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Marburg Ein stacheliger Geselle in Gefahr
Marburg Ein stacheliger Geselle in Gefahr
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11:54 12.06.2020
Zwei Zöglinge der Igelhilfe Radebeul. Quelle: Ralf Donat
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Marburg

Der Igel und ein Wettlauf, da gab es doch mal eine berühmte Kindergeschichte mit einem cleveren Igelpaar und einem nicht ganz so cleveren Hasen.

Wie auch immer, auch einen aktuellen Wettlauf hat der Igel gewonnen – er ist Gartentier des Jahres 2020. So berichtet die Heinz Sielmann Stiftung, die zur Abstimmung aufgerufen hatte.

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Knapp 8.000 Stimmen wurden laut Stiftung von April bis Juni online abgegeben, mit 31,75 Prozent gewinnt der Braunbrust-Igel die Publikumswahl und setzt sich gegen fünf andere Gartenbewohner durch.

Mit der Aktion möchte die Stiftung auf einen „dramatischen Rückgang der biologischen Vielfalt in der Kulturlandschaft“ hinweisen. Unter neuen Entwicklungen – von ökologischen bis technischen – leidet auch der Igel, der immer seltener in Gärten zu beobachten sei.

Lange galten die Bestände als gesichert

Dabei ist der kleine, dämmerungs- und nachtaktive Säuger bekannt wie der sprichwörtliche bunte Hund, kugelt sich bei Gefahr zusammen, seine Stacheln schützen ihn vor Feinden und den Tag verschläft er versteckt im Unterholz. Lange galten die Bestände als gesichert, laut der Stiftung geht die Zahl der Igel spätestens seit Mitte der 1990er Jahre stark zurück.

Zu diesem Ergebnis kommen zwei Untersuchungen, für die bestimmte Straßenabschnitte in Bayern und Hessen jahrzehntelang regelmäßig abgefahren wurden. Der Bestand der Igel lässt sich anhand der Verkehrsopfer einschätzen: Viele tote Igel am Straßenrand deuten auf einen hohen Bestand hin, wenige tote Igel auf einen niedrigen. Das Ergebnis: Es sei ein „Zusammenbruch“ des Bestandes zu beobachten, die Gründe sind vielfältig.

Berichte über verletzte Igel mehren sich

Die Igel leiden besonders unter dem Insektensterben, denn sie finden immer schwerer ausreichend Nahrung. Auch die Zerstörung der Lebensräume, eine intensivere Landwirtschaft und der Klimawandel spielten eine Rolle. Wird es zwischen November und Februar zu warm, wachen die Winterschläfer zu früh auf und verlieren bei der Nahrungssuche zu viel Energie.

In jüngster Zeit sind neue technische Gefahren im Garten hinzugekommen. Mähroboter, aber auch Laubbläser und Motorsensen. Die Zahl der Igel, die mit schlimmsten Verletzungen zu Auffangstationen gebracht werden, habe in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Berichte über verletzte Igel mehren sich. Doch wohin mit einem gefundenen, vielleicht unterernährten oder verletzten Igel? Das scheint im heimischen Landkreis tatsächlich nicht einfach, ein Igel-Heim oder eine Päppelstation gibt es in dem Sinne nicht.

Auffangstation finanziell nicht zu halten

„Im Kreis gibt es keine offizielle Igelstation, auch überhaupt keine Wildtierstation“, bestätigt die Geschäftsführerin des Kreistierheims Maresi Wagner auf Nachfrage. Gab es früher mehr lokale Anlaufstellen, von Tierschutzorganisationen oder privat, ging die Zahl offenbar zurück – auch wegen des großen zeitlichen Aufwands, etwa bei der Aufzucht verwaister Igelkinder.

Zudem mangelt es an Zuschüssen für die Wildtier-Pflege, ein weiterer Grund, bestätigt eine ehrenamtliche Tierschützerin, die früher Igel zum Aufpäppeln in Pflege nahm, die Auffangstation aber wieder einstellen musste. „Das ist schade. Man hat eben unglaublich viel Arbeit, ist quasi 24 Stunden an sieben Tagen in der Woche im Einsatz, gerade im Sommer“, sagt Wagner.

Tierheim darf Wildtiere nicht aufnehmen

Das Tierheim könne dabei nicht helfen, denn das ist für Heimtiere zuständig und darf keine Wildtiere betreuen. Werden verletzte oder geschwächte Igel gefunden, versuche das Team an geeignete Stellen zu vermitteln, etwa an Tierärzte oder Wildtierstationen in Gießen oder Dillenburg. Auch in sozialen Netzwerken gibt es Igel-Gruppen, die bei der Suche nach einem privaten Pflegeplatz helfen können. „Ich würde es begrüßen, wenn es bei uns im Kreis mehr Betreuungsstellen für Wildtiere geben würde“, sagt Wagner.

Für den Erhalt der Igelpopulation kann dabei jeder etwas tun, helfen können hier schon einfache Maßnahmen, die Gartenfreunde leicht umsetzen könnten, sagt die Heinz-Sielmann-Stiftung und gibt Tipps: Mähroboter sollten am späten Nachmittag wieder die Ladestation aufsuchen, abends und nachts nicht laufen. Ebenso wenig, wenn Igelmütter mit ihren Jungtieren tagsüber im Garten unterwegs sind.

Gartentipps für Igel-Freunde

Vor dem Einsatz von Motorsensen sollten Hecken, Holzstapel oder Reisighaufen nach Igeln abgesucht werden. Auf giftige Stoffe wie Schneckenkorn sollte verzichtet werden, außerdem benötigen Igel auch „wilde Ecken“, etwa Versteckmöglichkeiten wie Laubhaufen – ein kurz geschorener Rasen biete keine Nahrung, keine Deckung für Insekten und damit auch nicht für Igel.

„Jeder Gartenfreund kann selbst etwas für das Gartentier des Jahres tun“, erklärt Nora Künkler, Biologin bei der Stiftung. Sie ergänzt: „Jeder zweite Haushalt besitzt einen Garten, das sind etwa 20 Millionen Gärten in Deutschland. Allein alle Kleingärten, etwa eine Million insgesamt, bedecken eine Gesamtfläche von 40.000 Hektar.“ Gärten stellten eine wichtige Funktion als „Ersatzlebensräume und Trittsteine für Tier- und Pflanzenarten“. Mit einer naturnahen Gestaltung könne jeder Gärtner seinen Beitrag zum Erhalt der biologischen Vielfalt leisten.

Von Ina Tannert

Die Stiftung

Die Heinz-Sielmann-Stiftung vergibt seit 2010 die Auszeichnung zum Gartentier des Jahres. Im letzten Jahr gewann die Blaugrüne Mosaikjungfer, eine Großlibelle, den Publikumspreis.

Deutschlandweit setzt die Stiftung mit Sitz im niedersächsischen Duderstadt seit über 25 Jahren Naturschutz- und Artenschutzprojekte um. Weitere Schwerpunkte der Arbeit sind die Sensibilisierung der Öffentlichkeit für den Naturschutz und die Bewahrung des filmischen Erbes Heinz Sielmanns.

12.06.2020
11.06.2020
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