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Marburg Die Töchter der Heiligen: von Schwester zu Schwester
Marburg Die Töchter der Heiligen: von Schwester zu Schwester
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14:00 05.04.2022
Die Klosterkirche Altenberg: Hier ist Gertrud begraben.
Die Klosterkirche Altenberg: Hier ist Gertrud begraben. Quelle: Kristina Lieschke
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Marburg

Gestern hat sich meine Schwester anmelden lassen. Ganz offiziell hat sie einen berittenen Boten hierher gesendet. Der verlas dann laut vor dem Klostertor ihre Botschaft: Ihre Hoheit Sophie, Herzoginwitwe von Brabant, Tochter der Heiligen Elisabeth und Mutter von Heinrich I., Herrscher über Marburg und Hessen, gedenkt, morgen das Kloster Altenberg zu besuchen und seiner Äbtissin eine wertvolle Reliquie der Heiligen Elisabeth zu übergeben.

Meine Schwester Sophie – Herrin über Marburg, Hessen und ganz Thüringen hätte sie wohl gerne verkünden lassen, wenn es nur ihren Ambitionen nach ginge.

Na gut, jetzt werde ich vielleicht etwas ungerecht. Es ist sicher auch nett gemeint, dass sie mir diese Reliquie als Andenken an unsere Mutter übergeben möchte. Und ich vergesse gerne, wie schwierig es für sie gewesen sein muss, herauszufinden, wo sie hingehört. Sich ihren Platz in der Welt angemessen zu gestalten. Was immer angemessen für sie bedeuten mag.

Diesbezüglich habe ich Glück gehabt, denn diese Frage hat sich mir nie gestellt. Sie ist schon vor meiner Geburt eindeutig beantwortet gewesen. Mutter hatte mich der Kirche versprochen, ein Gelübde, das niemals hinterfragt wurde. Und so kam ich schon als Kleinkind hierher ins Kloster Altenberg.

Sicher, sie hat mich noch ein paar Mal besucht – oder sollte ich sagen, gesehen? Ab und zu, eher von ferne, immer wenn sie ihr selbst gesponnenes Garn von Marburg nach Altenberg brachte. Ich selber erinnere mich gar nicht mehr daran. Meine Klosterschwestern haben mir davon erzählt. Natürlich erst Jahre später, als ich größer war. Mutter war da schon lange tot.

Stadt ist gewachsen

Aber zumindest habe ich noch einen gewissen Eindruck von ihr, denke ich jedenfalls, obwohl ich nicht mehr genau weiß, wie sie ausgesehen hat. Aber ich glaube, sie über mich gebeugt und singend in einer kleinen Hütte gesehen zu haben. Das müsste dann 1228 gewesen sein, direkt bevor sie mich weggegeben hat. In Marburg, diesem damals winzigen Städtchen, vor dessen Tore die ehemalige Thüringer Landgräfin sich für den Rest ihres Lebens als tief trauernde, Arme und Kranke pflegende Witwe zurückzog. So viele Jahre ist das jetzt her!

Marburg ist inzwischen gewachsen. Seit Mutters Heiligsprechung 1235, aber vor allem auch, seit meine Schwester ab 1248 ihre Residenz dort aufgebaut hat. Sogar die Neustadt platzt aus allen Nähten, höre ich die Pilger erzählen, die auf ihrem Heimweg noch uns hier besuchen, nachdem sie ihre Gebete an Mutters Grab verrichtet haben. Ja, für die Marburger war es ein Segen, dass Sophie gerade diesen Ort gewählt hat. Mehr als verständlich, dass sie und der kleine Heinrich dort von Anfang an nur begeisterte Unterstützung erfahren haben.

Aber nein, Mutter wollte damals nicht als Landgräfin-Witwe hoch auf die Burg ziehen. Keine Burgen oder Schlösser mehr! Das war eine ganz bewusste Entscheidung von ihr. Deshalb tue ich mich wohl auch so schwer, wenn Sophie die Burg als den einzig angemessenen Platz empfindet, ausbaut und zum repräsentativen Schloss umgestaltet – und dabei immer wieder Mutter als Ahnherrin und Vorbild bemüht. Die Heilige, die sicher nur zufällig und vorübergehend unten in der sumpfigen Flussaue hauste, nur wegen des Wassermangels auf dem Berg, nur wegen ihrer uneigennützigen Krankenpflege.

„Nein!“, will ich dann schreien, „das stimmt doch so nicht!“ Mutter würde die protzige Kirche nicht wollen, die gerade über ihrer Grabstätte entsteht. Ebenso wenig den Ritterorden, der sie errichten lässt. Wenn es nach Mutters Willen gegangen wäre, hätten nicht ausgerechnet die mächtigen Deutschordensritter mit ihrem Schwager Konrad ihr Pilgerhospital erhalten, sondern die weitaus bescheideneren und der Krankenpflege wirklich zugetanen Johanniter hätten dieses Erbe angetreten.

Aber ich sehe es wohl einfach anders. Für Sophie scheint es tatsächlich die Wahrheit zu sein. Ihre Wahrheit: Nur das Beste ist gut genug für unsere gesamte Familie. Zumindest schließe ich das aus ihrem jetzigen Angebot. Es ist wirklich eine besondere Reliquie, die sie unserem Kloster in Aussicht gestellt hat. Ein Unterarmknochen in einem überaus kunstvoll gearbeiteten, mit Edelsteinen verzierten Reliquiar, das die Form eines Armes mit segnend ausgestreckter Hand hat. Als würde Mutter uns nach ihrem Tode noch segnen, was sie in Sophies Vorstellung ja auch irgendwie tut.

Sophie selbst hat das Behältnis extra in Auftrag gegeben. Und morgen will sie persönlich kommen, um mir als Altenberger Äbtissin diese einmalige Kostbarkeit zu überreichen. Sie liebt eben große Gesten, meine große Schwester. Ich bin sicher, dass es für sie etwas wirklich Wichtiges ist. Aber ich muss zugeben, dass es mir widerstrebt, Teil dieses Rummels zu sein. Mich stört Sophies klar ersichtliche Berechnung, mit diesem Symbol, diesem Teil von Mutters Heiligkeit einen kleinen Teil von Macht und Einfluss an mich weiterzugeben, nur um dann sagen zu können: Ja, die Äbtissin dieses bekannten Klosters ist meine Schwester Gertrud, die für ihr frommes, gottesfürchtiges Leben auf den Spuren unserer Mutter landauf, landab bekannt ist. Seht nur, die Pilgerströme nicht nur nach Marburg, sondern auch zum Kloster Altenberg!

Lebende Reliquie

Ja, so sieht sie mich wohl: würdig, eine solche Reliquie zu bewahren. Schließlich bin auch ich eine Tochter der Heiligen und werde selber als so etwas wie eine lebende Reliquie angesehen, was das Wichtigste für Sophie sein dürfte. So hat sie eine Heilige zur Mutter und die fromme Hüterin eines mächtigen Klosters als Schwester. Ja, das dürfte ihre Stellung als Landesherrin stärken. Quasi wieder auf sie und ihren geliebten Sohn Heinrich abfärben.

Aber es sei ihr gegönnt. Wahrscheinlich lockt es tatsächlich mehr Pilger hierher, wofür wiederum ich dankbar sein muss, denn sie lassen das Kloster gedeihen und helfen so uns allen, hier zu überleben.

Wer bin ich dann, dass ich Sophie diesen kleinen Eigennutz vorwerfen sollte? Auf ihre Art meint sie es ja gut, will meine Position ebenso festigen wie die ihre. Sie, die sich ihre Stellung erst erkämpfen musste, kann offenbar nicht begreifen, dass mir meine so manches Mal eher lästig ist. Wie gerne wäre ich einfach nur die Schwester Gärtnerin, erfreute mich tagtäglich an den Blüten und Kräutern in unserem Garten! Doch das stand nie zur Debatte. Es war immer klar, dass ich diesen Konvent einmal leiten würde.

Keine von uns hat sich ihren Weg völlig frei ausgesucht. Wir versuchen einfach, das Beste aus dem zu machen, was uns gegeben wurde.

Also werde ich morgen nach Jahren einmal wieder meine Schwester treffen. Ich werde all diese Worte herunterschlucken, lächelnd ihr Geschenk entgegennehmen und ihr mit ehrlichem Herzen danken.

Hintergrund

Die fiktive Geschichte über das geplante Treffen von Gertrud und Sophie spielt 1260 im Kloster Altenberg. Die beiden Töchter der Heiligen Elisabeth könnten sich aber tatsächlich im Kloster Altenberg, wo Gertrud seit 1248 Äbtissin war, oder in Marburg, wo Sophie mit ihrem Sohn Heinrich herrschte, getroffen haben. Sophie von Brabant lebte von 1224 bis 1275 und ließ ihren Sohn Heinrich (1244 bis 1308) bereits 1247 zum ersten hessischen Landgrafen ausrufen. Durch den Langsdorfer Vertrag von 1263 sicherte sie ihm tatsächlich die hessischen Besitzungen der Ludowinger.

Gertrud von Altenberg lebte von 1227 bis 1297 und galt zumindest zum Ende ihres Lebens hin als „lebende Reliquie“, wofür sowohl ihr frommer Lebenswandel als auch ihre Verwandtschaft mit der Heiligen Elisabeth eine Rolle spielten. Nach ihrem Tode wurde sie seliggesprochen und in der Klosterkirche des Klosters Altenberg bei Wetzlar/Solms-Oberbiel begraben. Die Grabstätte in der Kirche kann noch heute besichtigt werden, auch wenn es das Kloster nicht mehr gibt.

Die beschriebene Elisabeth-Reliquie (Arm-Reliquiar mit Unterarmknochen) gelangte nach der Auflösung des Klosters 1803 in Privatbesitz der Sayner Fürstenfamilie und wird bis heute in einer Altarnische der Schlosskapelle Sayn aufbewahrt.

Weitere Geschichten von Kristina Lieschke um die Heilige Elisabeth, beispielsweise aus der Sicht Sophies oder des Ehemannes Ludwig IV. von Thüringen, sind in ihrem Buch „Im Fluss der Zeit. Erzählungen“ enthalten (2. Auflage 2019, erhältlich im Marburger Buchhandel). Die Autorin und Journalistin lebt seit ihrem Studium in Marburg.

Von Kristina Lieschke

05.04.2022
04.04.2022