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Marburg Graphic Novel zur Rolle der Feuerwehr beim Marburger Synagogenbrand
Marburg Graphic Novel zur Rolle der Feuerwehr beim Marburger Synagogenbrand
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11:59 13.04.2022
Der Historiker Dr. Clemens Tangerding erstellte eine „Graphic Novel“ über die Gerichtsverhandlungen zum Synagogenbrand.
Der Historiker Dr. Clemens Tangerding erstellte eine „Graphic Novel“ über die Gerichtsverhandlungen zum Synagogenbrand. Quelle: Fotos: Clemens Tangerding/Montage: Richter
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Marburg

Es war die Nacht vom 9. November auf den 10. November 1938, als die Marburger Synagoge in Brand gesetzt wurde und bis auf die Grundmauern abbrannte. Wie in ganz Deutschland ereignete sich die Reichspogromnacht, in der sich der von den Nationalsozialisten generalstabsmäßig angefachte „spontane Volkszorn“ gegen die Juden entfesselt, auch in Marburg. Im gesamten Deutschen Reich brannten Synagogen, es wurden Geschäfte geplündert. Tausende Juden werden angegriffen, verhaftet und ermordet.

Einen völlig neuen Weg bei der Aufarbeitung des Marburger Synagogenbrands wählte der Historiker Dr. Clemens Tangerding (Justus-Liebig-Universität Gießen) bei einem gemeinsamen Projekt zusammen mit einem Kernteam von fünf Angehörigen der Marburger Feuerwehr.

Nach der gemeinsamen Auswertung der Gerichtsakten entstand eine „Graphic Novel“ – ein animiertes Video, in dem die Szenen aus den Gerichtsverhandlungen nachgestellt werden. Die aneinandergereihten Statements aus den Kernaussagen von drei Zeugen und drei Angeklagten erzählen die Geschichte hinter dem Synagogenbrand sehr lebendig und anschaulich. Die in grellen Farben gezeichnete Umgebung des Gerichtssaals trägt dazu bei, dass die Zuschauer in das Geschehen hineingezogen werden.

Täter verweisen auf einen Befehl

Der Bauhilfsarbeiter Friedrich Groos, der im Endeffekt als einziger Angeklagter der Verurteilten wegen „aktiven Inbrandsetzens“ rechtskräftig verurteilt wurde, gab in seiner Aussage zu, dass er sich am Eindringen in die Synagoge beteiligt habe. „Der SA-Mann Paul Piscator und ich nahmen eine Leiter mit und stiegen über den Zaun der Synagoge. Ich schlug ein Fenster der Synagoge ein.“ Ausdrücklich bestritt Groos jedoch, an der unmittelbaren Brandstiftung beteiligt gewesen zu sein. „Als ich in der Synagoge war, habe ich gesehen, dass es im Innenraum bereits qualmte und brannte“, gab er an. Doch wie rechtfertigte Paul Piscator, zugleich Feuerwehrmann und nach eigener Angabe Scharführer im SA-Sturm III der SA-Standarte Jäger 11, seine Mitwirkung in der Nacht? Er verwies wie Groos auf einen Befehl.

„Wir kletterten über den Zaun und stiegen durch ein Fenster der Synagoge“, berichtet Piscator. „In diesem Moment wurde mir klar, dass die Synagoge in Brand gesteckt wurde. Ich verabscheute dieses und verließ die Synagoge auf dem gleichen Wege, wie ich gekommen war.“ Am Haupteingang habe er dann den weiteren Angeklagten Hans Steih getroffen. Diesem habe Piscator erklärt, dass er selber Feuerwehrmann sei und „nichts damit zu tun haben wolle“. Es könne noch einige Stunden gedauert haben, ehe Feueralarm gegeben worden sei. „Ich bin dann mit der Feuerwehr wieder zur Bekämpfung des Brandes ausgerückt“, berichtet er.

Heinrich Werneck war damals Zugführer der freiwilligen Feuerwehr. Als er mit seinem Zug an der Brandstelle eingetroffen sei, sei die Kuppel der Synagoge bereits heruntergebrannt gewesen. „Es war damals ein offenes Geheimnis, dass die Synagoge von der SA in Brand gesetzt wurde“, sagte der Feuerwehrmann.

Nur wegen Aufforderung zur Brandstiftung wurde letztlich der als Rädelsführer angeklagte SA-Mann Hans Steih verurteilt. Im Prozess versuchte er, sich selbst von der Verantwortung freizusprechen. „Es ist unwahr, dass ich mich bei Zusammenkünften mit SA-Kameraden gerühmt hätte, die Streichhölzer noch bei mir zu führen, mit denen ich die Synagoge angezündet hätte“, gab er an.

Hingucker - Rosenblüte im Garten des Gedenkens Quelle: Thorsten Richter

Der Garten des Gedenkens

An der Stelle der im Jahr 1938 bis auf die Grundmauern abgebrannten Marburger Synagoge an der Universitätsstraße gibt es seit 2012 den „Garten des Gedenkens“. Dort findet auch jedes Jahr am 9. November das Gedenken in Erinnerung an die Opfer der Reichspogromnacht statt.

Die helle, begehbare Betonskulptur im Garten des Gedenkens ist umrahmt mit großflächigen, im Sommer rot blühenden Rosenpflanzungen. Sie erinnern daran, dass im antiken Jerusalem die Rose die einzige Blume war, die innerhalb der Stadtmauern gepflanzt werden durfte. In dem inneren Rasenkarree ist eine Kunstinstallation eingelassen. Sie besteht aus zehn „Zettelkästen“, die verschiedene Zitate zur Zeitgeschichte beinhalten.

Der Gedenkgarten soll auf ausdrücklichen Wunsch der Jüdischen Gemeinde Marburg ein „Gedenkort im positiven Sinne“ sowie ein Ort der Begegnung und des alltäglichen Lebens sein. Der alte Grundriss der niedergebrannten Synagoge lässt sich im Gelände gut nachvollziehen. Die auffällige, helle Betonskulptur zeichnet den Grundriss der alten, vor der alten Stadtmauer gelegenen Synagoge nach und ein Sichtfenster im Boden lässt einen Blick auf die erhaltene Mikwe zu.

So wird im Judentum das als Ritualbad genutzte Tauchbad bezeichnet, dessen Wasser der Erlangung ritueller Reinheit durch Untertauchen dient. Ein Tastmodell der alten Synagoge, das Sichtfenster in die Mikwe sowie ein Informationstext an der Bushaltestelle erläutern die Funktion und die Historie des geschichtsträchtigen Ortes.

Aktuelle Feuerwehrleute sind fassungslos

Angehörige der Freiwilligen Feuerwehr Marburg bestückten im vergangenen Jahr bei der offiziellen Gedenkstunde der Stadt Marburg und der Jüdischen Gemeinde Zettelkästen am Garten des Gedenkens mit Zitaten. So schrieb der ehemalige Stadtbrandinspektor Karlheinz Merle: „Auch Feuerwehrangehörige waren als Mitglieder der SA an der Brandstiftung der Synagoge beteiligt und haben den eigenen Wahlspruch ‚Gott zur Ehr’, dem Nächsten zur Wehr!‘ missachtet. Das zeigt, dass unsere Gesellschaft, damals wie heute, anfällig für Ideologien ist. Umso wichtiger ist, Verbrechen der Vergangenheit aufzuarbeiten – damit sich das nie wiederholt.“

Feuerwehrchefin Carmen Werners Beitrag lautet: „Unvorstellbar! Es erfüllt mich mit Wut und Scham zugleich, dass unter den Brandstiftern der Synagoge auch Feuerwehrkameraden waren.“ Und ein 10-jähriges Mitglied der Marburger Jugendfeuerwehr meint: „Ich fühle mich verwundert und erschrocken, wenn ich vom Synagogenbrand von 1938 höre. Wie kann man so dumm sein und ein Haus mitten in der Stadt anstecken und dann die Feuerwehr nicht zum Löschen zu rufen? Da kann doch rundherum alles brennen.“

Andreas Brauer: „Nie wieder Flächenbrand“

Andreas Brauer, stellvertretender Leiter der Marburger Feuerwehr, schlägt in seinem Zitat den Bogen zur Gegenwart, in der antisemitisches Verhalten auf dem Vormarsch sei. Er schrieb: „Wir als Feuerwehr und Teil dieser interkulturellen und demokratischen Gesellschaft haben das Zündeln zu löschen, damit es nie wieder zu einem Flächenbrand werden kann.“

Die juristische Aufarbeitung des Marburger Synagogenbrands geschah erst nach dem Zusammenbruch des „Tausendjährigen Reiches“: Mehrere Strafkammern des Marburger Landgerichts beschäftigten sich zwischen 1947 und 1952 mit der Frage nach den Brandstiftern. Ausführliche Daten und Fakten zu der Tat aus den Ermittlungsunterlagen und Prozessprotokollen finden sich in einer 1982 veröffentlichten Marburger Stadtschrift.

Von Manfred Hitzeroth