Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Marburger Ärztin im Sea-Watch-Einsatz
Marburg Marburger Ärztin im Sea-Watch-Einsatz
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:17 25.07.2018
An Bord der Sea-Watch versorgt Ruby Hartbrich einen Patienten.  Quelle: Privatfoto
Marburg

Die Menschen treiben auf dem Mittelmeer, die riesigen Schlauchboote, völlig­ überladen, drohen unterzu­gehen. Sie haben nicht genug Treibstoff dabei, um jemals das Ufer zu erreichen. Nicht genug Nahrung, nicht genug Trinkwasser, keinen Schutz vor der brennenden Sonne, keine ­medizinische Versorgung.

Sie sind dehydriert, verbrannt von der Sonne und der Mischung aus Benzin, Urin und Salzwasser im Boot. Völlig verzweifelt schreien sie schon von Weitem um Hilfe, sind hysterisch. An Bord sind Männer, Frauen, Schwangere und sogar Säuglinge.

Die Marburger Ärztin Ruby Hartbrich ist ehrenamtlich für Sea-Watch im Einsatz. Privatfoto

Sea-Watch und andere private Hilfsorganisationen retten ­diese Menschen in Seenot auf dem Mittelmeer. Die Marburger­ ­Ärztin Ruby Hartbrich bricht bald zu ihrem sechsten Einsatz für Sea-Watch nach Malta auf, ehrenamtlich, freiwillig, in ­ihrem Urlaub.

Von Asyltourismus könne man nicht sprechen

Auf manchen Booten herrsche eine „komische stille Atmosphäre“, erzählt die Ärztin. Oft stelle sich erst später heraus, was während der Fahrt passiert ist: „Leute sind von Bord gefallen und ertrunken. Man hört auch, dass Mütter gezwungen wurden ihre Babys ins Wasser zu werfen, weil sie zu laut geschrien ­haben“, berichtet Hartbrich.

Von „Asyltourismus“, ein ­Begriff, den etwa der bayerische Ministerpräsident Markus Söder­ (CSU) prägte, könne man da nicht sprechen. „In der Regel kommen die Leute so schlecht informiert, dass sie gar nicht wissen, dass es Rettungsorganisationen gibt“, widerspricht sie den Vorwürfen, sie würden Menschen zur Flucht bewegen, gar gemeinsames Spiel mit den Schleppern treiben.

Die Menschen berichten den Rettern immer wieder, man habe ihnen erzählt, sie überqueren einen Fluss und sind dann in Deutschland. „Diese Menschen wissen nicht, was sie erwartet, haben vielleicht noch nie das Meer ­gesehen.“

Zitat

„Diese Menschen wissen nicht, was sie erwartet, haben vielleicht noch nie das Meer gesehen.“ 
Ruby Hartbrich, Ärztin aus Marburg und Seenotretterin bei Sea-Watch

Auf ihren dreiwöchigen Törns fuhr die Sea-Watch bislang bestimmte Muster im internationalen Gewässer vor der libyschen Küste ab, um Menschen in Seenot zu finden und zu retten. Außerdem war ein Flugzeug zur Sichtung im Einsatz. Die Retter dokumentierten auch Verstöße der libyschen Küstenwache, etwa wenn Flüchtlinge aus internationalem Gewässer wieder nach Libyen zurückgebracht werden. „Menschen, die wir treffen, sagen, sie würden lieber sterben, als in Libyen zu bleiben oder dorthin zurückzugehen.“

Kürzlich rettete die spanische Hilfsorganisation Proactiva Open Arms eine Frau aus den Trümmern eines Boots. Es sind grausame Bilder, die sich gerade im Netz viral verbreiten. Die völlig entkräftete Frau klammert sich mit weit aufgerissenen Augen an die Trümmer. Daneben treiben die Leichen eines kleinen Kindes und einer Frau.

Die Rettungsorganisation geht davon aus, dass die libysche Küstenwache sie dort zurückgelassen hat, weil sie sich weigerten mit zurück nach Libyen zu fahren. „Nur so kann ich mir das vorstellen“, sagt auch Hartbrich. Die Menschen erwarte in Libyen eine Bestrafung in einem der Internierungslager: willkürliche Folter, zu wenig Nahrung, keine medizinische Versorgung. Deutsche Diplomaten beschreiben die Zustände in den Lagern in Libyen als „KZ-ähnlich“.

Besonders belastend für Seenotretterin Hartbrich sind nicht die Einsätze auf den Schnellbooten der Sea-Watch – sondern zu hören, was den Menschen in Libyen passiert ist. Frauen, die schwanger von einer Vergewaltigung in einem der Lager sind. Menschen, die Narben zeigen, Schusswunden. „Zu sehen, dass Menschen dort wie Tiere behandelt werden.“ Sie seien gar nicht gewohnt, mit Respekt behandelt zu werden. So ducken sie sich zum Beispiel gleich weg, wenn jemand die Hand hebt. „Dieser normale menschliche Umgang ist gar nicht verankert. Das finde ich schlimm.“

Nach Hartbrichs Erfahrung ist es vor allem die Perspektive­ für die Kinder, die Menschen bewegt, die lebensgefährliche Flucht über das Mittelmeer zu wagen. „Wer kleine Kinder hat, würde doch alles unternehmen, damit sie Perspektiven für ihr Leben haben. Sie sagen, mir ist es egal, ob ich sterbe, aber meine Kinder sollen es besser haben.“

Aktuell sitzt die Sea-Watch sowie die Schiffe zweier weiterer ziviler Seenotretter, die „Seefuchs“ und die „Lifeline“ im Hafen von Valetta, Malta, fest. Sie haben keine Erlaubnis auszulaufen. „Wir haben eine voll einsatzfähige Crew, die sich dafür Urlaub genommen hat und nicht rausfahren darf.“

Umso­ härter sei es für die Retter an Bord, zu hören, dass wieder Menschen ertrinken. „Wer soll die Leute retten, wenn nicht wir? Es ist ja niemand da.“ Auch die „Moonbird“, ein Kleinflugzeug der Organisation, das aus der Luft aufklärt und koordiniert, wurde festgesetzt. Die Organisation stehe gerade vor Entscheidungen, wie es weitergehen soll. „Für alle steht fest, wir hören nicht auf. Wir versuchen dafür zu kämpfen, dass wir wieder ausfahren und dass wir weiter retten können.“ 

Zitat

"Es ist kein Verbrechen, Menschen zu retten, sondern eine Pflicht. Es ist ein Verbrechen, ihnen beim Ertrinken zuzugucken.“
Ruby Hartbrich, Ärztin aus Marburg und Seenotretterin bei Sea-Watch

Zuletzt stand die Organisation „Mission Lifeline“ vor dem Problem, dass sie zwar auslaufen durfte, aber tagelang keinen Hafen fand, in den sie mit den Geflüchteten an Bord einfahren durfte. Kapitän Claus-Peter Reisch steht nun in Malta vor Gericht. Ihm wird vorgeworfen, gegen internationales Recht verstoßen zu haben.

Wenn Innenminister Horst Seehofer (CSU) davon spricht, es dürfe kein „Shuttle“ zwischen Libyen und Europa geben, fällt es Hartbrich schwer zu glauben, dass Menschen solche Entscheidungen treffen können. „Es ist so offensichtlich, was dort passiert. Da sterben Menschen und die muss man retten.“ Alles andere – die Herkunft der Menschen oder der Kontext der Rettung – zähle für sie in diesem Moment der Not nicht. Die 28-Jährige vergleicht die Seenotrettung mit Notarzt und Krankenwagen an Land.

Hoffnung macht den Seenotrettern der Zuspruch aus der Bevölkerung. „Es ist schön zu sehen, dass Privatleute – wie wir es ja auch sind – für uns auf die Straße gehen.“ Positiv stimme sie auch, was Sea-Watch bis jetzt erreicht hat. „Wir konnten Zehntausende Menschen retten.“

Darauf wollen sich die Retter aber nicht ausruhen. Es müsse weitergehen, weil sonst wieder Tausende ertrinken würden. Am liebsten wäre es Ruby­ Hartbrich, die Arbeit der privaten Seenotretter würde nicht mehr benötigt, weil der Staat die Aufgabe übernimmt, Menschen vor dem Ertrinken zu retten. Und dass Menschen sich nicht mehr verteidigen müssen, weil sie humanitäre Hilfe leisten. „Es ist absurd, dass es so weit gekommen ist. Es ist kein Verbrechen, Menschen zu retten, sondern eine Pflicht. Es ist ein Verbrechen, ihnen beim Ertrinken zuzugucken.“

von Philipp Lauer