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Marburg Nkechi Madubuko: „Marburg ist so angenehm klein“
Marburg Nkechi Madubuko: „Marburg ist so angenehm klein“
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20:37 28.06.2022
Dr. Nkechi Madubuko bei der Gala zu Marburg800.
Dr. Nkechi Madubuko bei der Gala zu Marburg800. Quelle: Nadine Weigel
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Marburg

Imani sprintet über die 400-Meter-Laufbahn des Georg-Gaßmann-Stadions. Auf der Tribüne sitzt ihre Mutter. Dr. Nkechi Madubuko beobachtet die Trainingsgruppe der 9-Jährigen und beginnt in Erinnerungen zu schwelgen. Hier begann ihre Leichtathletik-Karriere als Hochspringerin und im Dreisprung. „Dort drüben habe ich schon oft auf dem Podest gestanden“, sagt sie sichtlich stolz und deutet mit dem Finger auf die gegenüberliegende Laufbahn.

Marburg ist für sie längst mehr als nur die Stadt, in der sie aufgewachsen ist. Hier lernte sie ihren späteren Ehemann kennen. Hier bekam sie ihre Kinder. Diese sind mittlerweile 19, 17 und neun Jahre alt. Madubuko richtet den Blick nach vorne auf die Jüngste der drei und gerät ins Schwärmen: „Sie ist sehr talentiert und hat die besten Voraussetzungen für Leichtathletik.“ Ähnlich fing auch ihre eigene Leichtathletik-Karriere an. Schon vor ihrem Umzug von Gießen nach Marburg im Alter von neun Jahren fing sie an, Sport zu treiben. In Marburg legte sie den Grundstein für ihre Athleten-Laufbahn. Schnell merkte ihr damaliger Trainer: Madubuko hat großes Talent, und das hat sie sofort bewiesen: „Ich habe an Wettkämpfen teilgenommen und gewonnen, ich fand das immer toll“, erinnert sie sich. Damals war sie 13 Jahre alt. Im Jahr 1990, erzielt sie mit 1,86 Meter im Hochsprung einen neuen Afrikarekord. Diesen Rekord hielt sie 6 Jahre. „Das war eines der schönsten Erlebnisse in meinem Leben“, erzählt sie. Sie war so gut, dass sie mit 16 in den Bundeskader aufgenommen wurde. „Gemeinsam mit dem Bundestrainer konnte ich mir auch ehrgeizige Ziele setzen und an meiner Technik feilen“, sagt sie.

Später entschied sie sich für die Deutsche Staatsbürgerschaft und startete von 1992 bis 1999 in sechs Länderkämpfen für den Deutschen Leichtathletik Verband (DLV).

Die ehemalige Marburger Leichtathletin Dr. Nkechi Madubuko im März 1997. Quelle: Privatfoto

Zurück in Marburg, legte sie 1991 ihr Abitur am Philippinum ab. Anschließend studierte sie Soziologie, Medienwissenschaft und Psychologie an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf. Währenddessen arbeitete Madubuko als Moderatorin bei Viva 2. Als Spitzenathletin beim USC Mainz wurde sie in das Trainee-Programm des ZDF aufgenommen und durchlief dort eine Ausbildung zur Redakteurin. 2005 wurde sie zum zweiten Mal Mutter. Sie entschied sich dazu, während einer längeren Erziehungszeit, an der Philipps-Universität zu promovieren, woraus letztlich ihr erstes Buch „Akkulturationsstress von Migranten. Berufsbiographische Akzeptanzerfahrungen und angewandte Bewältigungsstrategien“ entstand. Promotion, Kinder erziehen und Bücher schreiben – ist das nicht ein bisschen viel auf einmal? Nicht für die 3-fache Mutter, denn sie weiß was sie will. „Die Disziplin, die mir der Leistungssport gebracht hat, hat mir gezeigt, dass man Unglaubliches erreichen kann, wenn man committed ist“, sagt sie. Es gebe kein besseres Wort, als das Englische „Commitment“, was so viel wie Engagement heißt, um das zu beschreiben. Sie wirkt bestimmt in dem was sie sagt: „Solange man nur committed ist, kann man auch mal mit drei Kindern in einem Lockdown zwei Bücher schreiben.“

Mittlerweile hat sie vier Bücher auf den Markt gebracht. Sie behandeln Themen, wie Diversität, Empowerment und Antirassismus. Zusätzlich engagiert sich Madubuko als sogenannte Diversity-Trainerin, leitet Workshops und hält Vorträge. „Deutschland ist sehr rückschrittlich, was Antidiskriminierungs-Arbeit angeht“, erklärt sie mit strengem Blick. „Die Bereitschaft, etwas gegen Diskriminierung zu tun, muss größer werden.“ Ein positives Beispiel für mehr Aufgeschlossenheit ist für Madubuko der runde Tisch der Religionen in Marburg. „Dort trifft sich der Imam mit dem Rabbi beim evangelischen Pfarrer. Die Offenheit der Religionen ist klasse“, sagt sie. Besonders gerne besucht sie mit ihren Kindern das interkulturelle Marburger Fest „Tag der Vielfalt“. Mit einem Lächeln erzählt sie von all den Kulturen, die dort zusammenkommen. „Auf dem Fest können die verschiedenen Vereine mit ihrer Identität in Marburg sichtbar sein.“

Marburg ist und bleibt Nkechi Madubukos Heimatstadt. „Marburg ist so angenehm klein“, sagt sie. Ihr Lieblingsplatz in Marburg ist der Steg an der Lahn in der Nähe der DLRG. „Man hat den Blick auf das Schloss, man kann ein Eis essen gehen, man ist nah am Wasser, es ist wie Natur und Stadt in einem“, sagt die 50-Jährige. Sie schaut von der Tribüne aus auf das gegenüber in der Ferne liegende Schloss und atmet kurz durch. Plötzlich fragt ihre Tochter sie von der Laufbahn aus, warum sie denn nicht mitmachen würde. „Das wäre doch unfair, wenn ich mitmachen würde“, ruft sie hinüber und lacht.

Walter Jung erinnert sich

Der Blau-Gelb-Trainer Walter Jung hat Madubuko in ihrer Jugendzeit trainiert und erinnert sich genau an sie. „Ihre ältere Schwester war bereits bei mir im Training und hatte sie mitgebracht“, sagt Jung. Schnell stellte sich heraus, dass Nkechi Madubuko sehr talentiert ist. „Sie hat den Hochsprung relativ schnell beherrscht und das ziemlich gut“, betont der heute 71-Jährige. Gemeinsam ging es zu verschiedenen Wettkämpfen. In den 80er-Jahren wurde Madubuko unter Trainer Walter Jung Hessenmeisterin im Hochsprung. „Sie sprang anfangs schon sehr gut, aber ihre Technik war noch nicht so ausgereift“, erinnert sich Jung. Madubuko ginge Meisterschaften immer etwas unkonventioneller an: „Auf der deutschen Juniorenmeisterschaft in Fulda – das muss um 1989/90 gewesen sein – hatte Nkechi ihre Spikes vergessen und lieh sich daraufhin welche bei einer bekannten Mitstreiterin. Nkechi wurde Dritte, als ihre Kollegin schon längst ausgeschieden war.“ Madubuko ließe sich laut Jung von solchen „Nebensächlichkeiten wie Spikes nicht aus der Ruhe bringen“. Sie habe eine bewegte, sportliche Karriere hingelegt. „Diese Jahre mit ihr zusammen, das war schon eine tolle Sache. So eine Athletin hat man als Trainer nur einmal im Leben“, sagt Jung.

Von Larissa Pitzen

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