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Marburg Marburger Geschichte beginnt 1222
Marburg Marburger Geschichte beginnt 1222
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15:47 11.04.2022
Die Buchmacher: Autor Dr. Christoph Becker alias Daniel Twardowski (links) und Illustrator Vitali Konstantinov, gezeichnet von Konstantinov selbst.
Die Buchmacher: Autor Dr. Christoph Becker alias Daniel Twardowski (links) und Illustrator Vitali Konstantinov, gezeichnet von Konstantinov selbst. Quelle: Zeichnung: Daniel Konstantinov
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Marburg

Wenige Wochen vor der offiziellen Eröffnung des Stadtjubiläums „Marburg800“ ist jetzt auch die offizielle Stadtschrift mit dem Titel „1222“ erschienen. Sie stammt aus der Feder des Marburger Autors und Historikers Dr. Christoph Becker. Unter seinem Pseudonym Daniel Twardowski hat er das Buch veröffentlicht, das jeweils zur Hälfte in einen Wissens- und in einen Romanteil aufgeteilt ist. „Das Buch verbindet die Möglichkeiten literarischen Erzählens mit intensiver historischer Recherche in einer quellenmäßig nicht gerade üppigen Epoche der Stadtgeschichte“, schreibt dazu Marburgs Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) in seinem kurzen Vorwort.

Der 172 Seiten umfassende Roman beginnt zwar im titelgebenden Jahr 1222, in dem Marburg in der Reinhardsbrunner Chronik in einer Urkunde über Verhandlungen von Landgraf Ludwig IV. von Thüringen mit Marburger Bürgern zum ersten Mal als Stadt erwähnt wurde. Das Datum ist für das Stadtjubiläum „Marburg800“ natürlich zentral. Doch für das Buch ist es eher der zeitliche Ausgangspunkt. Daran anschließend spielen der bauliche Aufbruch in Marburg in den darauffolgenden Jahrzehnten bis zum Anfang des 14. Jahrhunderts sowie die beiden verheerenden Stadtbrände eine wichtige Rolle. Wer sich in der frühen Marburger Stadtgeschichte und in der Epoche des Mittelalters bisher nicht auskannte, für den bietet das Buch jede Menge Nachhilfe-Unterricht.

Zwei fiktive Figuren

Der Autor hat sich zwei fiktive Figuren ausgedacht, mit deren Namen und Lebensdaten er bewusst an Landgraf Ludwig (1200-1227) und seine Ehefrau Elisabeth von Thüringen (1207-1231) anknüpft, die bekanntlich für die Marburger Stadtgeschichte vor 800 Jahren eine entscheidende Rolle spielten. So wird „Ludwig von Marburg“ als Sohn des Steinmetzes Georg im Jahr 1222 ausgerechnet dann in Marburg geboren, als der Landgraf zu Besuch ist und die Kunde von der Geburt seines Sohnes Hermann erhält.

Und das Geburtsdatum von Ludwigs Schwester Elisabettina („Kleine Elisabeth“) fällt mit dem Todesdatum der wenige Jahre später heiliggesprochenen Landgräfin Elisabeth zusammen. Sie starb im Jahr 1231 im Alter von 24 Jahren an ihrem Witwensitz in Marburg, vier Jahre nach ihrem Ehemann Ludwig, der fast ebenso jung als ein Anführer des Kreuzzugs auf dem Weg in das Heilige Land in einem Feldlager in Otranto (Italien) starb.

Am Beispiel der Marburger Steinmetz-Dynastie kann der Autor plastisch schildern, wie der Marburger „Bauboom“ im 13. Jahrhundert das alltägliche Leben für eine lange Zeit prägte. So wurde nicht nur zu Ehren der verstorbenen Elisabeth die Elisabethkirche errichtet. Auch Franziskanerkloster, Pfarrkirche, Fürstensaal, Dominikanerkloster und eine steinerne Brücke über die Lahn entstanden. Deutscher Orden, Dominikaner, die Landgrafen und die Bürgerschaft überboten einander mit Aufträgen. Und viele der damals errichteten Gebäude prägen die Stadt bis heute. Und schon einige Jahrhunderte vor der Reformation sei das Mittelalter gar nicht so finster gewesen, wie es manche Nachgeborene später gemeint hätten, meint Becker. „Die Welt war heller geworden in den Köpfen“, schreibt er. „Denn die Menschen redeten über diese Dinge, hörten Lieder und Geschichten darüber, in ihrer eigenen Sprache – und nicht mehr nur das, was Priester und Mönche sie wissen lassen wollten aus alten lateinischen Büchern.“

Viele Mosaiksteine

Die vielgestaltigen Verbindungen Marburgs in die Zentren der Macht in einer schon vor 800 Jahren globalisierten Welt schildert Becker in vielen Handlungssträngen im Roman und ebenso im ergänzenden großen Anmerkungsteil, sodass er aus vielen Mosaiksteinen das Bild von Marburg im Mittelalter webt. Während Vater Georg sich sogar als Teilnehmer der Kreuzzüge auf eine echte Weltreise begibt, macht Sohn Ludwig Karriere als Sekretär des Deutschen Ordens und kommt zwischenzeitlich ebenso weit herum, auch wenn es für ihn eher weit in den Osten geht. Seine Schwester Elisabettina wiederum bleibt bodenständig in Marburg und ihr Sohn führt die Bautradition weiter.

Mehr als 30 Illustrationen von Vitali Konstantinov eröffnen einen zusätzlichen künstlerischen Zugang zur Geschichte. Daniel Twardowski: 1222. Marburger Stadtschriften zur Geschichte und Kultur. Band 115. 12,22 Euro. Das Buch in der Reihe der Marburger Stadtschriften zur Geschichte und Kultur Band 115, ISBN 978-3-942487-17-7, gibt es ab sofort im Buchhandel oder beim Rathaus-Verlag, Markt 8, 2. Stock, online www.marburg.de/stadtschriften, pressestelle@marburg-stadt.de

Von Manfred Hitzeroth