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Marburg Ehemalige Marburgerin ist die Macherin von Mystery-Serie „Dark“
Marburg Ehemalige Marburgerin ist die Macherin von Mystery-Serie „Dark“
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10:00 01.06.2022
Der Schauspieler Louis Hofmann als Jonas Kahnwald in einer Szene aus der dritten Staffel von „Dark“.
Der Schauspieler Louis Hofmann als Jonas Kahnwald in einer Szene aus der dritten Staffel von „Dark“. Quelle: Netflix/dpa
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Marburg

Sie ist die Drehbuchschreiberin von „Dark“, der ersten deutschen Netflix-Serie, die ab Dezember 2017 weltweit erfolgreich war und in 160 Ländern der Erde zu sehen war. Zusammen mit ihrem Ehemann, dem Regisseur Baran bo Odar, ist sie verantwortlich für den großen Erfolg der Serie, von der es drei Staffeln gibt. Aber nur wenige wissen, dass Jantje Friese eine gebürtige Marburgerin ist und dort auch noch bis zum Abitur am Gymnasium Philippinum lebte.

Die mittlerweile nicht nur in Fachkreisen bekannte Marburgerin nahm sich mitten in den Dreharbeiten für die mit Spannung erwartete neue Netflix-Serie Zeit für ein „Zoom“-Gespräch mit der OP über ihre Marburger Zeit und den darauffolgenden Weg zu einer international beachteten Karriere im Filmbusiness.

Jantje Friese. Foto: Netflix Quelle: Netflix

Die Filmkarriere von Jantje Friese

Nach dem Abitur 1997 am Gymnasium Philippinum in Marburg zog Jantje Friese nach München. Mit der erhofften Ausbildung an der Hochschule für Film und Fernsehen klappte es zwar erst im zweiten Anlauf. Dann ging es aber Schlag auf Schlag: Von 2000 bis 2004 studierte sie das Fach Produktion an der Filmhochschule. Sie lernte ihren späteren Ehemann Baran bo Odar kennen, mit dem sie seitdem sehr erfolgreich zusammenarbeitet und gemeinsam eine Tochter hat.

2010 war Jantje Friese Produzentin seines Langfilmdebüts „Das letzte Schweigen“. Ihr gemeinsamer Film „Who am I – Kein System ist sicher“ (2014) bekam den Deutschen Filmpreis. Es folgte das „Netflix“-Angebot, die Serie „Dark“ zu machen.

Die Handlung von „Dark“ spielt in der fiktiven deutschen Kleinstadt Winden, in der zunächst das Verschwinden zweier Kinder für Aufsehen sorgt. In der Folge geht es um die düsteren Geschichten, Geheimnisse und Verwandtschaften von vier eng miteinander verbundenen Familien. Sie sind durch eine komplizierte Aneinanderreihung von Zeitreisen und Verschwörungen über Generationen miteinander verbunden.

Die Science-Fiction-Mystery-Serie (Staffeln erschienen 2017, 2018, 2020) war die erste von Netflix, in Deutschland entwickelte, produzierte Serie und wurde in 160 Ländern der Erde mit weltweitem Erfolg gezeigt. „Dieser Erfolg war nicht vorauszusehen. Wir wurden davon überrollt“, gibt Jantje Friese im Gespräch mit der OP zu.

Das Erfolgsduo ist im Filmstudio in Babelsberg schon wieder mittendrin im nächsten Seriendreh für Netflix. „1899“ heißt die Serie, die voraussichtlich schon in diesem Jahr starten soll. Über den Inhalt darf allerdings noch nicht viel verraten werden. Nur so viel steht bereits fest: Die Mystery-Serie folgt einer Gruppe europäischer Auswanderer, die im Jahr 1899 mit dem Schiff „Kerberos“ von London nach New York aufbrechen, um in den USA ein besseres Leben zu finden. Auf dieser Reise stoßen sie auf ein weiteres, seit Monaten vermisstes und manövrierunfähiges Schiff, das ihre Reise in einen Albtraum verwandeln wird.

Schon in frühen Jugendjahren war Jantje Friese eine begeisterte Kinogängerin. „Ich war in jedem Kinosaal unterwegs – vom Rex bis zu den Oberstadt-Kinos“, erzählt die 45-Jährige. Und sie kann sich sogar noch daran erinnern, dass sie sich als Zweijährige zusammen mit ihrer Mutter den „Bambi“-Film angeschaut hat. Das Kinoerlebnis war für sie sehr intensiv, aber auch ein wenig traumatisch, als auf der Leinwand ein Jäger Bambis Mutter erschossen hatte. Der Unterschied zwischen Kinofiktion und der Realität war ihr damals logischerweise noch nicht bewusst.

Auf jeden Fall hatte sie später einen sehr breiten Filmgeschmack. „Das reichte vom künstlerisch anspruchsvollen Film bis hin zum Action-Thriller“, erinnert sich Jantje Friese. Vor allem habe sie an den Kinofilmen die Möglichkeit fasziniert, in andere Welten einzutauchen und emotionale Erfahrungen zu erleben. „Relativ schnell war mir klar, dass ich auch so etwas machen möchte“, sagt sie.

Kinderfotos von Jantje Friese aus ihrer Marburger Zeit. Quelle: Privatfotos

So erinnert sich Stephanie Vortisch

Die frühere Marburger Theaterpädagogin Stephanie Vortisch, die heute in Frankfurt lebt, erinnert sich noch gut an ihre heute im Filmbusiness sehr erfolgreiche „Theaterschülerin“ Jantje Friese. „Sie fiel mir schon beim Schulprojekt auf. Sie hatte das nötige Freche und etwas Vorwitziges und auch Provokantes“, berichtet Vortisch im Gespräch mit der OP.

Auch im von Vortisch geleiteten Jugendtheaterclub im Kulturladen KFZ habe sich Friese als eine „Naturbegabung für die Bühne“ erwiesen. „Sie hat immer verstanden, worauf ich hinauswollte“, erläutert die Theaterpädagogin. Und mit Witz und Temperament habe sie die anderen jungen Bühnendarsteller auch mitgezogen. Und schon damals habe sich übrigens das Talent der späteren Drehbuchschreiberin und Filmemacherin gezeigt. „Ihre Leidenschaft war schon immer das Stückemachen“, meint Stephanie Vortisch.

Und aus ihrer Sicht passen die „tolle Bildersprache“ sowie die auf den ersten Blick verwirrende und nicht lineare Erzählweise in der von Friese mitgestalteten „Netflix“-Erfolgsserie „Dark“ auch zu ihrer ehemaligen Schülerin.

Als eines der Vorbilder für die geheimnisvolle Netflix-Serie „Dark“ machten Filmkritiker schnell die verrätselten und verstörenden Welten der Hollywood-Filme von Regisseur David Lynch aus. Die „Twin Peaks“-Serie von Lynch sei für sie Anfang der 90er-Jahre schon „das große Fernsehereignis“ gewesen, gesteht Jantje Friese ein. Doch nur auf die Düsternis und die Faszination des Dunklen möchte sie sich auch als Filmemacherin nicht reduzieren lassen. Denn gleichzeitig habe ihr auch die TV-Serie „Beverly Hills, 90210“ gefallen, und „Dirty Dancing“ sei nach wie vor ihr absoluter Lieblingsfilm.

Dennoch: Die Frage, was Menschen böse macht, beschäftigte Jantje Friese in ihrem filmischen Werk und gerade in „Dark“ sehr. Noch ganz genau erinnert sich die 1977 geborene Jantje Friese übrigens an ein sehr eindringliches Erlebnis Ende der 80er-Jahre in Marburg, das sie als junges Mädchen hatte. Damals ging sie zusammen mit ihrer Mutter in unmittelbarer Nähe der elterlichen Wohnung in Zwischenhausen spazieren, und zwar am Pilgrimstein.

Andreas Pietschmann (l) und Louis Hofmann in einer Szene der ersten Staffel der Netflix-Serie "Dark" +++ Quelle: Stefan Erhard

Lautsprecher der Polizei hätten damals die Anwohner darauf hingewiesen, in ihren Wohnungen zu bleiben. Denn es hatte sich dort ein aufsehenerregender Mord abgespielt: Ein Fußgänger erschoss einen Autofahrer, der ihm in die Quere gekommen war und ihn danach auf dem Fußgängerweg verfolgt hatte. „Als wir kurz darauf vorbeikamen, lag auf der anderen Seite die Leiche“, erinnert sich Jantje Friese. Es sei auf jeden Fall die erste sehr nahe Verbindung mit einem gewaltsamen Tod gewesen.

Womöglich war dieser Marburger Mordfall auch eine Inspiration für Jantje Friese, in den Handlungsstrang von „Dark“ einen Zeitungsartikel über einen Mordfall, der ganz konkret in Marburg verortet wird. Darin wird um Hinweise auf einen gewaltsamen Tod in einer Schlosserwerkstatt im Südviertel gebeten. Diesen Mord gab es zwar nie. Spezielle Marburger Schauplätze boten aber doch eine Inspiration für die Drehbuchschreiberin.

So erinnert sich Friese daran, als junges Mädchen zusammen mit Freundinnen über das Dach einer Schlosserei gelaufen und aus Neugier durch das Dachfenster einer Schreinerwerkstatt im Südviertel eingestiegen zu sein. So wurden verschiedene autobiographische Facetten in das Skript verwoben. „Alles, was ich schreibe, ist irrsinnig persönlich“, bekennt Friese.

Neben der filmischen Vorbildung gab es übrigens noch eine andere künstlerisch-kreative Schiene, die für Friese sehr wichtig war: das Theaterspiel. Es startete in der Otto-Ubbelohde-Schule Mitte der 80er-Jahre mit einer Teilnahme an einer Theatergruppe der Theaterpädagogin Stephanie Vortisch zum Thema „Marburg im Mittelalter“. Zwar war Jantje Friese zunächst ein wenig traurig, dass sie damals nicht die Hauptrolle der Heiligen Elisabeth spielen durfte, sondern „nur“ deren Tochter Sophie von Brabant. Dennoch war die Begeisterung für das Theater da.

Weiter ging es mit kleinen Rollen am Marburger Stadttheater. Und vor allem spielte sie bis zum Alter von 19 Jahren weiter in Vortischs Jugendtheatergruppe im KFZ. „Stephanie hat damals krasse Impulse gesetzt“, erinnert sich Jantje Friese, „diese Zeit war sehr wegweisend. Ich hatte auch Spaß am Inszenieren und Schreiben von Texten.“

Von Manfred Hitzeroth