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Marburg „Traumstadt Marburg“ statt „Bantzer-Schinken“?
Marburg „Traumstadt Marburg“ statt „Bantzer-Schinken“?
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15:00 06.02.2022
Prominent hängt das Gemälde „Der Weg des Lebens" von Carl Bantzer seit 1930 im Marburger Rathaussaal.
Prominent hängt das Gemälde „Der Weg des Lebens" von Carl Bantzer seit 1930 im Marburger Rathaussaal. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

240 mal 400 Zentimeter groß hängt Carl Bantzers monumentales Gemälde „Der Weg des Lebens“ seit 1930 im Historischen Rathaussaal. Jetzt plant die Marburger Kunstwerkstatt eine Aktion, die das Gesicht des Historischen Rathaussaals deutlich verändern könnte: Kinder und Jugendliche ab 9 Jahren dürfen ab Samstag, 5. Februar, unter der Leitung der Künstlerinnen Maria Pohland und Randi Grundke eine große Leinwand mit ihren Zukunftsvisionen für Marburg bemalen. Diese Leinwand soll dann über das historische Bantzer-Gemälde gehängt werden. Das Projekt ist Teil der Jubiläumsfeiern Marburg 800.

„Die jungen Menschen sollen Ideen entwickeln, wie sie sich Marburgs Zukunft vorstellen, was sie sich für die Stadt wünschen und erträumen“, erklärt Maria Pohland. Dabei sei jeder Vorschlag, jede Vision, jede noch so verrückte Idee willkommen, so die Malerin weiter.

Sie ergänzt: „Das Bild von Bantzer ist unserer Meinung nach nicht mehr zeitgemäß. Bantzer hat schon damals ganz bewusst ein rückständiges Frauenbild gemacht. Wir wollen mit der Aktion auch eine Diskussion anstoßen.“ Geht es nach der Marburger Künstlerin, dann gehört Bantzers Gemälde in ein Museum, und ins Rathaus ein Bild, welches das moderne Gesicht Marburgs widerspiegelt.

Mit der Stadt Marburg ist bereits alles geklärt. Präsentiert werden soll das Bild der Kinder und Jugendlichen am 9. April mit einer Vernissage im Rathaus. Geplant sind eine festliche Eröffnung mit Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies. „So bietet sich für die Kinder und Jugendlichen die einmalige Chance, mal im Rathaus auszustellen“, erklärt die Künstlerin Randi Grundke.

„Es ist ein tolles Projekt der Kunstwerkstatt und es wird von der Stadt Marburg im Rahmen von MR 88 gefördert“, sagte Ruth Fischer, Fachdienstleiterin Kultur, gestern der OP. Wie lange das Bantzer-Gemälde verhängt werde, stehe noch nicht fest. „Wir denken an einige Wochen“, sagte sie. Geht es nach der Kunstwerkstatt, dann bleibt Bantzer bis zum Ende des Jahres verhängt.

Bantzer – der bedeutendste Marburger Maler

Zurück zu Bantzer und seinem Bild „Der Weg des Lebens“: Das Gemälde entstand zwischen 1927 und 1930 als großformatige Kasein- und Ölmalerei auf Leinwand. Finanziert wurde das Bild des damals bedeutendsten Marburger Malers durch eine Stiftung des Bankhauses Baruch Strauss. Das inhaltliche Programm wurde daraufhin in enger Abstimmung zwischen Geldgebern, Stadtverordneten und Künstler entwickelt.

Carl Bantzer wurde 1857 in Ziegenhain geboren, er starb 1941 in Marburg. Bantzer studierte an der Kunstakademie in Berlin und lehrte von 1918 bis 1923 an der Kunstakademie Kassel. 1900 war er als Künstler bei der Weltausstellung in Paris und 1904 bei der Weltausstellung in St. Louis vertreten. Berühmt wurde er als Mitglied der Willingshäuser Malerkolonie mit seinen vom Impressionismus inspirierten großformatigen Gemälden über Bauern und Alltag in der Schwalm: Bantzer-Werke wie „Der Schwälmer Tanz“ oder „Abendmahl in einer hessischen Dorfkirche“ sind in Sammlungen des Marburger Kunstmuseums, im Hessischen Landesmuseum in Darmstadt, in der Neuen Galerie in Kassel, in der Berliner Nationalgalerie und in den Staatlichen Kunstsammlungen in Dresden vertreten.

Das Gemälde „Der Weg des Lebens“ irritiert allerdings viele Besucher des Historischen Rathaussaals, der vor allem für Empfänge und festliche Veranstaltungen genutzt wird. Es zeigt im Vordergrund eine Frau, die ein Baby stillt. Um sie herum spielen nackte Kinder. Die Frau ist der Startpunkt eines Kreislaufes, der von der Geburt bis ins hohe Alter und zum Tod führt. Zu sehen sind 15 Menschen auf einem Hügel. Von der stillenden Mutter im Vordergrund wird der Blick über einzelne Stufen des Lebens geführt, dargestellt als Rossbändiger, Professor, Schreiner, Kaufmann, Bauer, Soldat und zwei alte Männer.

Das Spätwerk Bantzers steht in der Tradition der Rathausbilder, wie sie etwa in Italien als „Selbstporträt einer Kommune“ üblich gewesen waren. Schon Anfang der 2000er-Jahre gab es immer wieder Diskussionen über das Bild, das auf viele Betrachter sehr „arisch“ wirkt, als „Nazi-Schinken“ wurde es bezeichnet.

Die Kunsthistorikerin Ulla Merle wurde damals beauftragt, eine Broschüre zu erarbeiten, die Informationen zu diesem Bild enthält, „weil es immer wieder Fragen und Kritik zu diesem Bild gab und gibt bis hin zu der Aufforderung, es zu entfernen“, sagte Dr. Marlis Sewering-Wollanek im August 2002 der OP. Damals war sie Vorsitzende der Gleichstellungskommission. Frauen hätten zum Beispiel das „Frauenbild“ in diesem Gemälde als störend, ja abstoßend bemängelt, so Sewering-Wollanek. Doch sie stellte damals auch klar: „Bantzers Werk muss in einem kunsthistorischen Kontext gesehen und bewertet werden.“

Mit dem Werk von Kindern soll Saal neu belebt werden

In der Entstehungszeit habe der Magistrat mit entschieden, was Carl Bantzer malt. Daher gebe dessen Werk wieder, „wie die Verantwortlichen ihre Stadt gesehen haben“, sagte die Kunsthistorikerin Merle 2002 gegenüber der OP. „In diesen gesellschaftlichen Gruppen sah der Magistrat damals Marburg repräsentiert.“ Die weibliche Figur im Vordergrund stellt aus ihrer Sicht keine Frau dar. „Sie steht für ein Ideal, eine Allegorie der Heimat.“

Nun soll das umstrittene Gemälde zumindest zeitweise verhängt werden mit der Aktion der Kunstwerkstatt. Mit Acrylfarben und dicken Pinseln werden Kinder eine fast drei mal vier Meter große Leinwand bemalen, die eine Zeit lang das Gemälde von Carl Bantzer ersetzen soll. Ziel des Projekts: Mit dem Kunstwerk von Kinderhand soll neues Leben ins Rathaus einziehen, soll der geschichtsträchtige Saal neu belebt werden.

Die Teilnahme an dem Workshop der Kunstwerkstatt ist kostenlos. Ab Samstag, 5. Februar, können Kinder und Jugendliche ab neun Jahre jeden Samstag von 11 bis 14 Uhr zusammen malen und werkeln. Eine Anmeldung ist nicht notwendig, interessierte Kinder sollen einfach in der Schulstraße 6 vorbeikommen. Weitere Informationen gibt es unter www.kunstwerkstatt-marburg.de. Die Kinder müssen ihr Testheft aus der Schule mitbringen. In den Werkstatträumen gilt die Maskenpflicht.

Von Uwe Badouin