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Marburg Knochen als „Schaufenster in Vergangenheit“
Marburg Knochen als „Schaufenster in Vergangenheit“
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08:55 26.03.2022
„Wolli“, das OP-„Marburg 800“-Maskottchen, vor dem Marburger Landgrafenschloss.
„Wolli“, das OP-„Marburg 800“-Maskottchen, vor dem Marburger Landgrafenschloss. Quelle: Manfred Hitzeroth
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Marburg

In diesem Jahr feiert Marburg die erste Erwähnung als Stadt 1222, also vor 800 Jahren. Grund genug für das große Jubiläumsjahr „Marburg 800“.

Die ersten Anfänge der Burganlage an der Stelle, wo heute das Landgrafenschloss thront, reichen sogar bis ins 9. Jahrhundert zurück. Die ersten Besiedlungsspuren um Marburg reichen noch viel weiter zurück: Sie sind für die Periode vor ungefähr 50.000 Jahren belegt.

Eine ganz besondere Erinnerung an die Marburger Frühgeschichte ist mit dem Knochen eines Wollnashorns verbunden, der im Jahr 1933 von Eduard Jakobshagen in einer Lehmgrube an der Ockershäuser Allee im heutigen Marburger Stadtteil Ockershausen gefunden wurde.

Der Knochen, der heute ein Bestandteil der Sammlung im Kasseler Naturkundemuseum ist, beschäftigte seit dem Auffinden die Phantasie der Menschen in Marburg. Denn ein kreisrundes Loch an einem Ende dieses Knochens ist eine besondere anatomische Auffälligkeit.

Mit Spezialkoffer auf die Lahnberge

Wie kam das Wollnashorn damals in Ockershausen zu Tode? Für den Marburger Geologen Professor Reinhold Huckriede war der Fall klar: Es waren Jäger, die entweder mit einer Wurflanze oder einem Stoßspeer für die Wunde und den Tod des Tieres sorgten. Seine Ergebnisse wurden Mitte der 1970er Jahre in einem Sammelband zur Marburger Stadtgeschichte veröffentlicht.

Aber lassen sich diese Schlussfolgerungen auch mit den modernen Mitteln der Wissenschaft untermauern? Diese Frage trieb „Marburg 800“-Kurator Richard Laufner so sehr um, dass er rechtzeitig vor dem Jubiläumsjahr 2022 eine Untersuchung des Wollnashorn-Knochens in Auftrag gab, um die Todesumstände des Tieres eindeutig aufzuklären.

Und so brachte Dr. Cornelia Kurz, Kuratorin für Geologie und Paläontologie im Kasseler Museum, im August 2021 in einem großen Spezialkoffer das Untersuchungsobjekt aus der Vorzeit mit auf die Lahnberge nach Marburg. Professor Andreas Mahnken, Radiologe am Marburger Uni-Klinikum, erklärte sich bereit, den Knochen in seinem Labor auf den Lahnbergen einem CT-Scan zu unterziehen. Mit dabei bei der Untersuchung war auch der pensionierte Mediziner Dr. Helmut Lichti, der mittlerweile im heimischen archäologischen Projekt „Zeiteninsel“ mitarbeitet und den Kontakt zur Klinik herstellte.

„Wolli“ wog zwei Tonnen

Der Wollnashorn-Knochen wurde bei der Durchleuchtung im Computer-Tomographen auch mit dem unbeschädigten Knochen aus derselben Stelle eines aus Nordhessen stammenden Wollnashorns verglichen.

Bei dem Marburger Knochen handelt es sich wohl um die linke Speiche eines Vorderbeins, erläuterte Cornelia Kurz im Gespräch mit der OP. Der Größe des Knochens zufolge hatte es sich bei dem Tier wohl um ein kleineres Exemplar eines Wollnashorns gehandelt, das mit einem Gewicht von zwei Tonnen wohl eine Tonne leichter war als die schwersten Exemplare der um das Jahr 11.000 vor Christus nach dem Ende der Eiszeit endgültig ausgestorbenen Spezies.

Belegt ist das Vorhandensein der Wollnashörner für die Zeit zwischen 35.000 und 11.000 vor Christus. Wann genau das Ockershäuser Wollnashorn lebte, ist aber auch durch die Altersbestimmung mit der C14-Methode nicht mehr genau nachzuweisen, erklärt Cornelia Kurz.

Ein rundes Loch im Knochen

„Wir wollten uns die Struktur des Knochens genau anschauen und prüfen, ob wir Indizien für eine Verletzung durch einen Pfeil oder eine Lanzenspitze entdecken“, erklärte Andreas Mahnken. Doch die teilweise poröse Struktur des Knochens rund um das Loch deutet laut dem Radiologen, der schon viele andere menschliche und tierischen Knochen aus der Vergangenheit untersucht hat, eher nicht auf die Folgen der Vereiterung der Knochenwände hin, sondern auf nachträgliche mechanische Beschädigungen. Wahrscheinlich seien diese Schäden erst nach dem Tod entstanden, nachdem der Knochen im Boden mit Sand und Kies in Berührung gekommen sei. Zudem sei die Knochenmasse im Laufe der Jahrtausende wohl erodiert.

Ein auf Basis der CT-Daten errechnetes 3D-Modell zeigt die innere Struktur des kreisrunden Lochs im Knochen. Dieses sei zu symmetrisch, um Folge einer tödlichen Jagd gewesen zu sein, ergänzt Mahnken. Wenn es aber eine durch die Jagd hervorgerufene Verletzung gewesen sei, dann hätte der Knochen eigentlich die für solche Verletzungen charakteristischen Unregelmäßigkeiten aufweisen müssen. Abgesehen davon habe sich das Material einer damals gebräuchlichen Jagdwaffe nicht durch einen solch massiven und dicken Knochen des Wollnashorns durchbohren können, gibt Kunz zu Bedenken.

„Wolli“ beflügelt die Phantasie

Alles in allem sei die These des Todes bei der Großwildjagd eher nicht zu halten, sind sich die Experten einig.

Sei es wie es sei: Dass vor mehr als 13.000 Jahren „Wolli“ und seine Artgenossen die Gegend um Marburg bevölkerten, beflügelt die Phantasie von Richard Laufner immer noch. Und auch Mahnken ist fasziniert von dem Fundstück aus dem vorigen Jahrhundert, das sich auch als kleines „Schaufenster in eine vergangene Zeit“ erweist.

Und auch wenn es beim Stadtjubiläum zu „800 Jahre Stadt Marburg“ eigentlich ein wenig anachronistisch erscheinen könnte, so ist „Wolli“ als plüschiger Zeitzeuge der Region eigentlich ein sehr würdiges Maskottchen des Stadtgeburtstags.

Einen weiteren Artikel zu „Wolli“ (mit Gewinnspiel) lesen Sie hier.

Das Editorial zu unseren Sonderseiten zum Stadtjubiläum lesen Sie hier.

Von Manfred Hitzeroth

Marburg Marburg800 Editorial - Facetten eines „Bergdorfs“
25.03.2022