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Marburg Blick hinter die Kulissen des Landestheaters Marburg
Marburg Blick hinter die Kulissen des Landestheaters Marburg
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10:00 13.04.2022
Tim Erdrich und Kristin Rasch arbeiten am Kopf des Reformators Calvin. „800 (Das Theaterstück) oder Rosenwunder Premium Reloaded“ wird vom Hessischen Landestheater am 11. Juni im großen Stil im städtischen Georg-Gaßmann-Stadion aufgeführt.
Tim Erdrich und Kristin Rasch arbeiten am Kopf des Reformators Calvin. „800 (Das Theaterstück) oder Rosenwunder Premium Reloaded“ wird vom Hessischen Landestheater am 11. Juni im großen Stil im städtischen Georg-Gaßmann-Stadion aufgeführt. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Mit Hochdruck wird in den Werkstätten des Hessischen Landestheaters Marburg an der großen Open-Air-Produktion „800 (das Theaterstück) oder Rosenwunder Premium Reloaded“ gearbeitet. Die Uraufführung zum Stadtjubiläum hat am Samstag, 11. Juni, im Georg-Gaßmann-Stadion Premiere.

Ganz viele unterschiedliche Gewerke sind daran beteiligt: Schlosser, Schreiner, Maskenbildner, Maler, Schneiderinnen tüfteln an Lösungen für Bühnenelemente, Requisiten und Kostümen. „800 (das Theaterstück) oder Rosenwunder Premium Reloaded“ ist das Geburtstagsgeschenk des Landestheaters zum Stadtjubiläum – und es wird vermutlich das größte Stück, das das Landestheater bislang gestemmt hat. Es wurde von Anah Filou eigens für das Landestheater geschrieben.

Für das Stück muss alles eine Nummer größer sein

Hinter den Kulissen wird bereits intensiv gearbeitet, denn spätestens zur technischen Einrichtungen 14 Tage vor der Premiere muss alles fertig sein. Das Landestheater ist das kleinste Subventionstheater in Hessen. Entsprechend klein im Vergleich zu einem großen Staatstheater sind die Werkstätten. „Aber letztendlich kriegen wie es immer hin“, sagen Ralph Hilberg (61) und Jürgen Barth (54). Die beiden Schreiner arbeiten schon lange am Landestheater: Jürgen Barth seit 18 Jahren und Ralph Hilberg seit 37 Jahren. Was reizt sie an der Arbeit am Theater? „Es ist sehr abwechslungsreich und es ist immer wieder eine kreative Herausforderung“, sagt Barth.

Für das Open-Air-Stück im riesigen Gaßmann-Stadion muss nun alles eine Nummer größer sein als sonst. Die beiden tüfteln unter anderem an einer Figur, die von der einen Seite das Nashorn Wolli darstellen soll, dessen Knochen in Marburg gefunden wurden, und von der anderen Seite einen Affen, der für das sehr aggressive Marburg-Virus steht, das 1967 in Marburg identifiziert wurde. Sie kriegen es natürlich hin.

Extrem viel Aufwand für Kopf aus Kunststoff-Gitter

Gleich nebenan arbeiten im selben Raum Tim Erdrich (22) und Kristin Rasch (38) an überdimensionalen, 1,60 Meter großen Köpfen Martin Luthers, Johannes Calvins und Ulrich Zwinglis, die für die Auseinandersetzungen der deutschen Reformatoren standen, die 1529 in einem Religionsgespräch in Marburg (vergeblich) beigelegt werden sollten. Tim Erdrich ist Bufdi, also Bundesfreiwilligendienstler, Kristin Rasch ist Maskenbildnerin und Steinbildhauerin, die regelmäßig auch für den Film arbeitet und für dieses Projekt engagiert wurde.

Der Prozess ist aufwendig. Vorlagen sind alte Gemälde. Danach werden kleine Skulpturen gemacht, die dann in große Styroporblöcke übertragen werden. Das Gesicht wird aus dem Styroporblock geschnitzt, das Styropor anschließend sorgfältig mit Gips abgedeckt, bevor ein formbares Gittermaterial aus Kunststoff aufgetragen wird. Das Gittermaterial wird schließlich mit großer Hitze auf die Konturen gepresst wird. Daher der Gips, er sorgt dafür, dass das Styropor nicht verbrennt. Letztlich wollen die Tüftler in der Werkstatt nur das leichte, zu Köpfen geformte Kunststoffgitter. Die Köpfe, die später noch bemalt und mit Hüten versehen werden, muss ja schließlich jemand tragen können. Ein Raum weiter ist der Malsaal. Er ist das Reich von Jonathan Hees (37). Hees ist gelernter Bühnen-Theatermaler, seine Ausbildung hat er in Baden-Baden gemacht. Dort gibt es eine von drei Schulen für diesen Beruf in Deutschland. „Ich bin hier sehr glücklich, es ist ein unglaublich kreativer Job“, sagt er stellvertretend für alle in den Theaterwerkstätten. An den Wänden stehen großformatige Bilder von der Stadtautobahn, der Elisabethkirche und dem Schloss. Auf dem Boden liegt eine drei mal fünf Meter große Urkunde von der ersten Erwähnung Marburgs als Stadt, die er maßstabsgetreu von einem Din-A4-Blatt übertragen und auf alt getrimmt hat.

Wie macht man ein Kostüm für ein Wollnashorn?

Kostüm und Ton sind im Nebengebäude, in dem auch die Marburger Musikschule untergebracht ist. Dort arbeitet seit Ende 2012 Damenschneiderin Caterina Marchi (33). „Das wird das Wollnashorn“, sagt sie und zeigt auf einen Garderobenständer, auf dem ein großes Ungetüm von Kostüm hängt. Den Unterbau hat Cansu Incesu aus der Türkei mitgebracht. Sie ist Kostümassistentin von Ausstatter Jörn Fröhlich. „Der Job ist lustig, abwechslungsreich“, sagt Caterina Marchi. „Mal machen wir ein Wollnashorn, mal Schneemänner, mal ein stehendes Kleid und natürlich ganz normale Kostüme. Und am Theater gibt es die großartigsten Unterhaltungen, Sätze wie: Könnt ihr mir mal helfen, die Leichen in den Keller zu bringen.“ Für Caterina Marchi ist es der perfekte Job.

Das größte Problem ist der Platzmangel

Der technische Leiter Steff Hans (63) ist seit zwei Jahren am Landestheater. Vorher hat er 30 Jahre am Stadttheater Gießen gearbeitet. „Die Werkstätten sind Schätze“, sagt er. „Es gibt ständig neue Aufgaben. Und manchmal muss man Regisseurinnen und Regisseure auch mal ein wenig einbremsen.“ Wenn die Ideen haben, die sich technisch kaum oder nur mit extremem Aufwand umsetzen lassen. Ansonsten machen sie am Landestheater auch Unmögliches möglich.

Das größte Problem aber ist der Platzmangel in allen Abteilungen. Zwei große Lager hat das Landestheater in dem ehemaligen Kasernengelände auf dem Tannenberg angemietet. „Ein Stück ist immer auf Lkws drauf, zum Teil sind Sachen auf Anhängern untergebracht“, sagt Jürgen Barth. Schließlich ist das Landestheater ja auch oft auf Achse.

Infos

Premiere hat „800 (das Theaterstück)“ am Samstag, 11. Juni, um 20.30 Uhr im Georg-Gaßmann-Stadion. Am 14. Juni findet die OP-Benefizvorstellung für Abonnentinnen und Abonnenten statt (Karten gibt es nur im OP-Verlagsgebäude im Franz-Tuczek-Weg 1). Weitere Vorstellungen sind am 15. und 16. Juni, am 1., 2. und 7. Juli jeweils ab 20.30 Uhr.

Von Uwe Badouin

12.04.2022
12.04.2022