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Marburg Bascha Mika: Friedenskämpferin und Feministin
Marburg Bascha Mika: Friedenskämpferin und Feministin
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18:00 10.06.2022
Bascha Mika malt Picassos Friedenstaube an eine Wand.
Bascha Mika malt Picassos Friedenstaube an eine Wand. Quelle: Privatfoto
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Marburg

Als die Bonner Juristen sie rauswarfen, weil sie vor der Wahl zum Studierendenparlament Flugblätter für den Sozialistischen Hochschulbund verteilen wollte, hatte Bascha Mika endgültig genug vom konservativen Muff unter den Talaren im Bundesdorf am Rhein. Philosophie, Germanistik und Ethnologie, das musste doch auch an der Philipps-Universität gehen. „Marburg hatte damals ja schon nicht mehr das ganz scharfe linke Profil, aber eben noch den entsprechenden Ruf“, erinnert sich die Journalistin an ihre Entscheidung, in Mittelhessen ihr Studium abzuschließen.

Ortswechsel waren für die im polnischen Komprachcice geborene Bascha Mika zu dem Zeitpunkt ohnehin nichts Ungewöhnliches mehr: Als sie fünf war, zog ihre Familie nach Aachen um, nun also Marburg statt Bonn, genauer gesagt: Marburg zum Studieren, das aus ihrer Kindheit gewohnte dörfliche Umfeld zum Leben – Willkommen in der Land-WG! Wie der erste Ort hieß, weiß die heute 68-Jährige nicht mehr genau: „Es war ein gesichtsloser Ort – irgendwo auf dem Weg nach Amöneburg.“ Über die Erinnerungslücke ärgert sie sich kurz, wird dann aber fast ein wenig nostalgisch: „Ich weiß, wie man dahin kommt, weil ich zu der Zeit meinen Führerschein gemacht habe und mein erstes Auto hatte – einen alten VW-Käfer, den ich geliebt habe.“

Radikaler Schnitt bei Umzug nach Berlin

Nun mögen die 1980er Jahre zwar eine Zeit gewesen sein, in der sich eine Studentin ein Auto noch leisten konnte, doch knapp bei Kasse war der akademische Nachwuchs schon damals: „Ich hatte nicht viel Geld“, sagt die Journalistin. Die Eltern bezahlten die Miete, sie bekam Bafög, aber: „Es war so knapp, dass ich das Auto, wenn’s ging, immer selbst repariert habe. Reifen und Bremsbeläge und solche Sachen, das konnte ich alles selbst wechseln.“

Bascha Mika. Quelle: Gaby Gerster

Gehört sich wohl auch so für eine Frau, die sagt: „Ich bin Feministin, seit ich fünf bin. Weil ich mich gegen einen Vater durchsetzen musste, der ein sehr traditionelles Frauenbild hatte.“ Und so trat die Feministin Bascha Mika in Marburg auch zum ersten Mal einer Frauengruppe bei. Doch lange hielt es sie dort nicht: „Ich habe es nicht ausgehalten – wegen der Strukturen. Dort gab es eine Führerin und die anderen waren mehr ihre Jüngerinnen – nicht mein Verständnis von Frauenarbeit.“ Besser aufgehoben fühlte sich die Studentin in einer Friedensgruppe, die sie als „bunt gemischt“ beschreibt. Bis heute hat sie Kontakt zu einigen der friedensbewegten Marburgerinnen und Marburgern, mit denen sich Bascha Mika gegen Aufrüstung und Kalten Krieg stemmte: „Eine von ihnen war Edith Mahlmann, ihr Mann war Theologieprofessor“, erinnert sie sich und zählt weiter auf: „In dieser Gruppe waren auch Jutta Rossellit und Uwe Bunk, die allerdings seit langem in Hamburg leben und arbeiten – mit denen habe ich auch noch Kontakt.“

Ein überschaubarer Kreis also, und Bascha Mika hat eine einfache Erklärung dafür, dass sie aus ihrer Zeit in Marburg nicht noch wesentlich mehr Kontakte zu alten Bekannten oder Freunden hat: „Als ich aus Marburg wegging, war ich mit meiner neuen Stadt Berlin und meinem neuen Job bei der taz so beschäftigt, dass ich einen radikalen Schnitt machen musste.“ Als sie in Berlin bei der links-alternativen Tageszeitung anheuerte, hatte die Geisteswissenschaftlerin schon Erfahrungen als journalistische Autorin gemacht.

Ihr erster Artikel war „völlig daneben“

An ihren ersten Artikel – entstanden in ihrer Marburger Zeit – erinnert sie sich mit einer Mischung aus thematischer Begeisterung und stilistischer Selbstkritik: „Das war eine ganze Seite in der Frankfurter Rundschau, Thema war die italienische Prostituiertenbewegung.“ Vier Wochen habe sie daran gearbeitet, allein am Einstieg eine Woche gefeilt: „Trotzdem war er völlig daneben. Der Artikel fing an mit den Worten ,Ich sitze in einem alten Garten in der Nähe von Pordenone’ – wie blöd, wie uninteressant.“ Darüber ärgert sie sich noch heute – wie sich eben eine Frau ärgert, die die Frage, ob sie eine „gute Studentin“ gewesen sei, so beantwortet: „Ich habe meinen Magister mit 1 gemacht. Wenn schon, denn schon.“

Ihre Familie komme aus Oberschlesien, die seien ähnlich fleißig und strebsam wie die Schwaben, sagt Bascha Mika und verrät allen, die es noch nicht wussten: „Meine Banklehre habe ich auch mit 1 abgeschlossen, so bin ich nun mal geprägt.“ Doch selbst die fleißigsten und strebsamsten Menschen verlassen während des Studiums irgendwann abends Seminarräume und Hörsäle und lassen ab und an den Tag an der Theke ausklingen, anstatt sich gleich in die Käfer zu setzen und wieder in die Land-WG zurückzutuckern: „Wir waren meistens in der Destille“, erzählt Bascha Mika: „Und es gab damals eine Punkkneipe in der Oberstadt – ich weiß nicht mehr, wie sie hieß, aber es war irgendwo in der Nähe vom Café Vetter.“

Marburg ist ihr zu touristisch geworden

Gesichtslose Orte, namenlose Punk-Kneipen – man muss sich nach dreieinhalb Jahrzehnten wirklich nicht mehr an alles erinnern können. Trotzdem hat Bascha Mika noch ein sehr präzises Bild von Marburg, wenn es um die Frage geht, ob sie heute jungen Menschen empfehlen würden, in der mittelhessischen Unistadt an der Lahn zu studieren: „Ja, ich würde Marburg allen empfehlen, die es zu schätzen wissen, in einer Umgebung zu sein, in der es nicht viel Ablenkung gibt und in der man eher gern durch Wälder und Felder streift.“

Und dann sagt die Ex-Marburgerin noch dieses: „Die Atmosphäre Marburgs macht ja auch etwas mit einem.“ Doch in die gesunde Portion Nostalgie, die da mitschwingt, mischt sich Kritik: „Mir ist aufgefallen, dass die Stadt unglaublich touristisch geworden ist.“ Was ja nicht unbedingt schlimm wäre, gäbe es da nicht noch einen ganz dicken schwarzen Fleck im Marburg-Bild der Bascha Mika: „Was mich damals schon fassungslos gemacht hat, als ich in der Philfak studiert habe: Wie kann man eine so schöne Stadt mit einer Autobahn und solch hässlichen Bauten verschandeln?“

Horst Schwebel erinnert sich

Horst Schwebel, der ehemalige Direktor des Instituts für Kirchenbau und kirchliche Kunst der Gegenwart und emeritierter Professor für Praktische Theologie, erinnert sich gut an Bascha Mika, die nach ihrem Studium für das Institut arbeitete: „Wir haben 1987 zusammen die Ausstellung „Von Engeln und anderen himmlischen Wesen“ für die hessische Landesvertretung in Bonn vorbereitet. In der Adventszeit wurde die Ausstellung dann dort vom damaligen hessischen Staatsminister für Wissenschaft und Kunst, Dr. Wolfgang Gerhardt, eröffnet. Für die Ausstellung wollten wir natürlich auch Arbeiten hessischer Künstler akquirieren, und das war Bascha Mikas Aufgabe. Sie war sozusagen der Künstlerscout, und wie sie das gemacht hat, das war schon beeindruckend. Sie fuhr dann zum Beispiel nach Frankfurt, sah sich in der Kunstszene um und kam immer mit guten Ergebnissen zurück. Das war auch die Zeit, als der Wenders-Film „Der Himmel über Berlin“ in die Kinos kam, das Ausstellungsthema mit den himmlischen Wesen passte also bestens. Bascha Mika und ich sind immer beim ,Sie’ geblieben, aber die Zusammenarbeit mit ihr war interessant und völlig problemlos. Sie war eine lebhafte, anregende Person und ich habe ihre Ideen immer gern aufgenommen, denn sie hatte ja Zugang zu Kreisen, die mir eher fremd waren.“

Von Carsten Beckmann

10.06.2022
10.06.2022
10.06.2022