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Marburg Frost – eine Hexengeschichte
Marburg Frost – eine Hexengeschichte
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12:00 12.04.2022
Für das ehemalige Gefängnis am Marburger Landgrafenschloss hat sich im Volksmund der Name Hexenturm erhalten.
Für das ehemalige Gefängnis am Marburger Landgrafenschloss hat sich im Volksmund der Name Hexenturm erhalten. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Sie fror. Nicht nur so ein bisschen wie an diesen plötzlich frischer werdenden Spätsommerabenden, an denen ganz überraschend ein Frösteln zu spüren ist, wo man dann schnell die Arme um die eigenen Schultern legen, sich kräftig rubbeln und mit leicht verwundertem Tonfall ausrufen würde: „Mir ist kalt!“

Themenjahr Hexenverfolgung

Im Jahr 2020 wurde in Marburg im Themenjahr „Andersartig. Hexen. Glaube. Verfolgung“ an die Opfer der Hexenverfolgung in Marburg erinnert. In einer Stadtschrift arbeitete der Historiker Dr. Ronald Füssel die Hexenprozesse in Marburg auf. In der Stadt Marburg fanden zwischen 1517 und 1688 insgesamt 22 Frauen und zwei Männer wegen des Delikts der angeblichen Hexerei den Tod, hat er aufgelistet. Besonders ausführlich widmet sich Füssel in der Stadtschrift dem Fall von Katharina Lips aus Betziesdorf und ihrer 18-jährigen Enkelin Anna Schnabel in den Jahren 1673 und 1674. Der Fall von Lips ist wohl der populärste der Marburger Hexenprozesse und hat es auch zu einem Eintrag in Wikipedia gebracht.

Katharina Lips war der Teilnahme am Hexensabbat bezichtigt worden und hatte sich trotz mehrfacher Tortur als „nicht schuldig“ bekannt. Im Zuge ihres ersten Prozesses war auch ihre Enkelin in das Visier der Anklage geraten, die gestand und schließlich verurteilt wurde. Das juristische Hin und Her zog sich insgesamt mehrere Monate hin. Besonders das in den Akten des Staatsarchivs erhaltene Folterprotokoll für Lips, das ihre Qualen bildlich darstellt, trotz derer sie sich auch bei ihrem zweiten Prozess nicht schuldig bekannte, sorgte in späteren Jahrhunderten für Aufsehen.

Nein, ihr tat alles weh, und sie fror so stark, dass ihre Zähne heftig aufeinanderschlugen. Es gab ein unangenehmes, knackendes Geräusch, leise, aber beständig, denn sie konnte gar nicht mehr aufhören, mit den Zähnen zu klappern. Sie versuchte, sie einfach fest zusammenzubeißen. Aber das brachte nichts, denn nun verspannten sich Kiefer und Nacken derartig, dass sie vor Schmerzen kaum mehr denken konnte. Und die Zähne klapperten zwar nicht, aber sie knirschten – ein Geräusch, das keinesfalls angenehmer war als zuvor das Klappern. Das Knirschen schien ihren ganzen Körper auszufüllen. Knirschen und Schmerzen in jedem Muskel, jedem einzelnen Knochen.

Sie rollte sich zusammen, krümmte sich in Embryohaltung, aber noch immer war ihr kalt. Die Decke hatte sie fest um sich gezogen. Ihren Kiefer versuchte sie dagegen wieder zu lockern. Es war fast unmöglich, schien außerdem jetzt die Schmerzen noch zu verstärken. Und die Kälte zog durch jede Ritze.

Ob das Feuer ausgegangen war? Sie riss die Augen auf und versuchte, in der Dunkelheit etwas zu erkennen. Nichts, sie sah nichts. Sie schloss die Augen einfach wieder. Zum Aufstehen und Nachsehen fühlte sie sich zu schwach.

Unruhig wälzte sie sich hin und her. Keine Lage brachte Erleichterung, denn dieses entsetzliche Zittern und die Schmerzen blieben. Sie meinte, überhaupt nicht geschlafen zu haben. Zugleich fiel ihr nicht mehr ein, wo sie eigentlich war. Zu Hause jedenfalls nicht! Oder? Ihr Hirn versank im Nebel. Und der Schmerz in ihrem Kopf verdrängte alles.

„Alle weg ...“ War es eine Stimme oder ein Gedanke? Fast erfasste sie die Bedeutung der Worte, aber dann entglitten sie ihr wieder, während sie benommen weiter döste. Alle weg ... alle wo? Wer? Was war los?

„Alle weg!“ Auf einmal schrie es sie an, und sie hörte den Satz von allen Seiten. Diesen Satz und das Knirschen ihrer Zähne, als sie den Kiefer vor Schreck fest zusammenpresste. Ansonsten war alles still und stockdunkel. Angst machte sich in ihr breit. Sie konnte keinen klaren Gedanken fassen.

Alle weg! Ganz allein! Panik schlug wie eine Welle über ihr zusammen. Sie schreckte hoch, sank aber fast sofort stöhnend wieder ins Stroh zurück.

Ihr Herz raste. Aber langsam kam sie zu sich. Das Zittern blieb, und sie war klatschnass geschwitzt.

Diese Schmerzen . . .

Dennoch flaute die Panik ein wenig ab, als ihr wieder einfiel, dass sie in Marburg war und die peinliche Befragung ohne ein Geständnis hinter sich gebracht hatte. Nein, sie war keine Hexe!

Dreimal hatte sie die Tortur durchstehen müssen. Die Folterinstrumente waren jedes Mal einen Grad härter eingesetzt worden: das Seil weiter nach oben gezogen, die Schrauben fester gedreht ... Kein Wunder, dass sie kaum aufstehen konnte und nicht nur die Kälte, sondern auch das geronnene Blut ihre Hände und Füße ganz starr machte. Sicher war auch einiges gebrochen. Es fühlte sich jedenfalls so an, als hätte sie keinen einzigen heilen Knochen mehr im Leib. Aber die Knochen würden mit etwas Glück wieder zusammenwachsen. Wichtig war, dass sie die falschen Vorwürfe nicht bestätigt hatte.

Die anderen Frauen, die man mit ihr in die Stadt gebracht hatte, hatten gleich beim ersten Mal gestanden. Bis zur Hinrichtung waren sie wieder in den Gefängnisturm am Schloss gebracht worden. Nur sie hatte man für weitere Befragungen in der Arrestzelle im Rathaus behalten. Doch so schlimm die Folter auch wurde, sie hatte durchgehalten.

Sie hatte geschwiegen, und jetzt musste sie freigelassen werden! Sobald das Fieber sie aus seinem Griff entließe, würde sie das Land verlassen. Und wenn sie auf geschwollenen Füßen schwanken, ja auf den Knien kriechen müsste, der Weg bis ins Mainzische war zu schaffen. Er musste zu schaffen sein. Sie durfte nicht aufgeben.

Nur nicht aufgeben! Irgendwie würde es weitergehen . . .

Infos

Diese Geschichte entstand besonders im Andenken an Katharina Lips aus Betziesdorf, die – in Marburg wegen Hexerei angeklagt – mutig schlimmste Folterqualen überstand. Sie soll zugleich alle Verfolgten und zu Unrecht Bezichtigten ehren. Besonders deshalb ist der Autorin ein hoffnungsvolles Ende wichtig - wohl wissend, dass dieses bei Katharina Lips zumindest unklar, bei vielen Anderen nicht gegeben war und ist. „Frost“ stammt aus Kristina Lieschkes Buch „Im Fluss der Zeit. Erzählungen“ (2. Auflage 2019, erhältlich im Marburger Buchhandel). Die Autorin und Journalistin lebt seit ihrem Studium in Marburg.

Von Kristina Lieschke

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11.04.2022