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Marburg Klimanotstand ja – aber keine Windräder?
Marburg Klimanotstand ja – aber keine Windräder?
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07:59 17.12.2019
Die Wehrda-Windräder sind – trotz mehrerer vorhandener Vorrangflächen – weiter die einzigen in Marburg. Und trotz geltendem Klimanotstand gibt es in der Stadt keine Bestrebungen, neue zu bauen. Quelle: Thorsten Richter/Archiv
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Marburg

Sein Blick wendet sich vom Kreisverkehr in Sterzhausen ab und wandert zum fernen Hügel, der Görzhausen, den Pharmastandort Behringwerke, beheimatet.

Autos hier, Autos dort – und obwohl der Wind auch an diesem Novembertag durch die Gegend pfeift und obwohl der Bereich ein Vorranggebiet dafür ist, steht weiterhin kein Windrad dort.

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Wie – ganz anders als in weiten Teilen des Landkreises Marburg-Biedenkopf – nirgendwo in Marburg. Nicht bei Michelbach, nicht nahe Moischt, Bortshausen oder sonst wo. „Es ist ein Jammer. Aber nicht nur das: Es ist ein grober Fehler und läuft völlig gegen die Klimapolitik, die man sich in Marburg gerne auf die Fahnen schreibt.“ Das sagt Michael Meinel, Grünenpolitiker aus dem Lahntal und gleichsam für das Energie-Unternehmen Krug tätig.

Es braucht „Vorreiter, keine Versteckspieler“ 

Er ist genervt von den vielen kommunalpolitischen Bekundungen, den Zielvereinbarungen auf Verwaltungsebenen und – wie in der Universitätsstadt – ausgerufenen Klimanot-
ständen. Sowohl die Stadt als auch der Landkreis Marburg-Biedenkopf wie auch viele andere Städte und Gemeinden müssten „endlich mal aktiv und offensiv all die Ziele umsetzen, die man sich vor Jahren schon gesetzt hat“. Wenn die Stadt, einige Landkreis-Gemeinden oder die Kreisverwaltung als solche „alles, was schon in der Pipeline steckt, einfach umsetzen würde, gebe es schnell Effekte. Man muss sich keine immer höheren Ziele setzen.“

Realität sei aber, dass es den Willen für eine konsequente Natur-, Umwelt- und Klimapolitik nicht gebe. In Marburg, in Teilen des Landkreises „orientiert man sich lieber am langsamsten.“ Dabei brauche es „Vorreiter, keine Versteckspieler.“ Was Meinel meint: Windräder könne und müsse man auch bauen, wenn anderswo der Wind noch mehr blase. Und auch dann, wenn – wie in einigen Teilen des Landkreises – schon mehr Anlagen auf den eigenen Flächen stehen als etwa laut der Landes-
quote vorgesehen sind.

Meinel: Es geht nicht ohne Zumutungen

„Klimaziele kennen keine kommunalen Grenzen“, sagt er. Im Umland, auf den Dörfern zwischen Biedenkopf und Neustadt seien die Bewohner bei Windenergie meist viel weiter als die Stadtbürger. Magistrat, ZIMT-Regierung, Stadtwerke – man lasse sich von Bürgerinitiativen, von „Faktenleugnern, die vor allem von Veränderungs-Angst getrieben sind“, beeindrucken. Eine städtische Aufklärungs-Kampagne, verbunden etwa mit Genossenschaftsmodellen zum Mitverdienen an der Energiewende reiche aus, um jene Bürger zu überzeugen, die nicht „Fundamental-Opposition betreiben und die man eh nicht überzeugen kann“.

„Es wird aber Zumutungen für die Bürger geben müssen. Ohne wird echter Klimaschutz nicht funktionieren“, sagt Meinel. Andere Aussagen seien „unredlich“ – entweder, weil man die Bürger belüge oder weil man gar keine echte Klimaschutzpolitik betreiben wolle. Das gelte auch für den Verkehrsbereich: Damit weniger Autos fahren, weniger Schadstoffe entstehen, müsse in und um Marburg etwas passieren – das könne eine Seilbahn, aber es könne auch Straßenbau sein.

Widerstand von CDU und FDP

„Allnatalweg, Behringtunnel, Seilbahn: Nie ist ­eine Idee mal zu Ende geplant worden. Es wird gedacht, aber nie gemacht.“ Zur Verkehrsverringerung könnten auch Behring-­nahe Werkswohnungen beitragen. Es brauche jedenfalls für Klimaschutz Mut, politischen Willen. Ähnliche Forderungen erhoben jüngst die Marburger Grünen-Politiker Uwe Volz und Matthias Knoche – jetzt legt mit Meinel also ein Lahntal-Grüner nach.

In Marburgs Parteien- und Fraktionslandschaft stößt Meinels Kritik, die Windpark-Forderung allerdings eher auf Ablehnung. Die CDU hält die Vorranggebiete für „ungeeignet für den effizienten Betrieb“ von Windrädern, lehnt einen Bau ab. Genau wie die FDP, die auf den Widerstand gegen die Vorhaben am „Lichter Küppel“ und in Görzhausen verweist, von „Windkraft-Irrsinn“ spricht, der „dauerhaft und endgültig ad acta zu legen“ sei.

SPD bei Windparks skeptisch

Die Linken hingegen wollen Windparks auf allen Vorranggebieten – betrieben von den Stadtwerken. Sie seien angesichts der Klimakrise – flankiert von Solaranlagen auf öffentlichen Dächern – „unumgänglich“. Auch BfM-Spitzenfrau Andrea Suntheim-Pichler sagt: In Bereichen, wo es ausreichend Wind gebe, sollten die Stadtwerke investieren – aber auch nur dort. „Dem Gewinnung von Strom aus erneuerbaren Energien darf man sich nicht verwehren, ob in Marburg, offshore oder in den Alpen als Wasserenergie. Voraussetzung: „Es muss Sinn machen, darf nicht ideologisch sein.“

Die SPD schließt Windparks – zumal als Genossenschaftsmodell – zwar nicht völlig aus. „Sie ist die effektivste Art der Nutzung von erneuerbaren Energien“, heißt es auf OP-Anfrage. Aber die Partei macht öffentliche Akzeptanz, ökologische Verträglichkeit und wirtschaftliche Tragfähigkeit zu Grundvoraussetzungen für einen Bau. Ein Bündel, das sie selbst mit Verweis auf die gescheiterten Projekte aus den vergangenen Jahren für unrealistisch hält. Im Zentrum solle ohnehin Sonnenenergie, PV-Anlagen etwa auf Dächern stehen.

Die Marburger Grünen sprechen der SPD sodann den politischen Willen ab, den „Klimanotstand mit Leben zu füllen. Da regiert eine Verzagtheit, die letztlich nur Bedenkenträger bedient.“

Klimapolitik-Ideen: Radwege, Gebäudesanierung, Technik

Grundsätzlich will die SPD die warmmietenneutrale energetische Gebäudesanierung, Nahverkehrs-Ausbau bezogen auf Flotte und Fahrplantakt ins Zentrum ihrer Klimaschutzpolitik rücken. Die Linken setzen ebenso auf Energieeinsparungen über warmmietenneutrale Gebäudesanierungen – und daneben auf eine Verkehrswende über „massivem Radwegeausbau“, einen kostenlosen Nahverkehr und den Bau einer Regio-Tram in und um Marburg.

Für die BfM sind vor allem Baum-Pflanzungen, Fahrradwege-Ausbau, technikgestützte­ Verkehrs-Vernetzung und die Einrichtung von Micro-Hubs für Lieferungen auf der letzten Meile zentrale kommunale Klimaschutzvorhaben. Technische Elemente aus dem „Green City Plan“ stellen auch die CDU ins Zentrum ihrer Klimaschutzpolitik: Radwegeausbau, Elektrifizierung des Nahverkehrs und eben Digitalisierung aller Verkehrssysteme wie etwa intelligente Parkplatzsuche.

Die FDP, die das Klimanotstand-Ausrufen im Sommer ablehnte, ist für bessere Gebäudedämmung und schlägt zudem hellere Asphaltdecken, Investitionen in Solarthermie, Feststoffbrennkessel und Blockheizkraftwerke vor.

                
von Björn Wisker