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Marburg Dieser Arzt programmiert die Marburger Corona-App
Marburg Dieser Arzt programmiert die Marburger Corona-App
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12:59 20.06.2020
Leander Melms ist der Kopf hinter der Covid-19-App des Universitätsklinikums Gießen-Marburg. Der Marburger Arzt hat Programmieren als Hobby – und so entstand der Corona-Online-Selbsttest, den mittlerweile mehr als 14.000 Landkreis-Bewohner und 700.000 Menschen bundesweit absolviert haben. Quelle: Björn Wisker
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Vom Arzt zum Programmierer und so zum Kopf hinter dem Corona-Online-Selbsttest: Die Entwicklung der Covid-19-App, einem Fragebogen mit integrierter Analyse-Software, am Universitätsklinikum Gießen-Marburg wäre ohne Leander Melms nicht möglich gewesen.

Ohne den 26-Jährigen hätten mehr als 14.000 Landkreis-Bewohner, mehr als 700.000 Menschen bundesweit keine Erst-Einschätzung über ihre jeweilige Corona-Infektions-Wahrscheinlichkeit bekommen.

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Jedenfalls hätten sie bei Fieber und Gliederschmerzen keine Indizien, keinen Rat vor dem heimischen PC oder Smartphone bekommen, sondern Ärzte, Praxen, Kliniken aufsuchen müssen – wegen der Ansteckungsgefahr galt es laut Gesundheitsexperten genau das während der nun endenden ersten Corona-Welle zu vermeiden.

„Ich hatte etwas in der Schublade, konnte damit helfen. Also habe ich das getan“, sagt Melms, der erst seit November 2019 mit dem Medizinstudium fertig ist, aber bereits seit zwölf Jahren Programmieren als Hobby hat. Alles begann mit einem für den damals 14-Jährigen verhunzten Großbritannien-Urlaub.

Zufall brachte ihn Richtung IT

Zeit mit den Eltern verbringen, das machen, was die machen? Nein, der jugendliche Melms übte Revolte aus, hatte keine Lust. Und als eine lange Zugfahrt von London nach Schottland anstand, wählte er sich im Buchhandel aus Protest keinen Roman, sondern eine x-beliebige Zeitschrift aus. Es war eine IT-Fachzeitschrift, die er dann auch las – über Tage, während Mama und Papa durch die Highlands fuhren, blieb er in der Unterkunft und tauchte tiefer ins Programmieren ein, schaute Internet-Sendungen mit Anleitungen und übte am Laptop.

Der Neuntklässler sollte drei Jahre später eine Lernzettel-App für Schüler entwickelt haben – ein Programm, in dem von Jugendlichen selbst erstellte Lernmaterialien und ihre gut bewerteten Klausuren hochgeladen werden konnten, so dass andere anhand dieser Dokumente besser lernen können. Nach dem Abi programmierte er als Nebenjob für Firmen, verdiente so Geld, wie Freunde das beim Kellnern taten. Melms ahnte da aber nicht, dass seine Programmierkünste Jahre später als Arzt plötzlich im Job dringend gebraucht würden.

„So eine Aufgabe bekommt man nicht oft“

Bei der Suche nach einem Doktorvater, bei dem er Medizin mit IT verbinden konnte, landete er im Studium bei „Deutschlands Dr. House“, Professor Jürgen Schäfer und dessen Zentrum für unerkannte und seltene Erkrankungen. Da trat er eine Hiwi-Stelle an, um „den Datenwust besser beherrschbar zu machen“ und lernte von einem Daten-Spezialisten viel über „das spannende Feld Data-Science“.

Melms’ damalige Aufgabe: Ein Programm schreiben, dass aus dem, was in der Fülle digitaler Patientenakten steht, die entscheidenden Worte herauslesen, den Kontext erkennen kann. Der technische Knackpunkt: Meist sind die elektronischen Schreiben, etwa Befunde, PDF-Dateien und somit kein Text-, sondern ein Bildformat. Bedeutet: Sein Programm müsste eher sehen als lesen können.

Basis lag schon in der Schublade

Woran Freizeit-Volleyballer Melms so tüftelt, sprach sich auf den Lahnbergen offenbar herum. Und so fand sich der programmierende Arzt kurz nach Ausbruch der Corona-Pandemie plötzlich im Büro von Kardiologie-Professor Bernhard Schieffer wieder, der ihm eine Idee präsentierte: Den Aufbau eines Patientenregisters, letztlich eher einer Art „Vor-Triage“, um frühestmöglich und vor Arztbesuchen herausfinden zu können, ob und wie verbreitet Corona-Krankheitssymptome wo bereits sind.

„Ich hatte schon etwas gebaut, das quasi in der Schublade lag und auf dem ich aufbauen konnte“, sagt er und verweist auf eine bereits geschriebene Software für den Einsatz in Schäfers Abteilung. Also mussten die Profs ihn nicht fragen, drei Tage später zeigte er ihnen die erste Covid-19-App-Version.

Bislang nur Hobby-Programmierer

„Ich habe immer schon in der Lösung von Problemen gedacht. Und so eine spannende und wichtige Aufgabe wie diese, bekommt man sicher nicht oft.“ Die App ist ab sofort Teil des hessenweiten Online-Services „Meldung eines Corona-Verdachtsfalls“. Das teilten ekom21, der größte kommunale IT-Dienstleister in Hessen, und das UKGM nun also kurz vor Erscheinen der bundesweiten Corona-Tracing-App mit.

Bis heute ist Melms, der 2013 aus Niedersachsen an die Philipps-Uni kam, eigentlich nur Hobby-Programmierer, besuchte nie einen Informatik-Kurs, brachte sich alle Sprachen und Codes selbst bei. An dem, was er etwa an Mitmach-Projekten im Internet fand, übte er.

„Wollen die Menschen aus der Masse fischen“

Im Hintergrund des Covid-19-Fragebogens gleicht seine Software anhand der vom Nutzer angegebenen Symptome an deren Zusammenspiel ab, wie wahrscheinlich eine Corona-Erkrankung ist, welcher Verlauf wahrscheinlich ist und wie die nächsten Schritte sein sollten. Doch wie akkurat kann so eine Ferneinschätzung sein?

Die Wahrscheinlichkeitsrechnung fußt auf dem, was die Ärzte von den am UKGM behandelten Corona-Patienten wissen. Anhand dessen und dem, was in der Fachliteratur bisher über Corona bekannt ist, modellierten Melms und Marburger Mediziner viele mögliche Fälle, Varianten und Verläufe, so dass der Computer die Gefährdung jedes Nutzers grob einschätzen kann und – mittlerweile nicht mehr nur etwaigen Corona-Infizierten – Handlungs-Empfehlungen gibt.

„So wollen wir die Menschen aus der Masse fischen, die wir wegen möglicher schwerer Verläufe – ob Corona oder andere Akuterkrankungen – in ärztlicher Behandlung sehen wollen.“ Das will er irgendwann auch wieder: Als Arzt Patienten sehen, statt als IT-Ass Algorithmen auf dem Monitor.

Von Björn Wisker

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