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Marburg Mit Lohnförderung zum neuen Job
Marburg Mit Lohnförderung zum neuen Job
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00:18 22.04.2019
Das „Teilhabechancengesetz“ ist seit Januar in Kraft – es soll dafür sorgen, dass Unternehmen, die Langzeitarbeitslose einstellen, fünf Jahre lang einen Zuschuss von bis zu 100 Prozent des Lohns bekommen.  Quelle: Andreas Schmidt
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Marburg

„Teilhabechancengesetz“ lautet der sperrige Name. Es ist gedacht, um Menschen, die seit sieben ­Jahren nicht oder nur sehr kurz regulär beschäftigt waren und die schon sechs Jahre in Hartz IV stecken, wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Der Staat zahlt bis zu fünf Jahre lang den Lohn – die ersten zwei Jahre hundert Prozent, dann jedes Jahr zehn Prozentpunkte weniger.

Am Ende ist die Übernahme ohne Förderung das Ziel, aber vor allem auch die soziale Teilhabe. Laut Koalitionsvertrag sollen insgesamt bis zu 150.000 Menschen davon profitieren, vier Milliarden Euro stellt die Bundesregierung den Job­centern bis 2022 zur Verfügung.

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Das Kreisjobcenter (KJC) des Landkreises begrüßt das Gesetz, das seit Januar gilt. Denn: Nicht immer habe man mit den vorhandenen Möglichkeiten Menschen mit langer Arbeitslosigkeit aus der Grundsicherung zurück in Arbeit bringen können, verdeutlicht der Erste Kreisbeigeordnete und zuständige Dezernent Marian Zachow (CDU). Zu komplex seien die individuellen Problemlagen.

Gesetz soll mit zwei Modellen Abhilfe schaffen

Darüber hinaus seien auch bisherige Instrumente zur Arbeitsförderung zu starr gewesen – öffentlich geförderte Beschäftigungen mussten etwa wettbewerbsneutral und zusätzlich sein und durften nur bei Beschäftigungsträgern oder gemeinnützigen Unternehmen oder Vereinen eingerichtet werden. Die freie Wirtschaft war ausgeschlossen.

Und: Die für diese Betriebe vorgesehenen Eingliederungszuschüsse für Betriebe seien häufig für die Unternehmen nicht lukrativ genug. Das „Teilhabechancengesetz“ soll mit zwei Modellen Abhilfe schaffen. Zum einen über die genannten Förderungen.

Doch auch Menschen, die kürzer im Bezug von Hartz IV stehen, sollen profitieren: Unternehmen, die Menschen sozialversicherungspflichtig beschäftigen möchten, die mindestens zwei Jahre arbeitslos gemeldet sind, erhalten ebenfalls eine Förderung. „Und zwar sehr unbürokratisch“, wie Zachow erläutert. Daher setze man „große Hoffnungen in das Projekt.“

Das KJC betreut derzeit fast 8.800 sogenannte „erwerbsfähige Leistungsberechtigte“, von denen aber nur gut 2.940 Menschen nach der statistischen Definition arbeitslos sind. Insgesamt rechnen die Verantwortlichen im KJC mit etwa 500 Personen, die von den neuen Instrumenten profitieren können. Zachow hofft darauf, „dass wir damit auch ein Stück weit einen Kulturwandel hinbekommen und bei Unternehmern Vorurteile abbauen können, doch einen Langzeitarbeitslosen zu beschäftigen“, so der Dezernent.

KJC will nur langfristige Beschäftigung fördern

Er verdeutlicht, dass nicht immer nur das Geld der entscheidende Faktor sei. „Viele Unternehmer spiegeln uns, dass der Eingliederungszuschuss nicht so wichtig ist – sie wollen nur nicht alleine gelassen werden, wenn es mal kompliziert wird“, sagt Zachow.

Auch dafür biete das Teilhabechancengesetz nun Möglichkeiten, denn Coaching sei ein Teil des Pakets. „Wir möchten die Arbeitgeber aufrufen, sich bei uns zu melden, wenn sie langzeitarbeitslosen Menschen eine Chance geben wollen – klar muss aber sein, dass die Leistungsfähigkeit der Bewerberinnen und Bewerber oftmals eingeschränkt ist.“

Grundsätzlich sehe die Strategie des KJC vor, nur langfristige Beschäftigungsverhältnisse zu fördern. Förderungen nur über zwei Jahre – also so lange, wie es die 100-prozentige Förderung gebe „und danach wieder Arbeitslosigkeit – das wird es bei uns nicht geben, das wird den Menschen nicht gerecht“, betont Zachow.

Finanzielle Mittel stehen ausreichend zur Verfügung

Das Teilhabechancengesetz biete auch Menschen, die bereits im Programm „Soziale Teilhabe am Arbeitsmarkt“ in gemeinnützigen Bereichen gearbeitet haben, Perspektiven auf weitere Beschäftigung. In 20 Fällen sei dies in den ersten drei Monaten seit Inkrafttreten des Gesetzes bereits bewilligt worden.

Und: Auch mit Arbeitgebern des ersten Arbeitsmarktes sei der Arbeitgeberpersonalservice des KJC im Gespräch und schlage geeignete Kandidaten vor. „Wir möchten in diesem Jahr mindestens 80 Menschen durch diese neuen Instrumente in Arbeit bringen“, so Uwe Kreiter, Chef des Arbeitgeberpersonalservice des KJC.

Finanzielle Mittel stünden ausreichend zur Verfügung, denn erstmals sollen im Rahmen der Förderungen die durch das Erwerbseinkommen eingesparten Mittel zur Sicherung des Lebensunterhaltes dem Jobcenter wieder für die aktive Förderung zur Verfügung gestellt werden. Dieser sogenannte „Aktiv-Passiv-Transfer“ sei jahrelang von Sozialverbänden und auch Arbeitsmarktexperten gefordert worden – und sei mit dem neuen Gesetz nun erstmals Realität.

von Andreas Schmidt