geltende Bestrafung für Frauen, die weiterhin Prostitution nachgehen, müsse durch staatliche Hilfen ersetzt werden.

Marburger BI fordert Ausstiegsberatung

Viele seien Armutsprostituierte ohne festen Wohnsitz und benötigten das Geld aus der Prostitution zum bloßen Überleben. „Statt einer Strafe müssen ihnen jetzt schnellstens staatlich finanzierte Notunterkünfte vermittelt werden und sie brauchen dringend eine sofortige intensive und qualifizierte Ausstiegsberatung sowie eine unbürokratische und schnelle Existenzsicherung“, heißt es in dem Offenen Brief der Marburger BI an die Spitzenpolitik.

Die Bürgerinitiative kämpft seit rund 15 Jahren für Verbesserungen im lokalen und bundesweiten Rotlichtmilieu, sie versuchte 2005 den Bau und die Eröffnung des Großbordells „Erotic Island“ in der Marburger Siemensstraße zu verhindern. Bis heute prangert sie regelmäßig Werbeplakate des Betriebs in der Stadt an und protestierte gegen Um- und Ausbaupläne.

80 Prozent sind Ausländerinnen

Rund 33.000 Menschen – davon rund 3.700 in Hessen – arbeiten offiziell als Prostituierte in Deutschland. So viele waren Ende 2018 laut Statistischem Bundesamt bei den Behörden nach dem Prostituiertenschutzgesetz gemeldet. Die Dunkelziffer dürfte Experten zufolge deutlich höher liegen, da sich viele nicht registrieren lassen und die Fluktuation in Bordellen groß ist.

Der Großteil der Prostituierten (76 Prozent) in Deutschland ist demnach zwischen 21 und 44 Jahre alt, sechs Prozent waren zwischen 18 und 20 Jahre alt. Die meisten stammten aus dem Ausland. Den Statistikern zufolge besaß knapp ein Fünftel (rund 6.200) die deutsche Staatsangehörigkeit. Rund 1.600 Gewerbe hatten eine erteilte oder vorläufige Erlaubnis.

Durch eine Gesetzesänderung in Anlehnung etwa an das schwedische Modell wäre Prostitution weiterhin legal, jegliche Inanspruchnahme von erotischen und sexuellen Dienstleistungen allerdings strafbar, was einem Quasi-Verbot gleichkommen würde.

Von Björn Wisker