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Marburg App-Nutzer retten Essen vor der Tonne
Marburg App-Nutzer retten Essen vor der Tonne
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00:18 25.01.2019
Die App „Too good to go“ im OP-Test: Die Lebensmittel im Hintergrund hatten Marburger Restaurants übrig. Quelle: Dennis Siepmann
Marburg

Mit der App „Too good to go“ (TGTG) können Nutzer überschüssiges Essen in Restaurants, Bäckereien, Cafés und Supermärkten kaufen. Acht Betriebe aus dem Landkreis Marburg-Biedenkopf bieten täglich neu an, was bis zum Abend nicht verkauft wurde und womöglich sonst weggeschmissen würde. Für im Schnitt drei Euro soll es ein Paket mit einer „Portion“ geben. Im Laufe des Tages kauft der Kunde dieses über die App, zahlt per Kreditkarte, Paypal oder Sofortüberweisung. Zu einer vorgegebenen Zeit gegen oder nach Ladenschluss holt der Nutzer das Essen ab.

Per Standortsuche zeigt die App die Läden in der Umgebung an. Für Marburg sind das etwa die beiden Salatbars „Salädchen“ und „Tom und Sally’s“, das Café Wertvoll, das Café am Markt und Nordsee. In Wetter bietet die Aral-Tankstelle die Reste aus dem Bistro an. Laut Auskunft von TGTG sind zwei weitere Läden registriert, die aktuell aber ihr Angebot aussetzen und deshalb nicht angezeigt werden. Bei einem Test in Marburg funktioniert der Bestellvorgang ohne Probleme. Im Café am Markt gab es noch eine reichliche Auswahl an Kuchen und Torten, eine Portion entspricht zwei Stücken.

International neun Millionen Mahlzeiten gerettet

2015 haben dänische Unternehmer TGTG gegründet, seit 2016 gibt es die App auch in Deutschland. Nach Angaben des Unternehmens bieten 2.500 Läden in rund 400 Städten ihr Essen an und mehr als eine Million Menschen nutzen die App. Die rund 950 Menschen, die TGTG im Landkreis Marburg-Biedenkopf nutzen, haben bislang rund 2.000 Mahlzeiten gekauft.

Um den ökologischen Aspekt vereinfacht darzustellen, rechnet das Unternehmen damit, dass bei der Herstellung eines Kilogramm Lebensmittel etwa zwei Kilo Kohlenstoffdioxid entstehen. Man berufe sich dabei auf Studien, etwa vom WWF. Wenn Essen nicht weggeworfen wird, dann ist dieses CO2 zumindest nicht umsonst angefallen.

Das Unternehmen geht also davon aus, dass die Marburger schon rund vier Tonnen des Treibhausgases „gespart“ haben. „Bislang wurden international schon neun Millionen Mahlzeiten gerettet und in dem Zuge 18.000 Tonnen CO2 eingespart“, berichtet das Unternehmen. Im Schnitt kosten die Portionen drei Euro, maximal die Hälfte des ursprünglichen Preises, gibt TGTG an. Das Unternehmen behält davon eine Provision ein und leitet den Rest an die Gastronomen weiter.

Angebot wird fast täglich genutzt

Im Café Wertvoll am Fuß des Steinwegs freuten sich die Betreiber Waldemar und Rafaela Kelsch und Paul Schilhansl darüber, die Tüten mit zwei belegten Bagels, einem Stück Mohnkuchen und einem Muffin über den Tresen zu geben. „Seit November machen wir bei ‚Too good to go‘ mit und werfen seitdem kaum noch Lebensmittel weg“, sagt Schilhansl. Das Angebot werde fast täglich genutzt. „Wir sind froh, dass es die Möglichkeit gibt und das System gut funktioniert.“ Die Einnahmen aus der App decken für das Café Wertvoll zumindest die Herstellungskosten.

Bei Nordsee hat der TGTG-Kunde die Wahl zwischen Snacks für 2,90 Euro und einem Hauptgericht für 3,50 Euro. Snacks sind Fischbrötchen oder Wraps, für das Hauptgericht bestand beim OP-Test noch die Wahl zwischen Seelachs- und Schollenfilet. Wer eigene Behälter mitbringt, kann sich das Essen auch darin einpacken, um weniger Abfall zu produzieren.

Beim Salädchen mischt die Verkäuferin einen Salat an, die Soße steht zur Wahl. Manchmal bleibe auch Suppe oder Ofenkartoffeln für TGTG übrig, sagt Peter Heinzmann, Gründer von Salädchen und Betreiber der Filiale sowie des Café am Markt. „Die App bringt eine win-win-win-Situation, für die Kunden, für uns und für die Natur.“ Das Salädchen war der erste Partnerladen in Marburg.

"Mission": Lebensmittelverschwendung zu reduzieren

Die App habe dem Unternehmen Aufmerksamkeit, sogar neue Kunden und mittlerweile Stammgäste gebracht. Heinzmann führt den Erfolg der App darauf zurück, dass die Anwendung für beide Seiten sehr einfach sei und gut funktioniere. Er freut sich, damit die Lebensmittelverschwendung reduzieren und gleichzeitig Einnahmen verzeichnen zu können.

Falls bei der Bestellung oder Abholung etwas schiefgeht, können sich die Nutzer über die App oder per E-Mail an das Unternehmen wenden, sagt Pressesprecherin Franziska Lienert. Das Unternehmen habe es sich zur „Mission“ gemacht, Lebensmittelverschwendung zu reduzieren.

„Wäre Lebensmittelverschwendung ein Land, wäre es der drittgrößte CO2-Emittent hinter den USA und China“, heißt es in einer Pressemitteilung. Wenn man nur die Hälfte des weggeworfenen Essens vor der Tonne retten würde, könnte man die ganze Welt satt bekommen, regt TGTG zum Nachdenken und Mitmachen an.

  • In Marburg engagieren sich auch andere Initiativen gegen die Verschwendung von Lebensmitteln. Foodsharing Marburg etwa betreibt an mehreren Orten sogenannte Fair-Teiler für übrige Lebensmittel. Mehr dazu auf op-marburg.de und food-sharing.de.

von Philipp Lauer