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Marburg Marburg modern machen – mit Hilfe eines Stadtteils Lahnberge
Marburg Marburg modern machen – mit Hilfe eines Stadtteils Lahnberge
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09:58 25.02.2021
Andrea Suntheim-Pichler (BfM) will Oberbürgermeisterin in Marburg werden. Im OP-Interview spricht Sie über ihre Ziele.
Andrea Suntheim-Pichler (BfM) will Oberbürgermeisterin in Marburg werden. Im OP-Interview spricht Sie über ihre Ziele. Quelle: Nadine Weigel
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Marburg

Andrea Suntheim-Pichler, Oberbürgermeister-Kandidatin der BfM im OP-Interview.

Das Rathaus soll zum Tathaus werden, plakatieren Sie. Doch Sie sind mit an der Regierung – wieso ist es das also nicht schon geworden?

Andrea Suntheim-Pichler: Der jetzige OB hat sich bei vielem nicht in die Karten schauen lassen, aber man sieht ja nun, dass vieles im Ankündigungs-Bereich oder in zaghafter Umsetzung bleibt. Wenn man bauen, bauen, bauen ernst meint, kann man die Lahnberge nicht außen vor lassen. Aber genau das ist passiert: Das Thema Stadtteil-Entwicklung liegt brach, da wurde nichts getan. Im Bereich Verkehrswende wird auch nichts richtig angepackt.

Mit einer Ausweitung des Stadtpasses oder fernen Ideen wie das Bürgerticket für Nahverkehrs-Nutzung, kommen wir doch effektiv keinen Schritt weiter. Wir müssen doch überhaupt erst mal die Möglichkeiten schaffen, dass Menschen das Auto stehen lassen können. Dazu muss der Nahverkehr qualitativ deutlich ausgebaut, Verkehrssysteme digital vernetzt werden. Gerade für die Zehntausenden Pendler. Aber da herrscht Tatenlosigkeit. Ganz abgesehen davon, dass ich will, dass Dinge mal schneller gemacht werden. Denn man beweist sich mit Taten, nicht mit Worten.

Lahnberge als Stadtteil

Sie sprachen eine Ihrer Kernforderungen an: Die Lahnberge als Stadtteil zu planen. Nun zeichnen sich die letzten Jahre nicht durch Großprojekte aus.

Suntheim-Pichler: Die Zeit der punktuellen Stadtentwicklung, mal hier und mal da etwas zu bauen, halte ich für überholt. Es braucht einen ganzheitlichen Blick auf Marburg, auch und gerade, wo man als größte Stadt der Region eigentlich hin, was Marburg eigentlich sein will – bis 2030, 2040. Die Lahnberge spielen dafür eine zentrale Rolle, die Straßenanbindung ist vorhanden, der O-Bus kommt und eine kurz getaktete Ringlinien-Verbindung ließe sich umsetzen. Mehr- und Einfamilienhäuser, Supermarkt, Gastronomie, Gewerbegebiet, ganz zu Beginn ein Kindergarten – arbeiten, studieren und leben im Grünen ist keine ferne Vision, sondern realistisch und greifbar. Anders als am Rotenberg oder Hasenkopf sind die Voraussetzungen für einen modernen, smarten, mit selbstfahrenden Bussen und sogar autofreien Stadtteil ideal.

Leben im Grünen: Eine Bebauung der Lahnberge, wegen Rodung und Versiegelung dürfte alleine aus Klimagründen heikel sein.

Suntheim-Pichler: Zum einen gibt es bereits Freiflächen, die man bebauen könnte und zum anderen Gebäude, die keiner mehr nutzt und an deren Stelle man etwas bauen könnte. Also: Gebäude abreißen und etwas Neues, etwas Nutzbares hinstellen, um Versiegelung zumindest zu minimieren. Aber man muss auch mal ehrlich sein: Nicht alles im Wald ist wertvoll und hat überhaupt noch eine Überlebenschance. Der Fichtenwald wird uns über kurz oder lang sowieso absterben, und dass man robuste Arten massiv nachpflanzen, dass man aufforsten muss, versteht sich von selbst.

Pause-Knopf könnte sinnvoll sein

Digitalisierung aller Lebensbereiche, arbeiten und studieren von überall: Die Corona-Pandemie dürfte auch die bisher geltenden Wachstums-Prognosen – 3000 Einwohner mehr bis 2030 – beeinflussen. Was bedeutet das für Wohngebiets-Ausweisungen im Westen und Osten?

Suntheim-Pichler: Die Reset-Taste oder zumindest den Pause-Knopf zu drücken, könnte sinnvoll sein. Die Bedingungen haben sich verändert, die Klimafrage und vor allem Corona samt der möglichen Auswirkungen auf Marburg als Studentenstadt, als Präsenz-Studienort machen den ab vom Schuss gelegenen Hasenkopf überdenkenswert. Die Wohngebiets-Frage neu zu überlegen, hätte auch den Vorteil, die gerade im Stadtwald und am Rotenberg bisher weitgehend ausgeblendete Erreichbarkeits-Frage zu klären. Gerade in Bezug auf den nicht sonderlich attraktiv gelegenen Hasenkopf ist es unehrlich und eine Verkennung der Realität, wenn man Bewohner auf Rad- und Busfahren verweist.

Nicht zuletzt wegen des Beschlusses Ihres Regierungspartners SPD stehen die Zeichen eher auf Straßenbau-Absage.

Suntheim-Pichler: Es fehlt der Mut, groß zu denken und überhaupt die Erkenntnis, dass Wirtschaftsbetriebe – von Pendlern über Lieferanten bis zu Kunden – ein riesiges Verkehrsproblem haben. Die Stadt nimmt die Gewerbesteuer von Firmen, aber löst deren Probleme nicht, sei es zwischen Ketzerbach und Pharmastandort, oder im Kaufpark Wehrda. Dabei gebe es im Straßenbau ganz kreative Möglichkeiten. Von Behringtunnel über Allnatalweg im Westen, bis zum Abriss des alten Somit-Markts im Kaufpark, um einen Weg zur Stadtautobahn-Auffahrt zu schaffen. Klar ist: Wer Straßenbau ablehnt, bremst und beschneidet die Möglichkeiten zur Problemlösung.

Hinweise auf Linksbündnis

Von Verkehr bis Windkraft: Mit der SPD, der Sie nach 2015 zur Regierungsbildung verhalfen, haben Sie seit deren Links-Schwenk immer weniger gemeinsam.

Suntheim-Pichler: Im Großen und Ganzen bin ich erstmal froh, über die Regierungsbeteiligung Projekte wie das Oberstadt-Konzept angeschoben haben zu können. Ideologisierte Vorhaben wie Windkraft hat es mit uns und wird es mit uns nicht geben – für uns zählt Pragmatismus und Effektivität. Dass der OB aber ein linkes Bündnis bevorzugt, daraus machte er keinen Hehl. Die SPD will eben unbedingt weitermachen, sieht die Stärke von Grünen und Linken und richtet sich inhaltlich entsprechend aus. Die Hinweise auf ein Linksbündnis sind jedenfalls deutlich.

Schritt nach vorne oder doch für den Schredder? Auch das Oberstadt-Entwicklungskonzept lässt Corona-Folgen außen vor.

Suntheim-Pichler: Es geht in dem Konzept nicht nur um Handel und Gastronomie, sondern auch um Wohnen und mögliche Kulturveranstaltungen. Aber ja, es stimmt: Es gibt gewiss einen Pandemie-Vorbehalt. Denn die Händler, Gastronomen und auch Frisöre werden nach dem Lockdown nicht in derselben Anzahl ihre Türen wieder öffnen, wie bisher.

Es wird also in der Oberstadt auch eine vernünftige Umwidmung von Flächen nötig sein. Das Szenario, dass es weniger Läden und mehr Wohnfläche gibt, dass Geschäfte sich in Teilen der Oberstadt konzentrieren, wird wahrscheinlich. Aber selbst dann ist ein lebendiges Quartier möglich, dazu braucht es dann umso mehr Ideen für Freiflächen, öffentliche Events und Treffs. Aber der Satz, dass die Stadt stirbt, wenn der Handel stirbt, glaube ich so nicht mehr. Denn es gibt kreative Lösungen für eine Belegung der Innen- und damit auch der Oberstadt. Etwa Show-Rooms, wo man über Waren beraten wird und diese dann nach Hause bestellt.

Von Björn Wisker