Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Kampf gegen Lieferanten-Lindwurm
Marburg Kampf gegen Lieferanten-Lindwurm
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:17 31.05.2019
Die Zahl der Lieferwagen – von Paket- bis Pizzadiensten – in Marburg steigt. Die Stadtverwaltung schmiedet Pläne, wie man speziell die Auswirkungen des verstärkten Onlineshoppings logistisch in den Griff bekommen kann.  Quelle: Björn Wisker
Marburg

Zu Spitzenzeiten gibt es nach Angaben der Stadtverwaltung pro Tag alleine vom Dienstleister DHL etwa 4 500 Lieferfahrten in die Universitätsstadt und aus ihr heraus.

Die Zahlen für andere Unternehmen liegen der Kommune nicht vor. Werktags sind für DHL in Marburg durchschnittlich 14 Fahrzeuge im Einsatz, für DPD elf und für GLS sechs.

Für Hermes geht die Stadt von sieben und für UPS von zehn Fahrzeugen aus. Rund die Hälfte verkehrt im Innenstadtbereich, weitere sechs Lieferwagen versorgen nach Verwaltungsberechnungen die Gastronomiebetriebe.

Alle Dienstleister planen ihre Routen, Anfahrten und Auslieferzeiten zu den Endkunden eigenständig. Resultat: ein Lieferwagen-Lindwurm, der sich mehrmals am Tag durch die Stadtteile schlängelt. Seit Monaten häufen sich die Berichte genervter Bürger über das Parkverhalten der Lieferdienste.

In der ohnehin stark von Staus belasteten Bahnhofstraße werde regelmäßig eine Fahrspur von Paketdiensten, die gerade ihre Waren in den Häusern abgeben, blockiert, klagt ein Gewerbetreibender im OP-Gespräch. Ähnliche Szenen gibt es ständig – speziell an Markttagen – in der Frankfurter Straße, auch in der Oberstadt, wo die Durchfahrtszeiten eigentlich begrenzt sind.

Attraktivität und Lebensqualität leidet

Der zunehmende Lieferverkehr führe insbesondere in der Innenstadt „zu einer erheblichen Beeinträchtigung des Verkehrsflusses“, zu einem „erhöhten Schadstoffausstoß“ und Verkehrslärm, sagt Wirtschaftsförderer Stefan Blümling in Anlehnung an den „Green City Plan“ der Stadt.

Darunter „leidet sowohl die Attraktivität der Innenstadt aus Sicht der Gewerbetreibenden als auch die Lebensqualität der Einwohner“, heißt es im Plan.

Ein grundsätzliches Problem, das auch in Marburg für viele Lieferfahrten sorgt: das für Kunden oft kostenlos mögliche Zurückschicken der im Internet bestellten Waren. So wird deutschlandweit jedes sechste im Internet bestellte Paket wieder zurückgeschickt, wie Wirtschaftswissenschaftler der Universität Bamberg jüngst ermittelt haben.

Im vergangenen Jahr seien 280 Millionen Pakete und 487 Millionen Artikel zurückgesandt worden. Laut einer Studie des ibi Research an der Universität Regensburg rechnen grundsätzlich mehr als 40 Prozent aller Onlinekunden bereits bei der Bestellung damit, dass sie Ware zurückschicken werden.

Dem Freiburger Öko-Institut zufolge verursacht der Versand eines Paketes in der Theorie im Schnitt rund 500 Gramm CO2, eine Einkaufstour mit dem Auto ein Vielfaches davon.

In der Praxis werden aber nicht nur mehr als die Hälfte der angelieferten Waren von Kunden zurückgeschickt, sondern schon das bestellte Paket oft nicht im ersten Anlauf ausgeliefert, weil die Boten weder Empfänger noch Nachbarn antreffen. Resultat: Die Ware landet im Paketshop und wird dort – oft mit dem Auto – abgeholt.

Häufig werden bestellte Waren auch getrennt verschickt. Wird für einen Artikel die taggleiche Zustellung versprochen, verschärfe sich dieses Problem. Außerdem sehen sich etliche Kunden zunächst im Einzelhandel um, bevor sie online shoppen.

„Viele der Fahrten
 könnten vermeidbar sein“

„Viele der Fahrten könnten vermeidbar sein“, sagt Blümling. Mit dem Magistrat will er die Auslieferer-Fahrten künftig minimieren, auf innenstadtnahe Logistik- und Paketverteilzentren, sogenannte Micro-Hubs setzen.

Im Verteilzentrum der Lieferdienste vorsortiert, würde die eine Gegend betreffende Warenmenge in dem Hub abgestellt und von dort zu den Kunden gebracht. „Dieses Vorgehen könnte die Situation auf der letzten Meile entspannen“, sagt Blümling.

Im Sinne des Umweltschutzes – der Einsparung von Stickoxiden – solle laut des städtischen Plans ein künftiges Micro-Hub-System mit dem Einsatz elektrischer Lieferwagen und Lastenräder gepaart werden.

Lieferdienste als auch lokale Händler bewerten laut Datenauswertung des „Green City Plans“ die innerstädtische Verkehrslage als solche und speziell die Versorgung in der auf dem Berg gelegenen Oberstadt als problematisch und reformbedürftig.

Micro-Hubs, also kleine Auslieferungslager, brauchen in der Regel weniger als 3 000 Quadratmeter Fläche. Wichtigstes Standortkriterium: eine Lage möglichst nah an den Haushalten. Doch genau das, die konkreten Standorte, die grundsätzliche Flächenverfügbarkeit, ist das Problem. Das Oberstadtparkhaus etwa soll wegen seiner Auslastung nicht als Knotenpunkt für die Stadtteil-Belieferung dienen.

von Björn Wisker