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Marburg Humor hilft, Kartoffeln schälen auch
Marburg Humor hilft, Kartoffeln schälen auch
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00:17 29.01.2019
Die Diagnose Demenz ist sowohl für die Betroffenen als auch für das soziale Umfeld schlimm. ­Offenheit und Teilhabe am sozialen Leben helfen im Umgang mit der Erkrankung.  Quelle: Tobias Hirsch
Marburg

So schlimm die Diagnose „Demenz“ sowohl für den Einzelnen als auch für das soziale Umfeld ist: „Eine Demenz wird nicht besser, wenn alle­ Betroffenen nur noch traurig sind.“ Das sagt Frank Dannhoff, Gerontopsychiater und Facharzt für Psychiatrie sowie Psychotherapie. Zudem ist er stellvertretender Klinikdirektor der Vitos-Klinik in Marburg.

„Humor hilft. Über Fehlhandlungen Demenzkranker auch mal zu schmunzeln ist oft besser, als diese immer nur zu bedauern“, erklärt Frank Dannhoff. Festgestellt hat er das in seiner jahrelangen Arbeit mit Demenzerkrankten und in Gesprächen mit Angehörigen.

Eine dementielle Erkrankung, umgangssprachlich oft Alzheimer genannt, äußert sich in ­einer Vielzahl von Symptomen. Vor allem kognitive, also geistige, Einschränkungen sind die ersten Anzeichen. So klagen ­Betroffene über Vergesslichkeit, Orientierungsschwierigkeiten, Sprachprobleme, Planungs- oder Handlungschaos.

Unterstützung für alle Beteiligten

„Krankhaft wird es, wenn über altersnormale Erscheinungen ein Leidensdruck sowohl beim Patienten als auch bei seiner Familie entsteht“, erklärt Frank Dannhoff und ergänzt: „Viele warten zu lange, weil sie vielleicht eine Vorahnung haben und man zu Beginn die Möglichkeit an Demenz erkrankt zu sein, verdrängt.“

Gibt es dann eine Diagnose, nimmt diese oft sehr viel Druck aus der Familie. Frank Dannhoff: „Die Situationen, die zunächst Angst und Verunsicherung erzeugten, haben nun ­
einen Ursache und werden ­erklärbar.“ Wichtig ist es, dass alle Beteiligten Unterstützung erhalten.

Das bedeutet nicht nur, dass der Patient Medikamente bekommt und behandelt wird – nein, es ist auch wichtig, dass die Angehörigen beraten werden und lernen, mit der Veränderung umzugehen und sich Hilfe holen – wenn nötig.

Offener Umgang mit der Erkrankung

Zu den Demenz-bedingten Ausfällen können Aggressionen, Wahnvorstellungen, ­Depressionen, Ängste, Schlafstörungen oder permanente Unruhe hinzukommen. „Das alles­ kann medikamentös behandelt werden und erleichtert den ­Umgang mit der eigentlichen ­Erkrankung Demenz“, sagt Frank Dannhoff und fügt hinzu: „Es gibt kein Medikament, mit dem man die Demenz heilen kann. Wir können den Verlauf der Erkrankung nur verlangsamen.“

Dies kann sogar dazu führen, dass Sprachverlust, Immobilität und Inkontinenz möglicherweise gar nicht auftreten. Frank Dannhoff rät zur Offenheit. „Wenn die Symptome­ der Demenz stärker werden, wird es für Patient und Familie immer schwieriger, die Erkrankung geheim zu halten“, weiß der Experte. „Und eine ­Demenzerkrankung wird immer zur Aufgabe für die ganze Familie und das soziale Umfeld.“

Hinsichtlich der Erkrankung hat der Gerontopsychiater gute Erfahrungen mit dem offenen Umgang bei seinen Patienten gemacht. „Dabei geht es nicht darum, es allen auf die Nase zu binden, sondern mit den wirklich Beteiligten zu sprechen“, betont er. Denn, wenn Nachbarn beispielsweise von der Orientierungslosigkeit wissen, dann ­registrieren sie eher, wenn der Betroffene auf Abwegen ist. 

Wichtig: Das Gefühl gebraucht zu werden

Weiterhin am sozialen Leben­ teilnehmen zu können, ist enorm wichtig für Demenzerkrankte. Sie zu isolieren, ist kontraproduktiv. „Erkrankte­ sollten so lange wie möglich am normalen Leben teilnehmen, in tägliche Abläufe mit einbezogen werden“, erklärt er und nennt Beispiele: den täglichen Besuch beim Bäcker, das Kartoffeln schälen für das Mittagessen, Handtücher zusammenlegen, in der Werkstatt helfen.

„Dabei geht es nicht um Produktivität, sondern um das Gefühl, gebraucht zu werden. Nichts ist schlimmer, als nur rumzusitzen. Aktiv zu bleiben ist also enorm wichtig und gibt beiden Seiten ein gutes Gefühl.“ Denn eines wird bei Demenzkranken auch im fortgeschrittenen Stadium nicht zerstört: Das Gespür für Atmosphäre und die Wahrnehmung von Authentizität im Kontakt mit anderen.

von Katja Peters

Demenzerkrankungen:

  • Primäre Demenzen haben ihren Ursprung im Gehirn. Daher werden sie auch als hirnorganische Demenzen bezeichnet. Sie machen 90 Prozent der Demenzerkrankungen aus und sind nicht heilbar. Alzheimer: Bei der Alzheimer-Krankheit ist das demenzielle Verhalten direkt auf Gehirnveränderungen zurückzuführen. Vaskuläre Demenz: Sie ist eine durch Durchblutungsstörungen hervorgerufene Erkrankung des Gehirns, die unter anderem mit Einschränkungen der höheren Hirnleistungen einher geht.
  • Bei den selteneren sekundären Demenzen stellt sich der geistige Verfall oft als Folge einer anderen, bereits vorhandenen Erkrankung ein, wie beispielsweise Schilddrüsenerkrankung oder Alkoholabhängigkeit. Auch ein Schädel-Hirn-Trauma, Vitaminmangel, Stoffwechselerkrankungen und bestimmte Medikamente können Verursacher sein.
  • Verbreitung:Alzheimer: etwa 60 Prozent; Vaskuläre (gefäßbedingte) Demenz: etwa 15 Prozent; Mischform: Alzheimer und Vaskuläre Demenz: etwa 15 Prozent;Weitere Demenzformen (etwa 10 Prozent): Lewy-Körperchen-Demenz, Parkinson-Demenz, frontotemporale Demenz, medikamentös bedingte Demenz, stoffwechselbedingte Demenz, Demenz infolge eines Schädel-Hirn-Traumas.

Quelle: demenz.behandeln.de