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Marburg „Unser“ Behring ist ein TV-Star
Marburg „Unser“ Behring ist ein TV-Star
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18:00 03.05.2022
Matthias Koeberlin (links) untersucht als Emil von Behring in der historischen Krankenhausserie „Charité“ Paul Ehrlichs hochschwangere Frau Hedda.
Matthias Koeberlin (links) untersucht als Emil von Behring in der historischen Krankenhausserie „Charité“ Paul Ehrlichs hochschwangere Frau Hedda. Quelle: ARD/Nik Konietzny
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Marburg

Mehr als 100 Jahre später wurde Behring posthum zu einem Fernsehstar. Denn im Jahr 2017 gab es zum ersten Mal im deutschen Fernsehen eine historische Krankenhaus­-Serie. Einer der Stars der TV-Serie „Charité“ war Emil von Behring, verkörpert von Matthias Koeberlin. Die erste Staffel der Serie spielte in Berlin im Jahr 1888. „Im Spannungsfeld zwischen bahnbrechender medizinischer Forschung und enormen gesellschaftlichen Umwälzungen ist die Charité auf dem Weg, das berühmteste Krankenhaus der Welt zu werden“, hieß es in der Ankündigung. „Zu Beginn des wilhelminischen Zeitalters werden dort jährlich bis zu 4 000 Patienten versorgt, die vor allem unter Infektionskrankheiten wie Tuberkulose, Diphtherie, Typhus und Cholera oder unter Geschlechtskrankheiten wie der Syphilis leiden.“

Emil von Behring war kein „Teamplayer“

Zudem seien dort mehr als 1 000 Studenten „von den renommiertesten Medizinern der Zeit ausgebildet worden“. Die Rede ist von den späteren Medizin-Nobelpreisträgern Rudolf Virchow, Robert Koch und Paul Ehrlich sowie eben Emil von Behring. „Unser Behring spielt eine Hauptrolle“, freute sich damals die Marburger Medizinhistorikerin Dr. Ulrike Enke. Sie wurde als Beraterin von Drehbuchautorin Dorothee Schön und der Ärztin und Medizinjournalistin Dr. Sabine Thor-Wiedemann als Expertin zu Rate gezogen und nach Hintergründen zu Behrings Lebenslauf befragt. Darin ging es natürlich vornehmlich um die Berliner Zeit des Mediziners.

Von 1888 bis 1894 forschte Behring am von Robert Koch geleiteten Berliner Institut für Infektionskrankheiten, das an die Charité angegliedert war. Nach einem kurzen Zwischenspiel in Halle wechselte Behring dann 1894 an die Marburger Universität. In Marburg wohnte er bis zu seinem Tod im Jahr 1917. Nachdem er 1901 für die Entdeckung des Heilserums gegen Diphtherie den zum ersten Mal überhaupt vergebenen Medizin-Nobelpreis erhalten hatte, gründete Behring mit dem Preisgeld in Marburg die nach ihm benannten Behringwerke, in denen Arzneimittel produziert wurden.

Nähere Aufschlüsse über Behrings Berliner Zeit konnte Ulrike Enke den Macherinnen der Serie unter anderem anhand von Briefen aus dem in Marburg gesammelten Behring-Nachlass geben, die der Forscher aus Berlin an seine Schwester Emma geschrieben hatte. Diese Briefe geben auch Aufschluss über die Persönlichkeit Behrings. Denn er sei eigentlich „kein Teamplayer“ gewesen, erläuterte Enke. Vor allem aber sei es ihm schwer gefallen, Erkenntnisse zu teilen. Auch wenn der Forscher Behring nicht im Charité-Krankenhaus arbeitete, hatte er doch noch eine sehr wesentliche Beziehung zum Umfeld des berühmten Krankenhauses. So heiratete er Else Spinola, die Tochter von Bernhard Spinola, dem damaligen Verwaltungsdirektor des Krankenhauses.

In Berlin war Behring eigentlich am von Robert Koch geleiteten Forschungsinstitut für Infektionskrankheiten beschäftigt und nicht als Arzt an der Charité, stellt Enke im Gespräch mit der OP klar. Allerdings hatte Behring vorher auch als Militärarzt gearbeitet und konnte als ausgebildeter Arzt auch operieren.

Und welche Rolle spielt der Mediziner in der im deutschen Drei-Kaiser-Jahr 1888 angesiedelten TV-Serie? „Er war ein durchaus komplizierter und sperriger Mensch“, sagt Behring-Darsteller Matthias Koeberlin. Der Wissenschaftler Behring habe lange Phasen der exzessiven Arbeit bis morgens um drei Uhr gehabt, in denen er sehr wenig geschlafen habe, erläutert Enke.

Ein Getriebener und Rebell

Neben dieser in Briefen und Tagebüchern dokumentierten Schlaflosigkeit sei auch nachgewiesen, dass Behring zeitweise wegen Depression in Sanatorien in Behandlung gewesen sei. Das sei ab 1907 sogar für drei Jahre der Fall gewesen. Und im fortgeschrittenen Alter ab dem Jahr 1910 habe er Narkotika – wahrscheinlich vorwiegend Morphium – genommen, um seine Schmerzen zu betäuben.

Behring als verrückter Wissenschaftler an der Grenze zwischen Genie und Wahnsinn? Diese Zuspitzung und Form der künstlerischen Freiheit mag Ulrike Enke so nicht mittragen. Allerdings sei Behring aus ihrer Sicht schon ein getriebener Mensch gewesen, der nicht in sich geruht habe. Er habe gegen seine wissenschaftlichen Vorgänger und die Schul­meinung auf kluge Weise rebelliert und „gegen den Strom“ gedacht. Dieses Denken habe ihm neue Räume eröffnet und zum wissenschaftlichen Durchbruch verholfen.

Behringroute: Auf den Spuren eines Nobelpreisträgers

Auf den Spuren eines Marburger Nobelpreisträgers die Stadt erwandern: Das ist auf der Behring-Route möglich. Am Hauptbahnhof kam Emil von Behring im Jahr 1895 mit dem Zug aus Berlin in Marburg an. Dort steht auch die erste Infotafel als Startpunkt für die Marburger Behring-Route zu seinen Ehren. Über die Bahnhofstraße und die Ketzerbach bis hin zum Hauptgebäude der ehemaligen Behringwerke in der Marbach und dem ehemaligen Schlossberg-Labor am Landgrafenschloss führt der mehr als dreistündige Weg, für den Karin Stichnothe-Botschafter mithilfe von Dr. Ulrike Enke eine Info-Broschüre konzipiert hat.

Neu gegenüber den vorherigen Stationen des Weges, auf dem zuvor schon Behring-Stadtführungen stattfanden, ist die Station an dem Haus Ketzerbach 11. Dort war ab dem Jahr 1927 – also zehn Jahre nach Behrings Tod – für einige Jahre die Geschäftsführung der Behringwerke untergebracht. In einer Nische im Hauseingang des heute von der Universität mitgenutzten Gebäudes findet man übrigens noch ein Extra: eine kleine Tafel mit einem Schwarz-Weiß-Foto aus den 20er-Jahren, das die versammelten Herren der Geschäftsleitung zeigt.

Mit einer Reihe von Fotografien und Originalzitaten ist auch die dreiseitige Infotafel etwas weiter oberhalb Richtung Marbach an der ehemaligen Behring-Villa unter dem Motto „Behring privat“ ausgestattet, die unter anderem Einblicke in Behrings Kaffeekränzchen gewährt. Der 1901 verliehene Nobelpreis für Behring, sein nicht immer leichtes Verhältnis zu dem Kollegen Paul Ehrlich sowie „Forschung und Impfung“, „Serumgewinnung und Serumtherapie“ oder „Schlossberg-Laboratorium als Baustein zur Werkgründung“ sind die Themen weiterer Stationen der Behring-Route, die auch im Wald zu seiner letzten Ruhestätte und an den Zaun des ehemaligen Hauptwerkes der Behringwerke führt.

Die Behring-Dauerausstellung im ersten Stock im Uni-Gebäude in der Bahnhofstraße 7 komplettiert den Weg. Sie ist allerdings an Wochenenden von Freitag um 13 Uhr bis Montag, 9 Uhr, üblicherweise wegen der Schließung des Gebäudes nicht zu besichtigen und wird nur für Stadtführungen geöffnet.

Von Manfred Hitzeroth