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Marburg Marburger schreibt ersten Corona-Roman
Marburg Marburger schreibt ersten Corona-Roman
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08:00 03.06.2021
Der Autor Andreas Lehmann.
Der Autor Andreas Lehmann. Quelle: Christopher Utpadel
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Marburg

Nebenan in der Wohnung wird Klavier gespielt. Immer wieder. Täglich. Es beginnt schon früh. „Den jungen Mann hat er einmal erst gesehen, und bis alle zu Hause bleiben mussten, wusste er nicht, dass er Musik studierte.“ Er, das ist Martin Oppenländer, der unscheinbare Held in Andreas Lehmanns Roman „Schwarz auf Weiß“. Und die Zeit, in der alle zu Hause bleiben mussten, kennen wir alle ja zur Genüge. Wir stecken ja im Grunde noch mittendrin.

„Schwarz auf Weiß“ ist wohl der erste deutsche Corona-Roman, obwohl der Name der Pandemie nicht einmal fällt auf den 173 Seiten. Geschrieben hat ihn Andreas Lehmann, der 1977 in Marburg geboren wurde. Heute lebt er in Leipzig, arbeitet in einem Sach- und Fachbuchverlag und hat 2018 mit „Über Tage“ sein Roman-Debüt vorgelegt. „Angestelltenprosa“ nannte die Süddeutsche Zeitung sein Debüt – und meinte es nicht negativ. Im Gegenteil: Lehmann lote die Arbeitswelt aus, die Riten, die Büroabläufe. Er zeichne geradezu akribisch-exakt das Porträt eines Menschen, der Ruhe suche und überall auf Lärm stoße. Mit ihm sei die literarische Erkundung der Arbeitswelt, wie man sie etwa aus den 60er-Jahre-Romanen Max von der Grüns kenne, in der Gegenwart angekommen.

Der Traum von einer anderen Zukunft

Auch in „Schwarz auf Weiß“ steht ein Mann im Zentrum seiner Erzählung. Jahrelang hat Martin Oppenländer in einem Callcenter gearbeitet und sich dann selbstständig gemacht. Doch plötzlich steht die Welt still. Statt Antriebshilfe für den Start in ein neues Leben wird er „Hungerhilfe“ beantragen müssen. Und das erste Projekt, das er in seiner neu gewonnenen beruflichen Freiheit managen muss, ist „die Zeit zu organisieren, in der es nichts zu managen gibt“.

Lehmann kreist über seiner Figur, betrachtet, verfolgt und beschreibt den Alltag mit der nüchternen Distanz und Genauigkeit eines Wissenschaftlers, der ein ungewöhnliches Tier beobachtet, so wie Oppenländer die Taube, die sich scheinbar auf seinem Balkon niederlassen will. Da klingelt das Telefon. Eine Frau ist in der Leitung, eine Frau aus der Vergangenheit, eine Frau, deren Namen und Aussehen er vergessen hat. Sie dagegen erinnert sich genau an die Messe, bei der sie sich vor einer kleinen Ewigkeit zufällig getroffen hatten – sogar an den Espresso, der eine Frechheit gewesen sei. Es bleibt nicht das einzige Telefonat. Die beiden werden vertrauter miteinander am Telefon, können dort irgendwann sogar schweigen, ohne dass es peinlich wird.

Wer glaubt, diese Beobachtung eines völlig durchschnittlichen Menschen in einer völlig durchschnittlichen Pandemie-Situation sei langweilig, den belehrt Andreas Lehmann eines besseren. Dies liegt auch an seiner ungemein präzisen, klaren Sprache. Wie in „Über Tage“ dreht sich auch in „Schwarz auf Weiß“ alles um einen Menschen mit einem Allerweltsbürojob und dem Traum von einer anderen Zukunft: „Ein Leben, aus dem man sich nicht immerzu ein bisschen hinaus sehnt, kann ich mir jedenfalls nicht vorstellen“, lässt Lehmann seinen Protagonisten sagen.

Andreas Lehmann ist in Marburg aufgewachsen, hat „selbstverständlich an der Elisabethschule“ sein Abitur gemacht und war anschließend als Zivildienstleistender in der Uniklinik tätig – in der Pflege. „Das war eine wichtige Zeit in meinem Leben, eine wichtige Erfahrung“, sagte er im Gespräch mit der OP.

Er schrieb den Roman in nur sechs Monaten

Wie in seinem Romandebüt handelt auch „Schwarz auf Weiß“ im Grunde von der Arbeitswelt, wenn auch von einer verhinderten. Sein „Held“ Martin Oppenländer ist aus dem ungeliebten Job geflohen, ist damit auch aus seinem sozialen, kollegialen Gefüge raus, das ihm zuvor immer ein wenig suspekt war. Und jetzt vereinsamt er.

„Ich hatte schon einen andren Roman begonnen, dann kam Corona“, sagt Andreas Lehmann. Es sei eine völlig neue Situation für alle. „Ich musste keine Angst haben, ich bin ein Angestellter. Halbtags zwar, um Zeit zum Schreiben zu haben, aber abgesichert.“ In „Schwarz auf Weiß“ habe er versucht, auszuloten, welche Auswirkungen Corona auf Menschen in einer ganz anderen, fragilen Situation hat. Geschrieben hat er den Roman in nur sechs Monaten. Sehr lesenswert.

Andreas Lehmann: „Schwarz auf Weiß“, Karl Rauch Verlag, 173 Seiten, 20 Euro.

Von Uwe Badouin