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Marburg Wie Weidenhausen in die Charts kommt
Marburg Wie Weidenhausen in die Charts kommt
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15:00 08.01.2022
Die Rapper der Antilopen Gang (von links) Koljah, Panik Panzer und Danger Dan haben ein neues Album herausgebracht.
Die Rapper der Antilopen Gang (von links) Koljah, Panik Panzer und Danger Dan haben ein neues Album herausgebracht. Quelle: Danny Koetter
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Marburg

Wer hätte gedacht, dass der kleine Marburger Stadtteil Weidenhausen einmal in den bundesweiten Charts landen würde? Zumindest indirekt hat es Weidenhausen auf Platz 3 der Album-Charts geschafft, nämlich mit dem „Antilopen Geldwäsche Sampler 1“ der Hip-Hop-Band Antilopen Gang.

Track 9 des Albums heißt „Wer hat uns verraten?“. Es geht, man kann es sich anhand des Titels schon zusammenreimen, um Sozialdemokraten. Gleich in den ersten Zeilen kommt „Marburg-Weidenhausen“ vor. Allerdings sind es nicht das Grüner Wehr, die Weidenhäuser Brücke und das Entenrennen, die dem früheren Straßendorf zu bundesweiter Bekanntheit verhelfen – sondern ein ehemaliger Kommunalpolitiker mit RAF-Vergangenheit. „Dies ist die Geschichte von Wolfgang. Er hat Anfang der Siebziger in Marburg studiert“, heißt es in der ersten Strophe des Songs. „Dann entdeckte er den sogenannten Volkskampf / und hat sich in der RAF organisiert“, geht es in etwas ungelenken Hip-Hop-Reimen weiter. „Das hieß: Pässe fälschen, Autos klauen, Banküberfall.“ Allerdings wurde der ehemalige RAF-Kämpfer später nur wegen Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung verurteilt, die Beteiligung an einem Banküberfall war ihm nicht nachzuweisen. Historisch korrekt gibt der Song-Text dann wieder, dass der damals 25-Jährige schon bald verhaftet wurde – genauer gesagt am 2. März 1972 in Hamburg: „Doch es dauerte nicht lang und sie ham Wolfgang gekrallt. Bei der Verhaftung wurd ein Cop abgeknallt. Wolfgang war das nicht gewesen, Wolfgang hatte sich ergeben. Er kam in’ Knast und dachte nach über sein Leben.“

Noch in der Haft soll sich das Marburger RAF-Mitglied von den Linksextremisten losgesagt haben. Die eigentliche RAF-Terrorserie mit Sprengstoffanschlägen begann erst ab Mai 1972, Monate nach seiner Festnahme. Nach seiner Haftentlassung fiel er den Sicherheitsbehörden nicht mehr auf. Erst seine Ortsbeirats-Kandidatur bei der Kommunalwahl 2016 brachte ihn wieder in die Schlagzeilen – nicht nur die OP berichtete damals, auch bundesweit griffen Medien die Kandidatur auf.

Und das hat offenbar auch die Antilopen Gang auf die Idee gebracht, seine Lebensgeschichte nachzuzeichnen. „Blieb politisch interessiert / und hat in seinem Stadtbezirk erfolgreich bei der Kommunalwahl kandidiert“, heißt es weiter, bevor der Refrain folgt: „Jetzt ist er bei der SPD, das tut doch im Herzen weh.“

Recht auf Resozialisierung nach der Haft

Die Band, die aus den Rappern Koljah, Panik Panzer und Danger Dan besteht, soll eigentlich am Donnerstag, 13. Januar, im Marburger Kulturzentrum KFZ auftreten. Ob die bereits ausverkaufte Veranstaltung stattfindet, ist jedoch aufgrund der Corona-Lage noch unklar.

Wie es zu dem Song-Text kam, dazu wollten sich die Musiker auf OP-Anfrage nicht äußern. Und auch nicht dazu, ob es Kritik an dem Text gab oder ob man juristische Auseinandersetzungen befürchtet. Denn wer seine Haftstrafe verbüßt hat, hat ein Recht auf Resozialisierung, also auch darauf, von der Gesellschaft in Ruhe gelassen und nicht immer wieder in der Öffentlichkeit mit seinen Straftaten konfrontiert zu werden.

Seit der Kommunalwahl im März 2021 übt der besungene Weidenhäuser kein kommunalpolitisches Amt mehr aus, ist also wirklich Privatmann. Auf OP-Anfrage reagierte er allerdings gelassen auf den Song: „Ich bin eine öffentliche Person, man kann Lieder über mich verbreiten, wenn sie nicht falsch oder sinnentstellend sind. Eigentlich habe ich gar nichts dazu zu sagen.“

Das neue Album „Antilopen Geldwäsche Sampler 1“ der Band ist am 24. Dezember erschienen (die OP berichtete). Auf dem Sampler gibt es wieder fette Hip-Hop-Beats zu hören, das Trio macht, was man von ihm erwartet: Raps und Gesänge, die zwischen dem Persönlichen und dem Politischen pendeln, mal zärtlich („Mir kann nichts passieren“), mal gesellschaftskritisch-bissig („Auf sie mit Gebrüll“, „Nazis rein“). Auch eine typische Danger-Dan-Pianoballade im Stil von Tom Waits („Filmriss“) hat es auf die Platte geschafft.

Von Stefan Dietrich