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Marburg Forscher wollen Medikamente gegen Tropenkrankheiten entwickeln
Marburg Forscher wollen Medikamente gegen Tropenkrankheiten entwickeln
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15:00 06.01.2022
Ein Junge und sein Vater sind durch ein Moskitonetz im „Shaheed Suhrawardy Medical College“ in Bangladesh geschützt, wo sie wegen des Dengue-Virus behandelt werden, das durch Moskitos übertragen wird. Die Suche nach Medikamenten gegen vernachlässigte Tropenkrankheiten wie das Dengue-Fieber steht im Mittelpunkt des an der Uni Marburg koordinierten hessischen „Loewe“-Zentrums „Druid“.
Ein Junge und sein Vater sind durch ein Moskitonetz im „Shaheed Suhrawardy Medical College“ in Bangladesh geschützt, wo sie wegen des Dengue-Virus behandelt werden, das durch Moskitos übertragen wird. Die Suche nach Medikamenten gegen vernachlässigte Tropenkrankheiten wie das Dengue-Fieber steht im Mittelpunkt des an der Uni Marburg koordinierten hessischen „Loewe“-Zentrums „Druid“. Quelle: MAHMUD HOSSAIN OPU
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Marburg

Mehr als eine Milliarde Menschen in rund 150 Ländern der Welt leiden unter vernachlässigten Tropenkrankheiten – die sich unter den Bedingungen von Armut und Elend rasch verbreiten. Dazu zählen unter anderem das Dengue-Fieber und Chikungunya, Ebola- und Zika-Virusinfektionen, aber auch in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannte Erkrankungen wie Leishmaniose oder Schistosomiasis. All diese sind gefährliche Krankheiten, die durch Viren, Bakterien, Parasiten oder Pilze verursacht werden. Sie können für Patienten akut lebensbedrohlich sein oder zu schweren chronischen Erkrankungen führen.

Im hessischen „Loewe“-Zentrum „Druid“ werden unter der Federführung der Universität Marburg (Professor Stephan Becker) bereits seit 2017 die Infektionserreger erforscht, die meist in tropischen Regionen vorkommen, durch die Klimaveränderung und weitere Faktoren aber zunehmend auch in gemäßigten Klimazonen auftreten, auch in Europa. Nun fördert das Land Hessen die Forscher für weitere drei Jahre von 2022 bis 2024 mit insgesamt rund 16,2 Millionen Euro.

Forschung geht in mehrere Richtungen

Ein Schwerpunkt in den nächsten drei Jahren liegt auf der Identifizierung neuer Wirkstoffziele, präklinischer Wirkstoffentwicklung sowie der Entwicklung neuer Diagnostika. Damit soll ein Beitrag zum Strategiekonzept der Bundesregierung zur Globalen Gesundheit, den nachhaltigen Entwicklungszielen der Vereinten Nationen sowie der Weltgesundheitsorganisation geleistet werden.

„Wir wollen die Lücke zwischen der akademischen Grundlagenforschung und der Medikamentenentwicklung der Pharmafirmen schließen“, erläutert der Marburger Virologie-Professor Stephan Becker, Sprecher des „Druid“-Zentrums.

Im Zentrum werden potenzielle Zielmoleküle für die Entwicklung notwendiger Wirkstoffe und Diagnostika identifiziert. In den ersten vier Jahren seien von 30 Projekten mittlerweile fünf schon so weit fortgeschritten, dass die von den Forschern identifizierten Zielmoleküle (Targets) bereits „medikamentenähnliche Eigenschaften“ aufweisen würden, betont Becker. Die weitergehende Arbeit konzentriere sich vor allem auf die Frage, jetzt toxikologisch und pharmakologisch zu prüfen, wie vielversprechend eine Medikamentenentwicklung sein könne. Das allerdings wäre dann die Sache einer Pharmafirma.

Die Forschungsarbeit braucht Zeit

Vorschnelle Erwartungen bremst Professor Becker im Gespräch mit der OP: „Realistisch gesehen werden wir wohl nicht innerhalb von sieben Jahren ein Medikament zur Zulassung bringen.“ Allerdings solle die Zentrumsarbeit auch mittelfristig fortgesetzt werden. So seien im Rahmen des „Loewe“-Zentrums“ drei neue Professuren sowie drei Nachwuchsgruppen installiert worden.

Dass die hessische Landesregierung das „Druid“-Zentrum und somit auch die Bekämpfung der Tropenkrankheiten weiter fördere, sei auch ein Nachweis für die Übernahme einer gesamtgesellschaftlichen Verantwortung sowie die Sensibilisierung der Politik durch die Corona-Pandemie sowie vorangegangene Epidemien wie den globalen Ebola-Ausbruch zwischen 2013 und 2016, betont Stephan Becker.

Dabei gibt es vor allem in den Ländern, in denen die Tropenkrankheiten akut vorkommen, großen Handlungsbedarf. „Die Krankheiten können hochakute lebensbedrohliche Verlaufsformen nehmen, führen aber oft auch zu schweren chronischen Erkrankungen. Ihre Bekämpfung ist daher aus medizinischer und humanitärer Sicht eine zwingende Notwendigkeit“, erläutert Professor Becker. Sie leiste gleichzeitig einen Beitrag zur Unterbrechung von Armutskreisläufen, die auch zu existenzbedrohenden Lebensumständen, sozialer Ungerechtigkeit und Migration führen könnten.

Fokus liegt auf potenzieller Medikamentenentwicklung

Bedingt durch die Erderwärmung im Zuge des Klimawandels wandern aber auch Mückenarten nach Europa ein, die Erreger wie das Zika- oder das West-Nil-Virus in Zukunft auch hierzulande übertragen könnten. Aber auch wenn Exemplare der Asiatischen Tigermücke schon in Oestrich-Winkel im Rheingau-Taunus-Kreis gesichtet wurden, ist es zum Glück noch nicht so weit – unter anderem, weil die Luftfeuchtigkeit noch nicht so hoch ist wie in den Tropen.

Dass in Zukunft ein Ausbruch der tropischen Viruskrankheiten auch in Deutschland stattfinden könne, sei aber nicht vollständig unwahrscheinlich, betont der Marburger Mediziner. Die genauere Erforschung dieses Zukunfts-Szenarios steht allerdings nicht auf der Agenda des „Druid“-Zentrums, bei dem der Fokus auf der potenziellen Medikamentenentwicklung liegt.

"Loewe"-Zentrum "Druid"

Seit 2017 widmen sich im „Loewe“-Zentrum „Novel Drug Targets against Poverty-Related and Neglected Tropical Infectious Diseases“ (Druid) mehr als 40 Forscher in über 30 interdisziplinären Arbeitsgruppen der Bekämpfung von vernachlässigten Tropenkrankheiten. Es ist ein Kooperationsprojekt von Wissenschaftlern der Universitäten Marburg, Gießen und Frankfurt sowie des Paul-Ehrlich-Instituts Langen, der Technischen Hochschule Mittelhessen und des Fraunhofer Instituts für Translationale Medizin und Pharmakologie Frankfurt.

Am „Druid“-Zentrum sind Forscherinnen und Forscher aus der Pharmazie, Virologie, Mikrobiologie und Krankenhaushygiene sowie der Chemie, Ernährungswissenschaften, Parasitologie, Pharmakologie und Toxikologie, Bioverfahrenstechnik und Pharmazeutische Technologie, Veterinär-Physiologie und -Biochemie und der präklinischen Forschung beteiligt.

Ein ganzes Methoden-Arsenal wird dabei verwendet und entwickelt. Es reicht von A wie Affinitäts-Reinigung bis Z wie Zelluläre Assays.

Von Manfred Hitzeroth

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