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Marburg Erinnerungen von Ur-Marburgern
Marburg Erinnerungen von Ur-Marburgern
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14:00 21.04.2022
Ein Ausschnitt des Titelcover des Buchs „Marburg erinnern. Gesichter erzählen Geschichten“.
Ein Ausschnitt des Titelcover des Buchs „Marburg erinnern. Gesichter erzählen Geschichten“. Quelle: Repro
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Marburg

Die 94-jährige Hannelore Berdux wurde im Jahr 1927 geboren, als die Universität ihr 400-jähriges Bestehen feierte. Immer noch gerne erinnert sie sich an ihre Kinderzeit in der Oberstadt. Ihr Vater stammte aus der Dynastie der Textilmanufaktur Piscator, und dessen Bruder war der später weltberühmte Theaterregisseur Erwin Piscator, dessen Namen heute die Marburger Stadthalle trägt. Stelzenlaufen, Klickerspielen und Puppen ausfahren. Das waren die Kinderspiele. „Wir hatten immer was zu tun. Wir haben uns immer verabredet. Auf Piscators Treppe haben wir immer gesessen. Da hat man sich unterhalten“, erzählt Hannelore Berdux. Auch an Schlittenfahren vom Zuckerberg beim Hotel Seebode bis hinunter nach Cappel erinnert sie sich noch gut.

Später führte sie bis 1970 zusammen mit ihrem Ehemann Hans ein Geschäft für Kindermode und später dann bis 2011 das Trachtengeschäft ihrer Schwiegereltern. In dieser Zeit erarbeitete sie sich auch ein breites Wissen rund um Trachtenkultur und Volkstanz.

Ihre Marburg-Erinnerungen sind Bestandteil eines Projektes zu „Marburg 800“, in dem 19 ältere Marburger interviewt wurden. Zudem wurden ihre Porträts in Gemälden und Fotografien festgehalten.

Schwimmen in und Schlittschuhlaufen auf der Lahn

Auch Hannelore Blanke (geborene Löchel) ist eine Ur-Marburgerin. Seit ihrer Geburt im Jahr 1935 lebt sie in der Hirsemühle am Trojedamm, wo ihre Eltern auf dem Mühlengemälde eine Gärtnerei betrieben. Direkt hinter der Mühle verlief damals der sogenannte Splittergraben, der die Menschen in Weidenhausen vor den Bombenangriffen schützen sollte.

Die Marburgerin kann sich noch daran erinnern, wie sie im April 1945 zusammen mit den anderen Kindern spielte, als die Amerikaner kamen und der Zweite Weltkrieg endlich vorbei war. Sie kann sich auch noch an Schwimmen in der Lahn im Sommer und Schlittschuhlaufen auf der Lahn im Winter erinnern. Zusammen mit ihrem Mann baute sie einen Schreinerbetrieb in Cölbe auf. Und sie engagierte sich 50 Jahre ehrenamtlich im Marburger Stadtteil Weidenhausen, vor allem in der Erlengrabengesellschaft.

„Wenn wir in diesem Jahr das Stadtjubiläum begehen, so ist es nur passend, dass die ältere Generation berichtet, woran sie sich erinnert und wie sie Marburg im Laufe der Zeit erlebt hat“, meinte Sozialdezernentin Kirsten Dinnebier bei der Eröffnung der Ausstellung.

Dr. Petra Engel, Leiterin des Fachdienstes Altenplanung, stellte die Lebensgeschichten der Marburger in einem Kurz-Vortrag in ihren jeweiligen historischen Kontext. Denn die 19 Marburger stammen aus unterschiedlichen Generationen – die einen aus der Nachkriegszeit, die anderen aus den 68ern – und sind damit auch unterschiedlich geprägt worden. „Die heutige Ausstellung zeigt, das Erinnern und Erleben essentiell sind, um erfinden zu können“, sagt Engel: „Die Fotos und Gemälde der Gesichter dieser Marburger, die ihre Geschichte erzählen, sind eine Momentaufnahme älter werdender Menschen im Jubiläumsjahr und führen gleichzeitig durch die Geschichte der Stadt“.

Der „Ockershäuser Junge“ und spätere Heimatforscher Reinhold Drusel, der Cappeler Gaststättenbetreiber Heinz Carle und der langjährige Stadtjugendpfleger Carl-Ernst Boss sind weitere Marburger, die in der zur Ausstellung gehörenden Stadtschrift über ihr Leben berichten und ausführlich zu Wort kommen. Zu den in Wort und Bild Porträtierten zählen unter anderem auch Schausteller Adi Ahlendorf und Linken-Kommunalpolitikerin Renate Bastian. 

Ausstellung und Stadtschrift

Mit der Ausstellungseröffnung präsentierte die Stadt Marburg auch die gleichnamige Stadtschrift „Marburg erinnern – Gesichter erzählen Geschichten“ als Band 116 der Reihe. „Die Publikation gewährt ebenso wie die Ausstellung Einblicke in die Lebensgeschichten von insgesamt 19 älteren Marburgern im Alter von 60 bis 97 Jahren“, sagt Projektleitung Petra Heuser vom Fachdienst Altenplanung. Dabei fing die Fotografin Heike Heuser ihre Mitbürger auf Fotos ein, während Dr. Sabine Schock sie malte. Mitglieder der Projektgruppe Planung und Gestaltung interviewten die Marburger. Aus diesen Informationen erstellte die freie Autorin Katrin Völker Kurzporträts, die Interessierte sowohl in der Ausstellung als auch in der Langfassung in der neuen Stadtschrift lesen können.

Die Ausstellung setzte der Fachdienst Altenplanung der Stadt Marburg zusammen mit der Freiwilligenagentur Marburg-Biedenkopf sowie den Aktiven Bürgern Cappels, der Alzheimer Gesellschaft Marburg-Biedenkopf, dem Arbeitskreis Soziale Brennpunkte, dem Bewohnernetzwerk für Soziale Fragen, dem Club der Aktiven am Ortenberg, dem Dorfcafé Bortshausen, Freiwilligen aus Wehrda, Ockershausen und dem Campusviertel, dem Heimat- und Kulturverein Elnhausen und dem Seniorinnen-/Seniorenbeirat um.

Interessierte können die Ausstellung „Marburg erinnern – Gesichter erzählen Geschichten“ im Rahmen des Stadtjubiläums bis Freitag, 7. Oktober, während der Öffnungszeiten des Beratungsstützpunktes BiP am Rudolphsplatz besuchen: Montag bis Mittwoch 8.30 bis 13 Uhr, Donnerstag 15 bis 18 Uhr, Aktualisierung unter https://www.marburg.de/bip. Zudem wird es in diesem Zeitraum weitere Veranstaltungen geben, die sich thematisch mit „Gut Älterwerden“ in Marburg beschäftigen.

Die Marburger Stadtschrift mit den Erinnerungen der 19 Marburgerinnen und Marburger ist für 5,50 Euro erhältlich und umfasst 147 Seiten mit vielen Abbildungen. Sie ist direkt im Buchhandel erhältlich oder kann online unter www.marburg.de/stadtschriften bestellt werden.

Von Manfred Hitzeroth

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