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Marburg Marburg vor Entscheidung im Innenstadt-Poker
Marburg Marburg vor Entscheidung im Innenstadt-Poker
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15:28 12.03.2012
Von Christoph Linne
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Mit diesem Gestaltungsmodell wirbt der Investor des geplanten Gutenberg-Centers bei potenziellen Mietern für den Standort in der Marburger Innenstadt. Ein Fassadenwettbewerb soll über die Außengestaltung mitentscheiden.
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Marburg

Da der Campus Firmanei, dort das "Gutenberg-Center": Wenn es darum geht, die Tragweite der anstehenden Großprojekte im Herzen der Stadt einzuordnen, greift Oberbürgermeister Egon Vaupel (SPD) zum Superlativ. Er spricht von einmaligen Chancen, von Jahrhundert-Entscheidungen für Marburg: "Neben der Universitäts-Bibliothek ist das geplante Einkaufszentrum der wohl wichtigste Neubau in der Innenstadt."

Der Berliner Investor Joachim Tenkhoff darf sich seit Kurzem wieder Hoffnung machen, dass sich seine Pläne für das "Gutenberg-Center" nach monatelangen Verzögerungen doch noch realisieren lassen. Waren die zuletzt öffentlich diskutierten Varianten für die Folgenutzung des sanierungsbedürftigen Allianz-Hauses und des nicht minder maroden Savigny-Hauses allesamt gescheitert (die OP berichtete), stößt nun ein Vorschlag der Philipps-Universität bei der Stadt, dem Land Hessen und den Geldgebern auf gleichermaßen großes Wohlwollen.

Zum Szenario zählen nach übereinstimmenden Informationen der OP aufeinander abgestimmte Einzelprojekte:

Baustein 1: Auf dem Gelände der früheren Marburger Brauerei, gegenüber des Oberstadt-Parkhauses und im Anschluss an den Alten Botanischen Garten, entsteht ein Neubau für den Fachbereich Rechtswissenschaften. Während die Hörsäle der Juristen im teilsanierten Landgrafenhaus verbleiben, soll in diesem Neubau nach Angaben von Universitäts-Präsidentin Professorin Katharina Krause all das untergebracht werden, was sich heute auf gut 5000 Quadratmetern im Savigny-Haus befindet: Das Juristische Seminar (Fachbibliothek), die meisten Professuren sowie die Arbeitssäle und Übungsräume des Jura-Studenten. Allein die Fachbibliothek nimmt etwa die Hälfte der Nutzfläche ein.

Die Option, den Campus Firmanei um den Bau zu erweitern, war laut Uni-Präsidentin Professorin Dr. Katharina Krause stets mitbedacht: "Diese Alternativ-Pläne sahen vor, entweder die Wirtschaftswissenschaften oder die Rechtswissenschaften dort mit unterzubringen. Großer Vorteil dieser Variante ist, dass wir keine Übergangs-Lösung für die Unterbringung des Fachbereichs benötigen."

Größte Hürden sind jetzt neben der grundsätzlichen Genehmigung durch das Land vor allem die Finanzierung und vergaberechtliche Fragen. Insbesondere für den Fall, dass eine mögliche Deckungslücke für den vermutlich fast 20 Millionen Euro teuren Neubau mit Geld privater Investoren geschlossen werden müsste. Auf eine Grundsatz-Entscheidung, die derzeit zwischen dem hessischen Finanzministerium, dem Ministerium für Wissenschaft und Kunst sowie der Philipps-Universität verhandelt wird, hofft Krause innerhalb der nächsten acht Wochen.

Sicher ist, dass über die für Marburg genehmigten 440 Millionen Euro aus dem Hochschulbauprogramm Heureka hinaus kein Sonderetat für einen Neubau im Haushalt eingestellt wird. Doch das Land kommt der Uni offenbar in anderer Form entgegen, wie Finanzminister Dr. Thomas Schäfer (CDU) gegenüber der OP signalisierte: "Die Erlöse aus dem Verkauf des Savigny-Hauses würde das Land der Philipps-Universität zusätzlich zur Verfügung stellen."

Üblicherweise fließen Erlöse aus dem Verkauf öffentlicher Gebäude dem Landeshaushalt als Einnahmen ohne Zweckbindung zu. Mit einem entsprechenden Kabinettsbeschluss und der Zustimmung des Haushaltsausschusses ist es nach Angaben von Stefan Löwer, Pressesprecher im Finanzministerium, haushaltsrechtlich allerdings auch möglich, einen bestimmten Verwendungszweck vorab zu bestimmen.

Durch Neubau fallen Brauerei-Parkplätze wieder weg

Wenn die Finanzierung steht und alle offenen rechtlichen Fragen geklärt sind, sei ein Baubeginn auch "kurzfristig" möglich, sagt die Uni-Präsidentin, ohne den Zeitraum weiter eingrenzen zu können. Sicher sei hingegen, dass durch den Neubau die öffentlichen Parkplätze auf dem früheren Brauerei-Gelände wieder wegfallen: "Wir wissen, dass die Parkplätze auf dem alten Brauereigelände unheimlich beliebt sind. Doch sie waren und sind nur eine Übergangslösung. Wenn der Neubau kommt, können die Stellplätze nicht bleiben."

Baustein 2: Mit dem Kauf des Savigny-Hauses kann der Berliner Investor Joachim Tenkhoff seine ursprünglichen Pläne für ein Einkaufszentrum realisieren: Das marode Gebäude und das sanierungsbedürftige Allianz-Haus werden abgerissen und auf der kompletten frei werdenden Fläche entsteht das "Gutenberg-Center". Allerdings im etwas kleineren Maßstab.

"Wir überarbeiten derzeit unsere Baupläne und reduzieren dabei auch das Volumen", bestätigte Tenkhoff der OP auf Anfrage. Wie viel der einst angepeilten fast 27.000 Quadratmetern Mietfläche nun realisiert werden, könne er noch nicht sagen. Auch auf die Anzahl der Geschosse wollte er sich nicht festlegen. Fest stehe nur: Das Gebäude entlang der Universitätsstraße, Ecke Gutenbergstraße und Schulstraße werde insgesamt etwas niedriger ausfallen, da die Juristen nun als Mieter im zweiten und dritten Geschoss ausscheiden.

"Eine niedrigere Ausführung des Komplexes, der sich harmonischer ins Umfeld einfügt, trifft voll und ganz die Interessen der Stadt", sagen Oberbürgermeister Vaupel und Bürgermeister Dr. Franz Kahle (Grüne) übereinstimmend. Baudezernent Kahle räumt ein, dass die bisherige Planung bereits etliche Kritiker auf den Plan gerufen hat, die den Bau als zu wuchtig und zu dominant moniert haben.

Während er für die Stadt in architektonischen Fragen nur begrenzten Einfluss auf die Pläne des Bauherrn sieht, möchte er die Öffentlichkeit bei der Außengestaltung des "Gutenberg-Centers" mitreden lassen: "Über die Mitsprache des Parlaments und des Denkmal- und Gestaltungsbeirats hinaus wollen wir zusammen mit dem Investor in einem Wettbewerb über die Fassade entscheiden lassen."

Einzelhandel unverändert auf 12.000 Quadratmetern

Unverändert will Tenkhoff auch in der etwas kleineren Variante 12.000 Quadratmeter als Verkaufsfläche schaffen und vermieten. Gegenüber der OP spricht er davon, bereits 50 Prozent der Einzelhandels-Flächen vermarktet zu haben. Namen nennt er allerdings noch nicht. Nur so viel: "Es werden nicht alle aber viele neue Mieter am Standort Marburg vertreten sein." Zu den Unternehmen, die ihre Verkaufsfläche in Marburg erweitern wollen, zählt - entgegen früheren Angaben - auch die Modekette "New Yorker". "Die Planung einer neuen Filiale im Gutenberg-Center können wir bestätigen. Sie soll voraussichtlich größer werden, als im Schlossberg-Center", sagte Pressesprecherin Carolin Nixdorf der OP auf Anfrage. Die Filiale im Schlossberg-Center gegenüber habe eine Verkaufsfläche von rund 600 Quadratmetern. "Zurzeit gibt es keine Pläne, diese Filiale aufzugeben. Allerdings wird sie in der kommenden Woche für einige Umbauarbeiten vorübergehend geschlossen", ergänzt Nixdorf.

Als Ankermieter für die gewerblich nutzbaren Flächen in den oberen Geschossen steht Tenkhoff nach eigenen Angaben zum Beispiel in Verhandlungen mit einer Fitness-Kette sowie Hotels in der Zwei- bis Drei-Sterne-Kategorie.

Der Investor, der vergleichbare Objekte zum Beispiel in Lübeck, Rostock, Schwerin oder Bad Homburg realisiert hat, rechnet für das "Gutenberg-Center" mit zwei bis zweieinhalb Jahren Bauzeit und einem Investitionsvolumen von 50 bis 70 Millionen Euro. Zum Vergleich: Der Neubau der Universitätsbibliothek soll etwa 100 Millionen Euro kosten. Zum Zeitplan könne er sich noch nicht äußern, drängt jedoch auf Planungssicherheit bis spätestens Mitte des Jahres. Bis dahin rechnen auch Vaupel und Kahle mit allen nötigen Grundsatzentscheidungen.

von Christoph Linne