Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg 1586: Zwei Wissenschaftler als Professoren abgelehnt
Marburg 1586: Zwei Wissenschaftler als Professoren abgelehnt
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
14:49 11.04.2022
Die Statue von Giordano Bruno in Rom.
Die Statue von Giordano Bruno in Rom. Quelle: Wikimedia Commons
Anzeige
Marburg

Ruhe. Frieden. Womöglich hatte es sich Petrus Nigidius, Rektor der Marburger Universität, eben mit einem guten Buch bequem gemacht, als die Magd des Hauses einen unangemeldeten Besucher einließ. Sekunden später stand ein heißblütiger, wild gestikulierender Neapolitaner im Zimmer und beschimpfte den biederen Marburger Professor in einer Lautstärke, die der im eigenen Haus noch nicht gehört hatte: Gegen das Völkerrecht habe der gelernte Jurist Nigidius gehandelt, gegen die Gewohnheit an deutschen Universitäten und gegen alle Interessen der Wissenschaft. Deshalb wolle er, der Eindringling, nicht länger als Mitglied der Marburger Akademie gelten!

Erst kurz zuvor, am 25. Juli 1586, hatte der Mann sich als Jordanus Nolanus Neapolitanus, Theologiae doctor romanensis / Giordano aus Nola und Neapel, Doktor der römischen Theologie in die Marburger Matrikel eintragen lassen und um Erlaubnis gebeten, philosophische Vorlesungen halten zu dürfen. Die hatte Nigidius ihm verweigert, und nun störte der Kerl in infamer Weise seinen Hausfrieden. Deshalb nahm der Rektor persönlich die Streichung aus der Matrikel vor. Das aber war ein so ungewohnter Vorgang, dass Nigidius die kleine Geschichte in der Matrikel erzählte und nur durch ein einziges Wort verriet, dass auch er gefühlsmäßig beteiligt war: facile / gern, willig habe er dem Neapolitaner seinen Wunsch erfüllt.

Giordano Bruno aus Nola, entlaufener Mönch, Philosoph und Dichter, vor zehn Jahren vor der Inquisition aus Italien geflüchtet, war Schwierigkeiten bei der Verbreitung seiner Lehre gewohnt. Erst einen Monat zuvor, am 28. Mai 1586, hatte er am College de Cambrai in Paris einen Skandal provoziert, indem er öffentlich „120 Thesen über Natur und Welt“ verkündete, die ihn in mehr als einer Hinsicht als ‚Systemsprenger‘ auswiesen.

Die Pariser Professoren hatten sich in eisiges Schweigen gehüllt, die Studenten aber den furor scholasticus, den Schülerzorn gegen ihn entfesselt. Gebrüllt, gepfiffen, die Zähne gefletscht und vor Wut auf die Pultdeckel geschlagen, als der Nolaner Aristoteles einen eingebildeten Esel nannte. So war ein einzigartiger Moment der Geistesgeschichte im Tumult untergegangen, als nämlich Brunos These Nr. 87 verlesen wurde: „Die jenseits des Saturns beständig sichtbaren Sterne sind Sonnen.“ Mit diesem Satz zertrümmerte Giordano Bruno nicht nur die Kristallschalen des geozentrischen Weltbildes, er postulierte, weit über Kopernikus hinausgehend, auch gleich noch die Unendlichkeit des Universums.

Davon wollte man nun auch in Marburg nichts wissen. Allerdings hatte die Sache auch für den Rektor Nigidius noch ein akademisches Nachspiel. Der hatte in seinem Matrikelzusatz nämlich behauptet, Brunos Vorlesungen in Marburg cum consensu facultatis philosophicae / mit Zustimmung der philosophischen Fakultät verhindert zu haben. Diese Worte wurden später ihrerseits in der Matrikel durchgestrichen – wir wissen leider nicht von wem. Jedenfalls gab es in Marburg, so viel zur Ehrenrettung der Universität, anscheinend keinen Konsens darüber, Giordano Bruno philosophische Vorlesungen zu verbieten.

Anfang Oktober 1586 kam ein weiterer akademischer Flüchtling nach Marburg. Auch Nikodemus Frischlin aus Tübingen, Poet, Schuldirektor, Komödiendichter und vieles mehr, war ein streitbarer Geist in der Gelehrtenwelt des 16. Jahrhunderts. Seine zahlreichen akademischen Gegner ging er gerne polemisch an. Den einen warf er vor, von Theologie so viel zu verstehen wie geschlachtete Schweine, anderen legte er nahe, am besten nur noch Leichenpredigten zu halten, da die Leute schon aufgrund ihres schlechten Stils zu weinen beginnen.

Trotz solcher Ausfälle wunderte sich Frischlin aber immer wieder darüber, dass seine brüskierten Tübinger Akademikerkollegen ihm keinen festen Lehrstuhl geben wollten. Stattdessen ließen sie ihn wissen: Eure Lehrer haben euch befördert. Ihr aber habt sie in der Weinfeuchte bei Mahlzeiten durchgezogen. Eure Sitten waren also das Hindernis und euer Lästermaul hat euch im Weg gestanden. Frischlin antwortete ebenso deutlich: Das weiß ich, dass ihr keinen befördert, der es nicht versteht, euch das Maul zu schmieren, mit hohen Titeln beide Backen aufzublasen, das Knie vor euch zu beugen und euch königliche Ehren zu erweisen.

Feinde denunzieren ihn

Seine Feinde denunzierten ihn schließlich wegen Ehebruchs, und Herzog Ludwig von Württemberg, der zwar ein begabter Jäger und Trinker, ansonsten aber sehr auf die öffentliche Moral bedacht war, verwies Frischlin daraufhin des Landes. Auf der Frankfurter Buchmesse tauchte der Verbannte daraufhin zuerst auf, immer noch trutzig, noch voll und toll, so laut redend auf der Straße, dass die Leute aus den Buden herauskamen, zu sehen, wer das sei.

In Marburg hieß man den berühmten Dichter mit Trinkgelagen willkommen, und ein Jurastudent hatte sogar ein lateinisches Begrüßungspoem für ihn verfasst. Einer angeheiterten Tischgesellschaft gegenüberstehend, brachte er vor Aufregung aber nicht mehr heraus als den ersten Vers, Tu Frischline vates! / Du, Frischlin, begnadeter Dichter, den er dann stotternd solange wiederholte, bis der Angesprochene zurückreimte: Tu mihi linge nates! / Du, leck mich am Arsch! Eine Professur wollte man aber auch Frischlin in Marburg nicht übertragen, sodass er nach kurzer Zeit weiterziehen musste – in seinen Untergang.

Die beiden wortmächtigen Persönlichkeiten trafen übrigens im folgenden Jahr, 1587, an der Universität Wittenberg aufeinander, wo man ihnen im Gegensatz zu Marburg erlaubte, Vorlesungen zu halten. Dabei waren sie allerdings eher Konkurrenten als Kollegen, und wie gut sie einander kannten bezeugt Bruno in einer Schrift über metaphysische Begriffe. Bei der Besprechung der Abstufungen des Erkennens schreibt er: „Die erste Sache, die sich uns von Weitem präsentiert, ist ein farbiger Körper. Indem wir die Bewegung des Körpers sehen, halten wir ihn für einen animierten Körper. Wenn wir die Anordnung der Glieder erkennen, wissen wir, daß es sich um einen Menschen handelt. Indem wir die Kleider betrachten, erkennen wir, daß es ein Deutscher ist, und aus der ersten Sache, die er macht, erkennen wir Frischlin.“

– Unser Gastautor, der Marburger Schriftsteller Christoph Becker, hat unter seinem Pseudonym Daniel Twardowski Anfang des Jahres sein Buch „Marburg 1222“ veröffentlicht, das je zur Hälfte aus einem historischen Roman über Marburg vor 800 Jahren und einem Wissensabschnitt besteht. (Rathaus-Verlag Marburg; Marburger Stadtschriften zur Geschichte und Kultur Band 115; 320 Seiten, 12,22 Euro.

So ging es für sie weiter

Nikodemus Frischlin legte sich weiter mit Land und Leuten an und wollte zuletzt eine eigene Druckerei gründen, um seine Kampfschriften unters Volk zu bringen. Darum ließ der Herzog von Württemberg ihn auf der Festung Hohenurach einkerkern. Von der Ungewissheit über sein Schicksal und dem Ohn-Züffer / Ungeziefer in seiner Zelle schier aufgefressen, stürzte er bei einem Fluchtversuch in der Nacht auf den 29. November 1590 von der Festungsmauer und brach sich das Genick.
 
Giordano Bruno setzte seinen „Werbefeldzug“ für ein unendliches Universum noch einige Jahre fort. 1592 machte er den Fehler, nach Italien zurückzukehren, und verschwand für acht Jahre in den Kerkern der Inquisition. Nachdem er sich bis zuletzt weigerte, seine ketzerischen Ansichten zu widerrufen, wurde er am 17. Februar 1600 in Rom auf dem Scheiterhaufen lebendig verbrannt.
 
Christoph Becker: Giordano Bruno – Die Spuren des Ketzers. Ein Beitrag zur Literatur-, Wissenschafts- und Gelehrtengeschichte um 1600. 3 Bände. 1395 Seiten. Stuttgart 2007, ibidem-Verlag, 179 Euro.

Von Christoph Becker

08.04.2022
Marburg Corona-Fallzahlen - 15.664 aktive Corona-Fälle
08.04.2022
08.04.2022