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Marburg Rufe nach Stopp der Hasenkopf-Planungen
Marburg Rufe nach Stopp der Hasenkopf-Planungen
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18:00 04.07.2021
Blick auf den Hasenkopf am Stadtwald: Platz für bis zu 900 Einwohner – oder wird das Projekt trotz bereits getätigten Grundstückskäufen gekippt?
Blick auf den Hasenkopf am Stadtwald: Platz für bis zu 900 Einwohner – oder wird das Projekt trotz bereits getätigten Grundstückskäufen gekippt? Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Forderung nach dem Ende aller Planungen für ein Wohngebiet am Stadtwald: Der Bürgerzusammenschluss „Wir sind Hasenkopf“ verlangt vom Magistrat einen sofortigen Stopp des Vorhabens, auf dem Berg bis zu 900 Wohnungen zu bauen. Eine Online-Petition hat die Gruppe, die nach eigenen Angaben ebenso aus Stadtwald-Bewohnern wie Grundstückseigentümern besteht, bereits gestartet – und bereits eine dreistellige Zahl von Unterstützern.

„Ockershausen und der Stadtwald leiden schon seit vielen Jahren zunehmend an hohem Verkehrsaufkommen“, heißt es in einer Stellungnahme der Bürgerinitiative. Eine Bebauung in der geplanten Größenordnung – die BI spricht zwar von 1000, tatsächlich ist aber von der Stadt immer von bis zu 900 die Rede gewesen – würde „zwangsläufig zusätzlich zu einer starken Mehrbelastung der Verkehrswege und zu steigender Luftverschmutzung und Lärmbelästigung, besonders in Alt-Ockershausen und in der Tannenberg- und Stadtwaldsiedlung, führen“. Das würde „unsere Lebensqualität noch einmal erheblich beeinträchtigen“.

Der Hasenkopf sei Teil eines „sehr beliebten Naherholungsgebiets“, der Elisabethpfad und andere Wanderwege führten hindurch, zu denen auch die nahe gelegene Alte Weinstraße gehöre. „Das ganze Gebiet soll in erster Linie für die Landwirtschaft und auch für die Freizeit der Menschen erhalten bleiben und nicht durch Wohnbebauung verschwinden.“

Warnung vor „Verkehrsinfarkt“und „Naturzerstörung“

Biodiversität und Artenvorkommen: Viele Hasenkopf-Flurstückseigner hätten ihre Flächen landwirtschaftlichen Betrieben zur Nutzung beziehungsweise in Pacht überlassen. Eine Umnutzung der Flächen als Bauland könne für viele der landwirtschaftlichen Pächter „unter Umständen existenzbedrohend sein“. Die Flächen würden fast ausschließlich in biologischem Landbau bewirtschaftet, wodurch sie einen „wertvollen Beitrag zum Klimaschutz und zur Luftqualität“ leisteten.

Die städtische SEG hat unterdessen nach eigenen Angaben mehr als 11 000 Quadratmeter im geplanten Bebauungsbereich gekauft. Für weitere Flächen von etwa 5 000 Quadratmetern gebe es Verkaufszusagen durch die Nocheigentümer.

Petitions-Unterstützer wie Jörg Blaufuß sprechen davon, dass ein Wohngebiet „ohne Verkehrsanalyse mit vorgestanzter Computeranalyse nicht die Realsituation ergibt“. Gerade auf einem Berg könne man die Erreichbarkeit nicht nur etwa mit Fahrradwegen durch den Heiligen Grund gewährleisten, so ein Ansatz sei ein „Phantasiegebilde“. Sven Schnetzler sieht das ähnlich: Da das Gebiet unabhängig vom Transportmittel „nicht ohne größeren Aufwand zu erreichen“ sei, drohe sowohl dem Stadtwald über die Graf-von-Staufenberg-Straße als auch Alt-Ockershausen über Hermann- und Stiftstraße der „Verkehrsinfarkt“. Die Pläne seien „entgegen jeglicher Sinnhaftigkeit“.

Schon seit langem warnt der Ockershäuser Ortsbeirat genau vor diesem Problem: Das schon heute oft verstopfte Nadelöhr Hermannstraße/Stiftstraße/Hohe Leuchte/Bachweg drohe bei einem Groß-Wohngebiet am Stadtwald endgültig zu kollabieren. Der Marburger BUND fürchtet negative Auswirkungen auf Natur und Umwelt ebenso wie für Ockershäuser. Die „großflächige Bebauung“ stehe „nicht im Einklang mit dem Klimanotstand“, hieß es zuletzt in einer Stellungnahme (OP berichtete).

Initiative sieht Alternative:Bebauung der Lahnberge

Eigentlich soll in den nächsten Wochen über die genaue Realisierung, den städtebaulichen Wettbewerb entschieden, das Bauleitplanverfahren eingeleitet werden. Zuletzt signalisierte man bei der Gewobau eine Bedarfs-Bebauung. Heißt: Nicht die gesamte Siedlungsfläche von rund zehn Hektar würde bebaut, sondern nur so viele Häuser, so viel Wohnfläche, wie in etwa nachgefragt ist.

Die Stadtverwaltung äußerte sich zuletzt zur Hasenkopf-Bebauung so: Die Größe des Gebiets betrage 9,4 Hektar, eine „Ausdehnung in die Randbereiche“ sei für „alternative Wohnformen mit stärkerem Landschaftsbezug“ – etwa „Tiny Houses“ oder Wagenplatz – vorgesehen. Das Ziel sei ein „besseres Einfügen des Wohngebiets in die Landschaft, mehr Grün erhalten statt zu bebauen“. Auf Klimaschutzbelange werde man gemäß den Anforderungen achten.

Die Grünen, stärkste Fraktion im Stadtparlament und aktuell in Koalitionsverhandlungen mit der SPD, verlangten zuletzt nach einer „Neubewertung“ der Baugebiets-Frage sowohl am Oberen Rotenberg als auch am Hasenkopf. Statt dieser Gebiete soll es laut eines Grünen-Papiers aus dem Frühjahr eine Prüfung anderer Baugebiete, speziell etwa in Cappel zwischen Umgehungsstraße, Gewerbegebiet und Steinmühlenweg, auf dem EAM-Gelände in Gisselberg, dem DBM-Standort Ockershäuser Allee sowie dem ehemaligen Coop-, beziehungsweise Edeka-Markt in der Rosenstraße geben.

Auch „Wir sind Hasenkopf“ verweist auf Alternativen – unter anderem die seit Jahren vor allem von FDP, BfM und Piratenpartei ins Spiel gebrachten Lahnberge.

Diskussion zum Thema: Der Ortsbeirat Ockershausen tagt am Mittwoch um 19.30 Uhr im Stadtteilzentrum (Dietrich-Bonhoeffer-Straße 16).

Von Björn Wisker