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Marburg Regiert Geld den heimischen Fußball?
Marburg Regiert Geld den heimischen Fußball?
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00:18 30.04.2019
Geht es den Spielern wirklich nur noch ums Geld? Die OP hat sich bei heimischen Fußballvereinen umgehört.  Quelle: imago/MIS
Marburg

Profifußballer lassen bei Interviews manchmal den Satz fallen: „So ist das Geschäft.“ Gemeint ist der Business-Teil des Sports, bei dem es nicht um das Treiben auf dem Rasen, sondern meist um das Aushandeln von mitunter hoch dotierten Verträgen mit Vereinen geht – das Fußballgeschäft.

In deutlich kleinerem Maßstab findet seit mehreren Wochen das Gleiche im Fußballkreis Marburg statt. Laut OP-Information laden manche Vereine die Athleten zu sogenannten Spielergesprächen manchmal in noble Restaurants ein, wo das Objekt der Begierde bezirzt werden soll. Ziel: Die Unterschrift des Spielers auf einem Vertragswerk. Diese Gespräche führen, je nach Verein, Vorstandsmitglieder, sportliche Leiter oder Trainer – oft auch gemeinsam.

Geld ist ein heikles Thema. Keiner der 27 befragten Vereinsfunktionäre und Trainer will über ausgehandelte Summen informieren. Über Geld spreche man mit Außenstehenden nicht. Eher sind sie bereit, darüber zu reden, ob Spieler anderer Vereine Geld erhalten und wenn ja, wie viel – zumindest angeblich.

Das Geld schlägt sich seine Schneise

Aber regiert Geld wirklich die regionale Fußballwelt? Mehrere Befragte glauben das. Und das Geld schlägt sich seine Schneise anscheinend durch fast alle Ligen. Weit unten fängt es laut dem gut vernetzten Lukas Greb, Spielertrainer beim A-Ligisten SV Mardorf, bereits an.

Vereine nennt er keine. „Ich kenne Spieler in unserer Liga, die einen dreistelligen Betrag fürs Kicken bekommen“, sagt er. Die A-Liga ist die zweitniedrigste Spielklasse im Fußballkreis Marburg. Dabei handle es sich nicht nur um Aufwandsentschädigungen – beispielsweise das Decken von Fahrtkosten. „Wir bezahlen kein Geld. Das Einzige, was infrage kommt, ist Benzingeld für auswärtige Spieler. Da beteiligen wir uns dran“, sagt Karl Lather, Vorstand beim B-Ligisten VfB Lohra.

Die B-Ligen sind die niedrigste Klasse im Kreis. Fußball diene der Entwicklung von Zusammengehörigkeit. Durch Zahlung von Geld sei Teamgeist nur bedingt möglich. Lather hat bereits Geschichten über B-Ligisten gehört, die manche Leistungsträger bezahlen. Er findet bezahlten Fußball in so niedrigen Ligen „furchtbar“.

"Man muss den Jungs etwas bieten"

Ob bei anderen B-Ligisten bezahlt wird, weiß Kai Sachwitz auch nicht mit Sicherheit. Ab der A-Klasse ginge es mit Geld für Spieler aber auf jeden Fall los, meint der Trainer des B-Ligisten SG Ebsdorfergrund. „Als unterklassiger Dorfverein ist es schwierig, gute Spieler zu bekommen. Bei Spielergesprächen kommt oft nach zwei Sätzen die Frage ‚Wie sieht‘s denn aus?‘. Da weiß man dann sofort, dass es dem Spieler vor allem um Kohle geht. Das ist schlimm“, sagt der Coach.

Große Sprünge könne sich der Dorfverein nicht erlauben. Sascha Nahrgang, Trainer des Kreisoberligisten FV Wehrda, sieht dunkle Wolken am Himmel. „Das ist keine gute Entwicklung. Meiner Erfahrung nach geht es den Kickern seit mehreren Jahren sehr oft um Geld. Aber gerade für junge Spieler sollte anspruchsvolles Training und sportliche Perspektive viel wichtiger sein“, sagt der Übungsleiter.

Er pflichtet Sachwitz bei, der glaubt, dass das Geld im Fußballgeschäft die Dorfvereine mittelfristig kaputt machen könne. Zumal sich Sachwitz die Frage stellt, inwiefern „Söldnertum“ überhaupt sinnvoll ist. „Wenn ein Spieler nur wegen Geld kommt, ist es wahrscheinlich, dass er sofort weg ist, sobald ein besseres Angebot kommt.

Darauf sollte ein Verein nicht basieren“, findet er. Vereine, die ihren Spielern kaum oder gar keine Gehälter zahlen, müssen andere Gewichte in die Waagschale werfen, um Athleten zu überzeugen. „Man muss den Jungs etwas bieten: einen guten Fußballplatz, ein schönes Vereinshäuschen, nach Training oder Spiel zusammensitzen und noch ein Bierchen trinken. Vereinsleben hochhalten“, sagt Thorsten Bauer, Funktionär beim B-Ligisten FV Bracht. Auch sein Klub zahlt Benzingeld. Außerdem beteiligt man sich an den Kosten für neue Fußballschuhe der Spieler.

Es herrscht der Bullenmarkt

Egal aus welcher Liga, die Befragten klagen letztlich alle über das gleiche Problem, aber besonders haben die höherklassigen Teams damit zu kämpfen: Es gibt immer weniger Vereinsfußballer im Kreis. Besonders bekommen dies derzeit die heimischen Verbandsligisten zu spüren, die in Hessens zweithöchster Klasse spielen – VfB Marburg, SF BG Marburg, SV Bauerbach und FV Breidenbach.

Das Marktgleichgewicht ist aus den Fugen geraten und so hat sich ein Bullenmarkt etabliert. „Das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt nicht mehr. Und es wird immer schlimmer“, sagt Peter Starostzik von der sportlichen Leitung des VfB Marburg. Er spricht von einem „Wettrüsten“ unter den konkurrierenden Verbandsligisten.

Diejenigen Spieler, die über seltene Talente verfügen, lassen sich ihre Dienste fürstlich bezahlen. Das weiß Kevin Kaguah, Co-Trainer bei den SF BG Marburg und Ex-VfBler. „In der Verbandsliga sind Gesamtsummen von 800 Euro pro Monat durchaus möglich“, versichert er. Das zähle auch für heimische Klubs.

Freese: Die Infrastruktur ist ein wichtiger Faktor

Aber die Klubs sind selbst schuld. Kein Spieler hat sie mit vorgehaltener Pistole um solche Summen erpresst. Kaguahs Chefcoach Manuel Rasiejewski, ebenfalls Ex-VfBler, macht den Spielern keinen Vorwurf. „Für die kommende Saison wollten die heimischen Klubs fast alle die gleichen Spieler. Klar, dass die Jungs dann viel heraus schlagen können“, erklärt er.

Nach Mirko Freese, einem der besten Offensivspieler im Fußballkreis, gierten mehrere Vereine. Letztlich verlängerte er seinen Vertrag beim SV Bauerbach. Unter anderem gab es Kontakt zum Ligakonkurrenten VfB Marburg, der auch drei weitere Spieler des SVB an Land ziehen wollte.

Infrastruktur war für Freese ein wichtiger Faktor. „Der Rasenplatz von Marburg ist nicht gut. Es gibt kaum Vereinsleben und kein Vereinsheim, wo man mit der Mannschaft zusammen sein kann“, erklärt sich Freese und versichert, dass Marburgs finanzielles Angebot gut war. „Aber wir haben alle auf Geld verzichtet, um in Bauerbach zu bleiben. Weil hier eine junge Mannschaft reift.“ Geld scheint im Geschäft eben nicht alles zu sein.

Das zeigt sich auch beim Kreisoberligisten TSV Michelbach. „Bei uns spielen sechs Spieler, die mindestens eine, wenn nicht zwei Ligen höher spielen könnten. Für einen Betrag, den viele Vereine überbieten könnten“, erklärt Vorstand Claus Dieter Jacobi.

von Benjamin Kaiser