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Marburg „Dialog muss her, sonst entsteht Aggression“
Marburg „Dialog muss her, sonst entsteht Aggression“
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08:57 19.06.2021
Das jagdliche Engagement von Pfarrerin Anna Scholz bietet Gesprächsstoff.
Das jagdliche Engagement von Pfarrerin Anna Scholz bietet Gesprächsstoff. Quelle: Foto: Tobias Hirsch
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Marburg

Eine von knapp 200 Personen, die sich bisher für die Aktion „Marburg spricht“ angemeldet haben, ist Anna Scholz. Die 38-Jährige, beruflich als Pfarrerin aktiv, ist im Ehrenamt Vorstandsmitglied der Jägervereinigung Marburg. „Das ist mein Beitrag zu zivilgesellschaftlichem Engagement“, sagt Scholz. Sie nimmt unter anderem an dem Projekt teil, weil sie dadurch „gute Chancen, mit vielen Vorurteilen gegen die Jagd aufzuräumen“ sieht.

Grundidee des Projekts von Stadt Marburg, Oberhessischer Presse und Zeit online ist, dass Menschen zu einem Gespräch zusammengebracht werden, die in wichtigen Punkten unterschiedliche Auffassung haben.

Das jagdliche Engagement von Anna Scholz ist in jedem Fall dazu angetan, Widerspruch hervorzurufen. „Wir Jägerinnen und Jäger stehen gelegentlich in einem schlechten Ruf, weil man uns vorwirft, Lebewesen einfach zu erschießen“, weiß die Theologin. Dabei geht es ihr auch bei der Jagd um die Bewahrung der Schöpfung, „und da haben wir mit Organisationen wie dem BUND oder dem Nabu durchaus parallele Interessen“. Zum Erhalt der Biodiversität und des ökologischen Gleichgewichts kann dann auch der Abschuss etwa eines Stück Rehwilds gehören. Nahrungsdruck und Stress bei Überpopulation könnten das stören, sagt sie.

Letztlich hat für Anna Scholz die Jagd auch eine religiöse Komponente: Es geht darum, den „Schöpfer im Geschöpf zu ehren“. Deswegen eben gerade nicht um die Lust am Töten, sondern um Verantwortung für Natur und Wildbestand.

Anna Scholz will bei „Marburg spricht“ Verständnis für diese Position wecken – auch und vielleicht gerade bei Tierschützern, mit denen die Jägervereinigung nicht immer ein positives Verhältnis hat. Sie lehne aber Massentierhaltung ebenso strikt ab wie viele Tierschützer, sagt sie. Die „rote Linie“ werde für sie aber da überschritten, wo andere durch das eigene Verhalten gefährdet werden.

Besonders heiß wird nicht nur bei Jägerinnen und Jägern, sondern auch bei Landwirten und Nutztierhaltern der Umgang mit dem Wolf diskutiert. „Bejagen“, sagen die einen, „bewahren“, sagen die anderen. „Vielleicht kann man eine Kompromisslinie darin finden, dass man den Wolf und den Umgang mit ihm ins Jagdgesetz mit aufnimmt“, plädiert Scholz für einen „unaufgeregten Umgang“ mit der Art.

Als „Kulturfolger“ sei er seit Jahrhunderten immer wieder ein Thema für den Menschen.

In jedem Fall müsse man, und das nicht nur beim Thema Wolf, einen Dialog zwischen den unterschiedlichen Positionen herstellen, „sonst entsteht Aggression“.

Ebenso wichtig ist für die Theologin, dass Entscheidungen nicht über die Köpfe der Betroffenen hinweg getroffen werden. Beispiel Windkraft: Für die passionierte Jägerin wäre der Ausblick von einem Hochsitz über einen mit Windkraftanlagen gesprenkelten Wald schwer zu ertragen, aber sie sieht die Notwendigkeit des Ausbaus dieser Energieform „mit Vernunft und Maß“. „Auch hier muss gesprochen werden.“

Sie weiß, dass die Moderation solcher Konfliktthemen Zeit, Kraft und gegebenenfalls Geld kostet, aber „das ist jede Mühe wert.“

Marburg spricht - So machen Sie mit

Zur Teilnahme an „Marburg spricht“ ist es nötig, dass Sie acht verschiedene Fragen zu Ihren politischen Ansichten beantworten und Vor- und Nachname, E-Mail-Adresse, Handynummer angeben. Die Angaben werden benötigt, um Ihnen eine Teilnahme zu ermöglichen und eine andere Person zu finden, die möglichst anders denkt als Sie. Danach werden Sie per E-Mail zur Bestätigung Ihrer Teilnahme aufgefordert. Klicken Sie auf den in der E-Mail enthaltenen Bestätigungslink, wird Ihnen ein Bestätigungscode an die von Ihnen angegebene Handynummer zugesandt, welchen Sie in dem Browserfenster eingeben müssen, das sich zeitgleich öffnet.

Die Registrierung für die Teilnahme läuft Mitte Mai bis Mitte Juni. Ab Mitte Juni werden die von Ihnen angegebenen Antworten mit denen anderer Teilnehmer verglichen und im Anschluss wird Ihnen ein potenzieller Gesprächspartner („Match“) mit möglichst unterschiedlichen politischen Ansichten vermittelt. Sie erhalten eine E-Mail mit den Antworten und den Kontaktdaten Ihres Matches und können sich mit Ihrem Match am 4. Juli – je nach Pandemielage – im Erwin-Piscator-Haus, an einem anderen Ort oder auch digital zu einem Vier-Augen-Gespräch verabreden. Alle Gespräche zwischen den Matches sollen am 4. Juli stattfinden. Vor diesem Termin erhalten Sie noch eine E-Mail mit weiteren Informationen. Anmeldeschluss ist Sonntag, 20. Juni.
Anmeldungen und weitere Informationen unter https://marburgspricht.de/

Von Till Conrad

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