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Marburg Das bringt der Mindestlohn
Marburg Das bringt der Mindestlohn
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08:00 17.06.2022
Der Mindestlohn steigt im Oktober auf zwölf Euro. Auch die Friseur-Branche ist betroffen.
Der Mindestlohn steigt im Oktober auf zwölf Euro. Auch die Friseur-Branche ist betroffen. Quelle: Lucas Heinisch
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Marburg

Von aktuell 9,82 Euro auf 12 Euro pro Stunde: Ab 1. Oktober steigt der gesetzliche Mindestlohn. Das haben Bundestag und Bundesrat vor Kurzem beschlossen. Damit erfüllt die Ampelkoalition unter Kanzler Olaf Scholz ein Versprechen aus dem Koalitionsvertrag. An und für sich ist eine Erhöhung des Mindestlohns keine Seltenheit. Seit der Einführung im Jahr 2015 gab es bereits mehrere Anhebungen. Gestartet mit 8,50 Euro, wurde er 2017 auf 8,84 Euro und 2020 auf 9,35 Euro erhöht. Derzeit liegt er bei 9,82 Euro, was laut Statistischem Bundesamt bei einer Vollzeitstelle 1 621 brutto pro Monat entspricht. Zum 1. Juli gibt es eine weitere Erhöhung auf 10,45 Euro Stundenlohn.

Die nun beschlossene Erhöhung für Oktober ist nicht wie gewöhnlich durch die Mindestlohnkommission, in der zum Beispiel Gewerkschaften und Arbeitgeber sitzen, vorgeschlagen worden. Dieses Mal kommt die Erhöhung per Gesetz. Künftige Anpassungen kommen jedoch wieder von der Mindestlohnkommission. Zudem verschiebt sich die Minijob-Grenze von 450 auf 520 Euro. Weiterhin ausgenommen vom gesetzlichen Mindestlohn sind laut Deutschem Gewerkschaftsbund (DGB) zum Beispiel Jugendliche unter 18 Jahren, die keine abgeschlossene Berufsausbildung haben.

Mindestlohn in anderen Ländern

In Deutschland entspricht der Mindestlohn laut Statistischem Bundesamt bei einer Vollzeitstelle 1 621 brutto pro Monat. Und wie sieht’s im europäischen Vergleich mit dem Mindestlohn aus? Laut des Statistischen Bundesamtes gilt im ersten Halbjahr 2022 in 21 von 27 EU-Staaten ein gesetzlicher Mindestlohn. Die EU-Statistikbehörde Eurostat gibt an, dass in Bulgarien am wenigsten gezahlt wird. Hier liegt der monatlichen Bruttobetrag bei 332 Euro. Darauf folgen Lettland mit 500 und Rumänien mit 515 Euro monatlich. Der höchste Mindestlohn von 2 257 Euro wird in Luxemburg gezahlt. Es folgen Irland mit 1 775 und die Niederlande mit 1 725 Euro. 

Stimmen zum Thema

„Grundsätzlich ist der beschlossene Mindestlohn eine gute Möglichkeit, um ein attraktives Lohngefüge zu vermitteln und der richtige Weg, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken“, sagt Geschäftsführer des Vila Vita in Marburg, Stephan Bretz. Wünschenswert wäre es vor allem in seinen Augen die im Zuge der Corona-Pandemie verloren gegangenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wieder zu binden oder sogar zurückzuholen. „Andererseits trifft uns die Kostensteigerung zu einem ungünstigen Zeitpunkt“, sagt Bretz. So sei zwar die Nachfrage in dieser anspruchsvollen Zeit weiterhin hoch, allerdings würden Kostensteigerungen in allen Bereichen den Arbeitsablauf beeinflussen. „Dennoch versuchen wir Preiserhöhungen und Leistungsreduzierungen trotzdem so gut es geht zu vermeiden“, bekräftigt Bretz.

Stimmen zu einer geplanten Erhöhung des Mindestlohns auf zwölf Euro kommen auch von den beiden Geschäftsführern und Brüdern Adrian und David-Christopher Gies des Unternehmens Gies Dienstleistungen aus Stadtallendorf. Das Unternehmen mit 4 430 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sei zwar nur indirekt betroffen, nachdem sich die Firma zu 80 Prozent auf die Reinigung von Gebäuden öffentlicher Auftraggeber spezialisiert hat. Wie in allen Unternehmen mit Tätigkeitsfeld Gebäudereinigung gilt hier der Branchentarif, der derzeit bei 11,55 liegt und im Oktober zum zweiten Mal in diesem Jahr angehoben werden soll – auf 13 Euro. Und das aus gutem Grund. „Die zukünftige Mitarbeitersuche wäre ohne diese Erhöhung stark erschwert worden. Das war schon zu Beginn der Corona-Pandemie nicht einfach, aber bei ähnlichem Lohn wäre das noch schwieriger geworden“, sagen die Brüder Gies. Und dennoch stellt diese Entwicklung das Unternehmen vor enorme Herausforderungen. „Wir werden die Preise für unsere Dienstleistungen um zwölf Prozent erhöhen müssen“, vermutet Adrian Gies.

Susanne Pitzer-Schild, Geschäftsführerin des Verdi Bezirks Mittelhessen, zeigt sich erfreut über die Anhebung. „Wir haben lange um die Anhebung des Mindestlohns gekämpft und sind froh, dass die Ampelkoalition jetzt gehandelt hat und 12 Euro ab dem 1. Oktober 2022 gezahlt werden müssen“, sagt sie. Die Erhöhung sei längst überfällig gewesen und ein Schritt gegen Altersarmut und angesichts der derzeitigen Preiserhöhungen für viele Menschen überlebenswichtig. Die beschlossene Anhebung der Hinzuverdienstgrenze bei Minijobs von 450 auf 520 Euro sehe man bei der Gewerkschaft allerdings kritisch, auch wenn Beschäftigte mehr Lohn erhielten. „Sie konterkariert zum Teil die positiven Folgen der Mindestlohnanhebung im Hinblick auf drohende Altersarmut und belastet vor allen Frauen, die häufiger in Minijobs arbeiten müssen“, so Pitzer-Schild.

Für Kreishandwerksmeister Hartmut Pfeiffer stehe nicht jede Branche durch die Mindestlohnanhebung vor so starken Herausforderungen. „In der Baubranche ist es nicht so ein hartes Thema“, sagt er. Allerdings: „Für körpernahe Dienstleistungen oder Nahrungsmittelbereiche wird es eher zum Problem. Selbstproduzierte, handwerkliche Produkte werden im Vergleich zu industriell gefertigte Produkten teurer“, so Pfeiffer. Man werde versuchen die Kosten moderat weiterzugeben. Die Mindestlohnanhebung sei ein „rabiates Eingreifen“, dass „deplatziert“ sei. „Das heißt jedoch nicht, dass ich möchte, dass Menschen schlecht bezahlt werden sollen. Wir wollen auskömmliche Löhne zahlen“, betont Pfeiffer. Er hätte sich eine moderatere Ausgestaltung besser vorstellen können.

Thomas Edlund, Inhaber des Marburger Restaurant „Edlunds“, hätte sich eine andere Herangehensweise gewünscht. „Mir wäre es lieber gewesen, man hätte die Erhöhung zum Beispiel in zwei Stufen gestaffelt“, damit man nicht einen so starken Anstieg auf einmal habe. Neben dem Lohn für die Studierende, die im Restaurant als Aushilfen beschäftigt sind, werde auch der Lohn für die Festangestellten steigen, die aufgrund ihrer Erfahrung von vornherein mehr verdienten. „Wir haben heftige Warenpreissteigerungen und auch die steigenden Löhne. Das muss alles bezahlt werden“, sagt Edlund.

Lotti Hille arbeitet als Servicekraft im „Edlunds“. „Ich freue mich schon über die Erhöhung. Doch gleichzeitig tut es mir für die Gastrobranche leid, direkt nach den ganzen Problemen mit der Pandemie eine Lohnerhöhung zahlen zu müssen“, sagt die 21-Jährige. Sie ist auf 450-Euro-Basis eingestellt und wird ab Oktober auch von der Erhöhung profitieren. Doch „zum Glück bin ich nicht so stark darauf angewiesen.“

Peter Heinzmann, Mitinhaber vom „Café am Markt“ in Marburg, hat die Sorge, dass die Erhöhung nicht den gewünschten Effekt haben wird. „Ich weiß nicht, ob am Ende wirklich mehr Geld übrig bleibt“, sagt Heinzmann. „Alles wird teurer.“ Dazu gehörten zum Beispiel auch Lieferanten- und Reinigungskosten. „Ich fürchte, dass es der Endverbraucher merken wird, was ich schade finde.“, so Heinzmann. Den grundsätzlichen Ansatz, dass Menschen mehr Geld zur Verfügung haben, unterstütze Heinzmann. „Das finde ich super. Ich möchte, dass es so vielen wie möglich gut geht,“ sagt er. „Auch die Festangestellten werden mehr Lohn bekommen, wenn eine Aushilfe 12 Euro netto bekommt. Doch meines Erachtens sollte man schauen, wo man Erleichterungen schaffen kann.“ Dazu gehörte zum Beispiel eine reduzierte Steuerlast. „Es muss mehr ankommen“, ist Heinzmanns Appell.

Maria Eugenia Lübbe arbeitet beim „Café am Markt“ im Service auf Minijob-Basis und begrüßt die Erhöhung. „Ich finde das gut und ich freue mich. Als Arbeitnehmerin ist das nicht schlecht“, sagt die 23-Jährige. Da sie in einer WG lebe, hielten sich ihre Ausgaben in Grenzen. Doch: „Man merkt schon, dass alles teurer wird. Für Studierenden ist das schon angenehm, mehr Geld zur Verfügung zu haben“, so Lübbe. „Dass alles teurer wird, merken auch die Gäste“, fügt sie hinzu.

Auch im Friseur-Handwerk sieht man die Mindestlohnanhebung kritisch. Rolph Limbacher, Geschäftsführer vom Friseursalon „Domino“, sagt: „Grundsätzlich bin ich für einen Mindestlohn, weil auch jeder gleich kontrolliert werden kann. Was ich nicht verstehe, ist, dass die Tarifautonomie zerstört wird und auch die Mindestlohnkommission völlig ausgehebelt ist.“ 12 Euro seien „eine Hausnummer“. Zudem „ist der Zeitpunkt denkbar ungünstig. Wir sind Corona geschädigt und hatten 19 Wochen Lockdown. Hinzu kommen gestiegene Energie- und Einkaufspreise“, erklärt Limbacher. Neben den Serviceaushilfen bekämen bei ihm auch die Fachkräfte mehr Gehalt. Am Ende „werden die Preise erhöht“, sagt er.

Bedia Baklaci arbeitet seit 23 Jahren als Friseurin bei „Domino“. Auch sie wird als Vollzeitkraft mehr Gehalt bekommen. Allerdings befürchtet sie: „Am Ende des Monats werde ich nicht unbedingt mehr Geld haben. Es bleibt nicht viel übrig.“ Zudem kämpft man mit den Folgen der Pandemie. „Die Kundenzahlen haben nachgelassen. Das Trinkgeld fehlt“, sagt Baklaci. Für sie „ist die Mindestlohnerhöhung schon eine Enttäuschung. Sie bringt nicht den gewünschten Effekt.“

Von Felix Hamann und Lucas Heinisch