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Marburg Marburg bleibt Joe Bauschs Herzensstadt
Marburg Marburg bleibt Joe Bauschs Herzensstadt
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18:00 01.07.2022
Der Schauspieler Joe Bausch.
Der Schauspieler Joe Bausch. Quelle: Bernd Thissen/dpa
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Marburg

„Tatort“-Gerichtsmediziner und prominenter Gefängnisarzt: Der mittlerweile 69-jährige Joe Bausch hat eine schillernde Karriere hingelegt. In seinem Lebenslauf auf Wikipedia füllt Marburg als eine seiner Lebensstationen nur einen Halbsatz, in dem sein Jura-Studium an der Philipps-Universität erwähnt wird. Doch gefühlt bedeutete der mehrjährige Aufenthalt in der Universitätsstadt für Bausch nichts weniger als die prägendste Zeit in seinem Leben. Marburg nimmt immer noch einen ganz wichtigen Platz in seinem Herzen ein, wie er im Gespräch mit der OP verrät.

Es ist das Marburg in der Zeit ab Ende der 70er-Jahre bis Mitte der 80er-Jahre, an das sich Joe Bausch immer noch gerne zurückerinnert. Denn dort lernte er viele entscheidende Menschen kennen. „Nie zuvor und nie danach gab es für mich so viele Chancen für Weichenstellungen“, erzählt Bausch. Viele der dafür wichtigen Gespräche fanden dann auf dem Platz am Michelchen statt, der kleinen Kapelle, zu der ein Fußweg von der Elisabethstraße im Schatten der Elisabethkirche hinaufführt. „Ich weiß noch genau, mit wem ich da saß“, erzählt er.

So sah Joe Bausch in seiner Marburger Zeit aus. Quelle: Privatfoto

Interessanterweise spielte sein offizielles Studium in seiner Marburg-Geschichte eher eine Nebenrolle. Bevor es ihn nach Marburg zog, hatte der junge Mann aus einem Dorf im Westerwald zunächst angefangen, Theaterwissenschaften in Köln zu studieren. Doch das Studium war ihm zu theoretisch. Und auch in einer experimentellen studentischen Theatergruppe fühlte er sich nicht gut aufgehoben. „Die Bürgersöhne aus Düsseldorf wollten mir Bauernbub aus dem Westerwald erklären, wie die Weltrevolution geht“, erinnert sich Joe Bausch mit ein wenig Schaudern zurück.

Zusammen mit seiner Freundin und weiteren Bekannten ging er zum Studieren nach Marburg, an den Standort der „roten Uni“. Dass Bausch dann allerdings an der Philipps-Universität ausgerechnet Jura studierte, war für ihn im Rückblick nicht die optimale Entscheidung. „Ich habe da schnell die Lust verloren. Damals war alles sehr konservativ am Fachbereich Rechtswissenschaften“, erinnert er sich. So studierte er bald nur noch auf dem Papier.

Die Neuankömmlinge jedenfalls gründeten zunächst eine Wohngemeinschaft auf dem Richtsberg. Weitere Stationen seines Marburger WG-Lebens lagen dann unter anderem in der Haspelstraße und zuletzt in einem Haus in der Biegenstraße. Und Joe Bausch war mittendrin in einem wilden Leben, zwischen WG-Feten und Oberstadt-Kneipen. „Man war immer unterwegs. Irgendwo wurde immer gemeinsam gegessen und gefeiert. Es war ein stetiges Ankommen und Ausprobieren“, erzählt Bausch.

Ein paar Jahre lang schmiss er hinter dem Tresen sogar den Laden in der Kultkneipe „Destille“ am oberen Steinweg. Besonders beeindruckend fand Joe Bausch es, dass sich hier alle trafen – vom Studenten bis zum Professor. Dieses Phänomen der Vermischung der Milieus machte für ihn damals übrigens auch das besondere Marburg-Flair aus. In dieser Art habe er das später nur noch im „Ratinger Hof“ in Düsseldorf kennengelernt, wo sich zu den Klängen der ersten deutschen Punkbands Punks und Banker trafen.

Gern erzählt Joe Bausch auch heute noch die Geschichte vom „blinden Jochen“ mit seinem Glasauge, der eines Abends wie üblich an seinem Stammplatz an der Bar in der Marburger „Destille“ Platz nahm. Jochen hatte ein Bier neben sich und hielt ein Exemplar der OP verkehrt herum, schien aber aufmerksam zu lesen. Ein aufgeregter Erstsemester-Student machte Jochen auf das falsche Halten der Zeitung aufmerksam. Dieser konterte aber nur trocken: „Siehst du, Alkohol macht blind.“

Bauschs Schauspielkarriere

Als Theaterschauspieler sammelte Joe Bausch Erfahrungen im Ruhrgebiet in der Gruppe um das Theaterpathologische Institut in Stücken von Dario Fo oder Fernando Arrabal. 1985 hatte er eine Rolle in dem Kino-„Tatort“ „Zahn um Zahn“ mit Götz George als Kriminalhauptkommissar Schimanski. Danach spielte er in mehreren Episoden der Fernsehserien „Der Fahnder“ und „Auf Achse“. In der zweiten Folge der ARD-Soap „Verbotene Liebe“ hatte er auch eine Gastrolle. Seit 1997 hat er regelmäßige Auftritte im Kölner WDR-„Tatort“ als Gerichtsmediziner Dr. Joseph Roth an der Seite des Ermittler-Duos Klaus J. Behrendt (Ballauf) und Dietmar Bär (Schenk). Seit 2015 führt er übrigens als Gastgeber und Experte durch die Sendung „Im Kopf des Verbrechers“ im Sender Sat.1 Gold. Bisher hat Joe Bausch zwei Bücher veröffentlicht: In seinem ersten Buch „Knast“ (2012) behandelt er vorwiegend Erfahrungen aus seinem Job als Gefängnisarzt. Und in „Gangsterblues“ (2018) verfremdet er wahre Geschichten über Verbrecher auf literarische Weise.

Nicht vergessen hat Bausch auch eine rasante Autofahrt mit dem „kleinen Peterle“, der mit ihn in seinem Automatik-Auto den Ortenberg in einem Irrsinnstempo hinunterfuhr. Die Begegnungen mit Peterle und weiteren Studierenden aus dem Sylvester-Jordan-Wohnheim des Studentenwerks für Studenten mit Körperbehinderung hätten ihm auch deswegen besonders imponiert, weil diese sich selber nicht zu ernst genommen hätten. „Die waren clever und pfiffig und nahmen einem sofort alle Befangenheit“, berichtet Bausch.

Ansonsten war der Marburger Alltag für Bausch angefüllt mit „prallem Leben“: Rugby-Spiele zusammen mit Iren und Franzosen gegen ein Team von US-Amerikanern aus Gießen, eine Nachkonzert-Session der „Dubliners“ in der „Destille“ oder das Herumschrauben an Automotoren in der Werkstatt eines Autohändlers. Marburg war zwar immer sein Hauptquartier, aber es gab auch lange Reisen mit dem VW-Bus in die afghanische Hauptstadt Kabul oder beim Überführen von Lkw nach Bagdad.

Roman Klöcker ist ein Weggefährte von Joe Bausch. Quelle: Pr

Bei seinem ersten Versuch, wie der Schauspieler Burkhard Driest eine persönliche und authentische Gefängnis-Erfahrung zu erleben, schaffte es Bausch allerdings doch nur bis zur Pforte des Gefängnisses in der Wilhelmstraße. Eigentlich hatte er vorgehabt, eine zehntägige Strafe wegen zu lauten Motorenlärms abzusitzen. Doch der Beamte am Einlass setzte dem Studentenulk nach kurzer Prüfung ein jähes Ende mit dem Hinweis, dass der Strafzettel angeblich schon längst bezahlt worden sei.

Ironie der Geschichte: Nach seinem ab 1985 erfolgreich in Bochum absolvierten Medizinstudium wurde Joe Bausch Gefängnisarzt in der JVA Werl im Ruhrgebiet und wurde erst vor einigen Jahren pensioniert. In seinen Ferien spielte er in jetzt schon fast 100 Folgen den Gerichtsmediziner im Kölner Fernseh-„Tatort“. Aber das ereignete sich alles nach Bauschs Marburger Zeit, an die er sich vielleicht schon bald in einem Buchprojekt zurückerinnern möchte.

So erinnert sich Roman Klöcker

Jazzgitarrist Roman Klöcker war Mitgründer der Jazz-Initiative Marburg (JIM) und jahrzehntelang Chef der Jazzkneipe „Cavete“, die nur einen Steinwurf entfernt vom Standort der Oberstadt-Kneipe „Destille“ lag. Einige Jahre älter als Joe Bausch, lernte Klöcker diesen vor fast 50 Jahren über die Marburger Kneipen- und Jazzmusikerszene kennen. „Er war in der Kneipe schon ein Original“, meint Klöcker im Gespräch mit der OP. „Wir haben uns gut verstanden. Das hing vor allem mit der Musik zusammen.“ Zwar habe Bausch kein Instrument gespielt, er sei aber ein begeisterter Jazzhörer gewesen. Und zusammen mit einem seiner Mitarbeiter habe Klöcker damals auch das Konzept für die Jazz-Initiative Marburg entwickelt. Die spätere Schauspielkarriere von Joe Bausch deutete sich wohl früh an. „Er war schon immer ein extrovertierter Typ, der gerne Spaß gemacht hat“, erzählt Klöcker. Wie es mit dem Freund aus den gemeinsamen Tagen in Marburg weiterging, das verfolgte er im Laufe der Jahre dann über den gemeinsamen Bekannten Jan Hinter, über den es auch noch zu einigen Treffen kam.

Von Manfred Hitzeroth

01.07.2022
01.07.2022