Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Marburger Ärztin ist eine „mutige Löwin“
Marburg Marburger Ärztin ist eine „mutige Löwin“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
14:56 27.12.2019
Ärztin, die nicht nur für Patientenwohl, sondern für Ethik in der Medizin kämpft: Cordula von Brandis-Stiehl.  Quelle: Archiv
Marburg

Mit dem Preis werden alle zwei Jahre Frauen gewürdigt, die sich gegen besondere Widerstände durchsetzen. Psychotherapeutin von Brandis-Stiehl gebe ein Vorbild für Frauen, weil sie ihre beruflichen Ziele trotz Handicap und gegen viele Vorurteile erreicht hat, begründet der Ärztinnenbund seine Wahl. Während der Oberstufenzeit wurde bei der Marburgerin, die 2020 in Ruhestand geht, die Augenkrankheit Retinitis pigmentosa diagnostiziert und nahm zunächst Abstand von ihrem ursprünglichen Wunsch des Medizinstudiums, weil sie nie so gefühllos werden wollte­ wie viele Ärzte, die ihr als Patientin begegnet waren. So begann sie ein Lehramtsstudium mit den Fächern Biologie, Chemie und Mathematik. 

Nach dem Referendariat folgte sie doch ihrem eigentlichen Traum und nahm ein Medizinstudium auf – in Santander, Spanien fand sie schließlich einen Studienplatz. Unterricht in Deutsch sicherte ihr dabei den Lebensunterhalt. Der erfolgreiche Studienabschluss gelang ihr unter erschwerten Bedingungen – während der Prüfungen erblindete sie vollständig und bestand, nicht zuletzt durch die Hilfe von Freunden beim Lernen, etwa mit auf Musikkassetten aufgesprochenen Lerninhalten. 

Seit 1991 lebt sie in der Universitätsstadt, arbeitete einige Jahre als Assistenzärztin an einer psychiatrischen Klinik. Nach „jahrelangem Kampf“ mit Behörden und gegen Vorbehalte, setzte sie durch, 1999 eine eigene Praxis zu eröffnen, berichtete die Geehrte kürzlich in ihrer Dankrede in Erfurt.

Brandis-Stiehl ist eine Verfechterin von Ethik und Moral in der Medizin. So spendet sie Geld etwa an die Johanniter oder die Ökumenische Krankenhaushilfe und kämpfte jahrelang als Kleinaktionärin der Rhön-AG – dem Mutterkonzern des Universitätsklinikums Gießen-Marburg – mit ihrem Stimm- und Rederecht auf Aktionärsversammlung für die Belange von Krankenhausangestellten.

Wie sie im OP-Interview einst sagte, sorgt sie sich um das Wohl der oft überlasteten Klinik-Mitarbeiter und wolle dies denen mitteilen, die am Betrieb des privatisierten UKGM verdienen. Die „Mutige-Löwin“-Auszeichnung für die Medizinerin fällt in Zeiten des Pflegenotstands – ein Thema, das Brandis-Stiehl schon vor fünf Jahren bei einer Aktionärsversammlung mit einem Antrag an den Vorstand thematisierte. Ihre Forderung: Geld für die ­Erforschung der ­Arbeitsbedingungen am UKGM bereitstellen.