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Marburg Marburger Afrikanist feiert 90. Geburtstag
Marburg Marburger Afrikanist feiert 90. Geburtstag
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09:58 07.05.2021
Professor Herrmann Jungraithmayr sitzt kurz vor seinem 90. Geburtstag neben einem Gemälde, das ihn im Alter von 19 Jahren zeigt.
Professor Herrmann Jungraithmayr sitzt kurz vor seinem 90. Geburtstag neben einem Gemälde, das ihn im Alter von 19 Jahren zeigt. Quelle: Manfred Hitzeroth
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Ach, Afrika! Diesem Stoßseufzer, mit dem der ehemalige „Zeit“-Journalist“ sein Sachbuch über den schwarzen Kontinent übertitelt, kann sich der Afrikanist Professor Herrmann Jungraithmayr nahtlos anschließen. „Afrika wird vergewaltigt“, sagt der emeritierte Marburger Professor im Gespräch mit der OP. Damit meint er, dass den Menschen und Staaten Afrikas seit langen Zeiten auch nach dem Ende des Kolonialismus die westliche Lebensweise übergestülpt werde. Der modernen afrikanischen Entwicklung sieht sich Jungraithmayr fern, und ein wenig tun ihm die Menschen in Afrika auch leid. Denn der Forscher beobachtet seit Jahrzehnten die großen Schwierigkeiten beim Spagat zwischen der ursprünglichen afrikanischen Welt und Denkweise und der Moderne, die mit ihrer Schnelligkeit alles neu machen wolle. „Natürlich nehmen die Afrikaner das auch an und wollen das. Aber mit ihrer Mentalität können sie nicht mithalten“, beklagt Jungraithmayr.

Gewissermaßen ist auch der Marburger Wissenschaftler ein Ungleichzeitiger und rebelliert ein wenig gegen die moderne Welt. Seine Texte für seine Publikationen schreibt der ab heute 90-Jährige immer noch auf der Schreibmaschine und nicht auf dem Computer, und dem Internet verweigert er sich fast prinzipiell. Dafür aber nennt er eine reichhaltige Bibliothek mit Belletristik und Fachbüchern aus vielen Wissensgebieten sein eigen und nimmt auch als Mitglied zahlreicher wissenschaftlicher Gesellschaften am Geistesleben teil.

Der aus der oberösterreichischen Stadt Eferding stammende Gelehrte hatte bereits nach dem Studium der Afrikanistik, Ägyptologie und Ethnologie in Wien und in Hamburg von 1950 bis 1956 seine Faszination für Afrika entdeckt. Von Ägypten aus bereiste er im Jahr 1959 als Dozent des Goethe-Instituts in Kairo das erste Mal zusammen mit seinem Bruder Alfred die Gegend, der er später sein Forscherleben widmete. Es war eine Forschungsreise nach Darfur (Sudan) und Waddai (Tschad) zum Studium der Dajo-Sprache. Sehr viele Male durchquerte der Gelehrte danach zum Zwecke der Feldforschung Nigeria, den Tschad und den Sudan und gewann daraufhin in mehr als 50 Jahren ein umfassendes Bild der Sprachenfamilie des Gebietes zwischen dem Tschad und dem Zentralsudan.

„Mein Interesse an Afrika kam über die Sprachen“, erzählt Jungraithmayr. Und viele dieser teilweise immer noch nur mündlich überlieferten Sprachen hat er zum ersten Mal schriftlich festgehalten und ihre Grammatiken verfasst. Von seiner Akribie, seiner Belesenheit und seiner Forscherneugier zeugen Hunderte von Publikationen. Auch in seinem neunten Lebensjahrzehnt legt der immer noch vor Energie sprühende Forscher immer weiter regelmäßig Bücher oder Aufsätze in seinen Spezialgebieten vor. Der Ehrgeiz des klassischen Gelehrten alter Schule ist es, in seinem Spezialgebiet immer mehr Wissenslücken zu füllen – und das auch 25 Jahre nach seinem Ausscheiden aus dem aktiven Hochschuldienst.

Und er hat auch die Anerkennung der Afrikaner für seinen Einsatz für die Sprachen der Regionen erhalten. So wurde Jungraithmayr zum Ehrenhäuptling der Tangale ernannt – ein Titel, den er stolz trägt. Und zu seinem 80. Geburtstag erhielt der Marburger Forscher sogar den Besuch einer Abordnung des afrikanischen Stammes.

Anlässlich seines 90. Geburtstag, den Jungraithmayr an diesem Freitag begeht, ist auch wegen der Corona-Pandemie kein ganz großer Bahnhof angesagt, aber er erhält Besuch von seinen Kindern. Und es findet eine Art virtuelles Geburtstags-Symposium statt, bei dem zahlreiche Weggefährten und ehemalige Schüler ihre Glückwünsche übermitteln können. Initiiert hat diese Online-Feier Ludwig Legge, der Chef der Neuen Literarischen Gesellschaft (NLG) in Marburg.

Und das kommt nicht von ungefähr. Denn Jungraithmayr ist regelmäßiger Gast als Referent bei der NLG-Veranstaltung „Uni im Café“. Drei seiner Vorträge wurden in der dazugehörigen Buchreihe im Marburger Verlag Blaues Schloss auch publiziert. Nach Büchern zum Thema „Die Dreidimensionalität afrikanischer Sprachen“ und „Werkgeheimnisse afrikanischer Sprachen“ (gemeinsam mit Marie Gnom) erschien zuletzt vor kurzem Jungraithmayrs Buch „Die grüne Sahara“ (Band 27 der Reihe „Uni im Café, Neue Literarische Gesellschaft, Verlag Blaues Schloss Marburg, 87 Seiten, 12 Euro), in dem er einer möglichen Urheimat afroasiatischer Sprachen im Zentralsudan nachspürt. Denn die rund 150 tschadischen Sprachen im zentralen Sudan hatten nach Ansicht des Marburger Forschers ursprünglich ihre Wiege in der bis zum Jahr 3000 vor Chr. noch bewohnbaren und „grünen“ Ost-Sahara.

Sein Lebensmittelpunkt ist bereits seit dem Jahr 1963 Marburg. Seit mehr als 50 Jahren wohnt Jungraithmayr jetzt schon ununterbrochen in Marburg, so dass der gebürtige Österreicher sein Haus im Marburger Stadtteil Wehrda jetzt mit Fug und Recht seine Heimat nennen kann.

Dorthin zog es ihn nach dem Start seiner akademischen Karriere als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni Hamburg. Und das waren seine weiteren Stationen: Von 1963 bis 1967 war Jungraithmayr Assistent an der Marburger Philipps-Universität, wo er sich 1967 habilitierte und anschließend als Privatdozent tätig war. Es schloss sich von 1972 bis 1985 eine Professur für Afrikanistik an der Philipps-Universität Marburg an. Dazwischen war er 1983 als Gastprofessor an der Naidiguri University in Nigeria. Von 1985 bis 1996 hatte er den Lehrstuhl für Afrikanische Sprachwissenschaften an der Universität in Frankfurt/Main inne, wo er auch das Institut für afrikanische Sprachwissenschaften gründete.

Von Manfred Hitzeroth

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