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Marburg Ersterwähnung als Stadt war 1222
Marburg Ersterwähnung als Stadt war 1222
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12:00 28.03.2022
So könnte Marburg um 1230 ausgesehen haben: Diese Rekonstruktion erstellte die Firma „Archimedix“ für die Ausstellung im Staatsarchiv.
So könnte Marburg um 1230 ausgesehen haben: Diese Rekonstruktion erstellte die Firma „Archimedix“ für die Ausstellung im Staatsarchiv. Quelle: Archimedix
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Marburg

Die Ersterwähnung Marburgs als Stadt stammt aus dem Jahr 1222. Es gibt freilich kein Gründungsdatum. Die eher beiläufige Erwähnung der Marburger Bürger signalisiert vielmehr den Abschluss eines gestreckten Stadtwerdungs-Prozesses. Die Stadt Marburg feiert am 28. März und bezieht sich dabei auf einen kurzen Passus in der Reinhardsbrunner Chronik, in dem erwähnt wird, dass Landgraf Ludwig IV. von Thüringen mit den Bürgern der Stadt Marburg Gericht abhielt.

„Die denkwürdige Gerichtssitzung in Marburg wird nach dem 28. März stattgefunden haben“, erläutert Dr. Francesco Roberg, Referatsleiter im Staatsarchiv, der jüngst zu diesem Thema seinen Habilitationsvortrag an der Philipps-Universität gehalten hat.

Die Begründung, zu der Roberg nach intensivem Studium der Quellen gekommen ist, hat etwas mit der Auslegung von Textstellen zu tun. Laut dem Mediävisten aus dem Archiv werde zwar unstrittig der 28. März 1222 als Datum der Geburt des Sohnes von Landgraf Ludwig, des späteren Landgrafen Hermann II., genannt. Zudem werde aber nur erwähnt, dass der Landgraf „zur selben Zeit“ in Marburg geweilt habe.

Das bedeute nicht, dass sich Ludwig auch exakt an diesem Tag in Marburg aufgehalten und mit den Bürgern zu Gericht gesessen habe, erläutert der Mittelalter-Experte Roberg. Wahrscheinlicher sei die Sitzung, bei der den Landgrafen die Nachricht über den neugeborenen Stammhalter aus Thüringen erreichte, einige Tage nach der Geburt des Thronfolgers Hermann abgehalten worden, vielleicht Ende März oder Anfang April vor 800 Jahren. Detailliertere Informationen will Roberg bei seinem Vortrag zur Eröffnung der Ausstellung „Baustellen einer Stadtwerdung – Marburg im 13. Jahrhundert“ unter dem Titel „Marburg 800 – ein verblassendes Jubiläum?“ erzählen, die am 31. März ab 18 Uhr im Landgrafensaal des Staatsarchivs stattfinden wird.

Ausstellung im Staatsarchiv

Die Ausstellung mit dem Titel „Marburg – Baustellen einer Stadtwerdung. Marburg im 13. Jahrhundert“ wird am Donnerstag (31. März) ab 19 Uhr im Marburger Staatsarchiv eröffnet. Danach ist sie im Foyer des Staatsarchivs am Friedrichsplatz 15 jeweils montags bis freitags von 9 Uhr bis 17.30 Uhr zu sehen.

Die rasante Entwicklung der Stadt im 13. Jahrhundert wird anhand von sechs zentralen, noch heute im Stadtbild sichtbaren Gebäuden und Orten in den Blick genommen. Anhand von Schloss, Elisabethkirche, Stadtpfarrkirche (heute: Lutherische Pfarrkirche St. Marien), Markt, Weidenhäuser Brücke und Barfüßertor wird den Besuchern die geistliche, rechtliche, zentralörtliche, wirtschaftliche und bauliche Entwicklung nähergebracht. Das Aussehen der Gebäude und Orte im 13. Jahrhundert und den nachfolgenden Jahrhunderten wird anhand von 3-D-Videoinstallationen rekonstruiert.

Dabei werden die 3-D-Rekonstruktionen in den Vitrinen mit Originaldokumenten und Artefakten in Beziehung gesetzt und erläutert, um eine authentische und quellennahe Reise in das 13. Jahrhundert zu ermöglichen. Zudem gibt es auch einen Abschnitt zum Thema „Marburgs Erwähnungen in der Welt“.

In seinem Vortrag will er auch ein bisschen mehr über die mitunter detektivische Kleinarbeit verraten, mit der sich die für das Mittelalter zuständigen Historiker auf die Spuren der genauen Daten von Stadtjubiläen begeben. Das beginne schon damit, dass beispielsweise Schriftstücke aus dem 13. Jahrhundert gleich in mehrfachen teilweise auch unterschiedlichen Handschriften vorliegen. So existieren beispielsweise von der mehrere 100 Seiten umfassenden Reinhardsbrunner Chronik mehr als zehn Fassungen, die heutzutage an verschiedenen Orten gelagert sind. Um alle Fassungen für die Überprüfung des Marburger Geburtstagsdatums zu vergleichen, hat Roberg Einblicke in die aus dem 19. Jahrhundert stammende kritische Textedition genommen, – eine nach wissenschaftlichen Kriterien zusammengestellte Synopse der unterschiedlichen Fassungen. Dabei kommt es dann auf alle Textnuancen und auch mögliche Übersetzungen aus dem damals gebräuchlichen mittelalterlichen Latein an.

In der ursprünglich von einem Mönch im thüringischen Kloster Reinhardsbrunn erstellten Chronik steht jedenfalls vor allem die Geschichte des thüringischen Herrschergeschlechts der Ludowinger im Mittelpunkt, das zurückgeht bis auf Ludwig den Springer (1042–1123). Den Ereignissen aus dem Jahr 1222 sind dabei gerade einmal rund 20 Zeilen gewidmet, und nur ein Bruchteil davon bezieht sich wiederum auf die Kurzvisite Ludwigs IV. in Marburg, in dessen Rahmen Marburg zum ersten Mal als Stadt Erwähnung findet.

„Das Stadtjubiläum sagt allerdings nichts über das Alter von Marburg aus“, macht Roberg deutlich. Denn die Ortschaft am Fuße des Burgareals war wahrscheinlich auch schon einige Zeit zuvor ein kleines Städtchen gewesen am Rand des Territoriums der Landgrafschaft Thüringen gewesen.

Marburg als Stadt der Baustellen

Das sollte sich aber schon bald ändern. „Das 13. Jahrhundert prägte Marburgs mittelalterliche Stadtwerdung wie kaum ein anderer Zeitraum“, erläutert Dr. Constanze Sieger, Mitarbeiterin im Staatsarchiv, die die Ausstellung im Staatsarchiv mit vorbereitet hat. Von 1200 bis 1300 wurden für die städtische Entwicklung wesentliche Grundsteine gelegt: Landgraf Ludwigs Witwe Elisabeth von Thüringen (1207 bis 1231) wirkte und starb in Marburg, und ihre Heiligsprechung ließ Marburg vor allem nach dem schnellen Bau der Elisabethkirche zu einem zentralen, international bekannten Verehrungsort werden. Elisabeths Enkel wurde schließlich der erste Herrscher der neuen Landgrafschaft Hessen. Mit seinem Herrschaftsantritt sei Marburg am Ausgang des 13. Jahrhunderts erstmals landesherrschaftliche Residenzstadt geworden, erläutert Sieger.

Das älteste Marburger Stadtsiegel ist aus dem Jahr 1244 überliefert. Von der Elisabethkirche, über die spätere Lutherische Pfarrkirche bis hin zum Barfüßertor und einer ersten steinernen Brücke entstanden in der Marburger Gründerperiode des 13. Jahrhunderts zahlreiche Bauten. „Innerhalb eines Jahrhundert geschah verdichtet eine rasante Entwicklung“, erläutert Constanze Sieger. Das Besondere daran: Auch fast 800 Jahre später sind diese Bauwerke größtenteils immer noch im Stadtbild präsent.

Marburg als Stadt der Baustellen: Auch wenn das manchem Marburger wie eine aktuelle Beschreibung der Universitätsstadt vorkommt, geht das also auf eine jahrhundertealte Tradition zurück. Gebaut wurde besonders viel im 13. Jahrhundert. So ist auch die Ausstellung im Marburger Staatsarchiv betitelt, die sich rund um die Ersterwähnung als Stadt rankt, auch „Baustellen der Stadtwerdung“ betitelt.

Generell gesehen sei das 13. Jahrhundert für Stadtgründungen aus dem Handel heraus bekannt. Marburg habe aber auch damals nicht zu den großen Handelsstädten gehört, betont Constanze Sieger. Stattdessen sei es eher eine klassische „Herrschaftsstadt“ sowie zudem ein religiöses Zentrum.

Von Manfred Hitzeroth