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Marburg Neues Wohngebiet am Behördenkomplex
Marburg Neues Wohngebiet am Behördenkomplex
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20:00 14.08.2019
Landrätin Kirsten Fründt (SPD) will der Stadt Marburg um Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD, Mitte) und Gewobau-Chef Jürgen Rausch eine 13.000 Quadratmeter große Fläche entlang der Beltershäuser Straße für den Bau eines neuen Wohngebiets überlassen. Bisher gibt es auf dem Gebiet Parkplätze, eine Rasenfläche und einen Bolzplatz.  Quelle: Björn Wisker
Marburg

Ein „sinnvoller Lückenschluss“ zwischen Cappel und dem unteren Richtsberg, der das „Einfallstor zur Stadt aufwertet“ – so bezeichnet Landrätin Kirsten Fründt (SPD) die gemeinsame Idee von Kreisverwaltung, Magistrat und der städtischen Wohnungsbaugesellschaft (Gewobau).

Auf dem Areal zwischen Kreisjobcenter und Kfz-Zulassungsstelle, unmittelbar vor dem Polizeigebäude soll demnach künftig ein Viertel mit mindestens 50 Wohnungen samt Büro- und Dienstleistungsflächen entstehen. „So eine große zusammenhängende Fläche gibt es in Marburg nicht mehr, schon gar nicht in öffentlichem Besitz. Das heißt, die Umsetzung kann recht schnell gehen und die Mietpreise können günstiger gestaltet werden“, sagt sie im OP-Gespräch und verweist auf die in Kürze beginnende Bürgerbeteiligung. 

"Die Potenzial sind groß"

Je nachdem, wie sich die Erweiterungs-Pläne der Kreisverwaltung ausgestalten, sind auch mehr als die aktuell „defensiv geplanten“ (Gewobau-Chef Jürgen Rausch) 50 Apartments möglich.

Hintergrund: Fründt kalkuliert mit dem fortschreitenden Wandel der Arbeitswelt, sieht einen gesteigerten Bürobedarf – abseits des schon beschlossenen Erweiterungsbaus auf dem jetzigen Gelände – eher für die Zeit der Hauptgebäude-Sanierung.

In dieser Zeit müsse es vorübergehende Umzugsräume geben, danach könnten auch diese Räume zu Wohnungen werden. „Die Potenziale sind groß“, sagt sie. Auch, um weitere Verdichtung am Richtsberg ebenso zu vermeiden wie Versiegelung von Flächen stellt sie das einstige Kreisverwaltungs-Expansionsgebiet in der Größe von 13.000 Quadratmeter für ein neues städtisches Wohnviertel zur Verfügung.

Hintergrund

Bisher gab es die zentralen Wohngebiets-Vorhaben am Hasenkopf, wo Platz für bis zu 900 Bewohner entstehen soll und die parallel mit einem Tegut-Bau gepaarte Siedlungs-Errichtung am Oberen Rotenberg (Wohnungen für rund 200). Uneinigkeit besteht regierungsintern vor allem über die Zukunft des Rotenbergs. Das vergangene Jahr beschlossene Mini-Wohngebiet ist vor allem der CDU zu wenig, sie will das Baugebiet maximal erweitert wissen, während die SPD nicht zuletzt angesichts der anhaltenden Nachbarschafts-Proteste zögert. Neben den beiden Großflächen im Stadtwald und der Marbach gilt das Temmlerareal – das Gebiet zwischen Pharmafirma und Herkules-Markt – als wesentliches Stadtentwicklungsprojekt der näheren Zukunft. Die Flächen sind jedoch nicht in öffentlichem, sondern in privatem Besitz.

Die Beltershäuser Straße ist laut Fründt ein „seit langem von Privatinvestoren begehrtes Sahnestück“ in der Nähe der Stadtautobahn, des Südbahnhofs und der Cappeler Lebensmittelmärkte sowie einer Bushaltestelle direkt vor der Haustüre.

Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) rechnet damit, dass das Wohn- und Behörden-Viertel in sechs Jahren bezugsfertig ist. Zielgruppe: Normal- und Geringverdiener. „Wir brauchen bezahlbaren Wohnraum für eine Gruppe, die durch alle Raster fällt: Jene, die zu viel für eine Sozialwohnung verdienen, aber zu wenig, um sich hohe Mieten oder gar Eigenheime leisten zu können“, sagt er. Die Wohngebiets-Idee sei „ganz im Sinne der Stadtentwicklung gedacht, hin zu Urbanität und ­Modernität“.

Konkret: Über eine Bebauung solle zum einen „an dieser unfertig wirkenden Stelle ein Stadtcharakter hergestellt werden“, wie Rausch sagt. Zum anderen solle es den unteren Richtsberg bis zum ebenfalls umzubauenden Temmlerareal „fertigstellen, ohne immer weiter zu verdichten“.

Drei- bis viergeschossige Gebäude geplant

Die laut Bebauungsplan an der Beltershäuser Straße zulässige Höhe von sechs Stockwerken werde man aber nicht ausreizen. „Eine Art Autobahn-Randbebauung kommt nicht infrage“, sagt Spies.

Laut Planungsskizzen des Gewobau-Chefs sind eher drei- bis viergeschossige Gebäude geplant, von denen die meisten nah an der Straße stehen und an eine Art Innenhof-Park grenzen. Rausch schwebt sowohl bei der Sozialstruktur als auch der Wohnungsgröße eine „maximale ­Mischung“ vor.

Heißt: 100 Quadratmeter-Apartments soll es ebenso geben wie Kleinwohnungen, Besserverdiener ebenso einziehen wie Hartz-IV-Empfänger. Tiefgaragen und nahgelegene Parkdecks etwa auf angrenzenden Behördenflächen seien ebenso vorgesehen wie Eingriffe in die Beltershäuser Straße, etwa Einmündungen und eine Temporeduzierung auf der Landesstraße auf 50 km/h nötig seien.

Fründt: "Wollen Potenziale für Wohnungsbau nutzen"

Problem: Die Straße ist das Haupteinfallstor für Pendler aus dem Ebsdorfergrund, täglich fahren dort laut Verkehrszählung im Schnitt 12.600 Fahrzeuge entlang. Vergleichbar sind Universitätsstraße und Großseelheimer Straße. „Es ist keine Traumwohnlage, aber gutes, attraktives Wohnen ist auch in solchen Gebieten gut möglich.

Wichtig: Die Hauptstraße hat eine Funktion, aber diese Funktion kann sie auch mit Eingriffen, kann sie auch anders organisiert erfüllen“, sagt er. Fründt und Spies hoffen, dass Hessen Mobil dahingehend gesprächsbereit ist.

Kreisspitze und Magistrat wollten jedenfalls „Verantwortung übernehmen, indem Potenziale ausgeschöpft werden“, sagt Fründt, die wie Spies mit dem Vorstoß eine öffentliche Debatte auch über nötige Wohnungsbau-Beiträge des Landes Hessen und des Bundes erreichen möchte.

von Björn Wisker