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Marburg Mit Mut und Muskeln gegen Barrieren
Marburg Mit Mut und Muskeln gegen Barrieren
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00:17 10.04.2019
Rollstuhlfahrer Ottmar Amm an der Bushaltestelle „Am Kaufmarkt“ in Marburg-Wehrda.  Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Im Kaufpark Wehrda gibt es fast alles. Lebensmittel, Kleidung, Einrichtungsbedarf. Aber keine barrierefreien Bushaltestellen. Deshalb fährt Ottmar Amm normalerweise nicht mit dem Bus, wenn er dort einkaufen will. Das Aussteigen schafft er noch. „Man muss sich eben die steile Rampe runter trauen“, erklärt er.

Die ist so steil, weil der Bordstein nicht angehoben ist, so wie es bei barrierefreien Haltestellen üblich ist. Aber wenn Amm eingekauft hat und das seinen Rollstuhl hinten beschwert, reicht seine Kraft nicht aus, um sich in den Bus zu bugsieren. Deshalb nutzt er für solche Fahrten normalerweise einen Fahrdienst.

Bisher sind in Marburg vor allem Haltestellen in der Innenstadt barrierefrei ausgebaut. Jene in den Außenstadtteilen sind weitestgehend außen vor geblieben. Dabei wären aus der Sicht von Ottmar Amm gerade die Haltestellen im Kaufpark Wehrda wichtig. Dort steht schließlich das einzige Sanitätshaus in der Stadt, wo er als Rollstuhlfahrer und Prothesenträger gelegentlich hin muss.

330 Haltestellen sollen barrierefrei ausgebaut werden

Amm ist im Behindertenbeirat der Stadt aktiv. Er und seine Mitstreiter werden im Rahmen eines Runden Tischs auch bei Planungen, zum Beispiel für den barrierefreien Ausbau von Haltestellen, einbezogen. Auch das Stadtbüro ist ein Haltepunkt, den Amm für besonders wichtig hält, „weil da jeder irgendwann mal hin muss“. In 2019 sind aber erst einmal die Haltestellen „Volkshochschule“ in der Biegenstraße, „Südbahnhof West“ in der Straße Am Krekel sowie „Steinmühle“ in Cappel geplant. Nur drei – obwohl die Zeit drängt. Denn insgesamt gilt es 330 Haltestellen im Stadtgebiet barrierefrei auszubauen.

Das Personenbeförderungsgesetz verlangt, dass bis zum 1. Januar 2022 alles fertig ist. Ausnahmen müssen begründet sein. Wie viele der Haltestellen im Stadtgebiet bereits barrierefrei ausgebaut sind, dazu kann die Pressestelle der Stadt keine Angaben machen, weil derzeit eine Bestandsaufnahme gemacht wird. Beim Ausbau haben stark frequentierte Haltestellen erste Priorität, erklärt Bürgermeister Wieland Stötzel auf OP-Nachfrage. An vierter und fünfter Stelle hingegen stehen die Haltestellen in den Außenstadtteilen.

Bis zum 1. Januar 2022 ist der vollständige Ausbau laut Pressestelle der Stadt nicht umsetzbar. Im nächsten Nahverkehrsplan (nach 2021) sollen die umzubauenden Haltestellen und die Ausnahmen aufgeführt werden.
Dr. Heinz Willi Bach, der sich als Blinder im Behindertenbeirat engagiert, geht davon aus, dass auch in vielen anderen Orten in Deutschland der Umbau nicht rechtzeitig stattfinden kann. Auch Bach sagt, den Lebensmittelmarkt im Kaufpark Wehrda zu erreichen, sei für Blinde derzeit ein Abenteuer, das mit Gefahren und Unsicherheit verbunden ist.

Städtische Busse verfügen über das Kneeling-System

Mit dem Bahnhofsvorplatz, an dessen Planung Bach und Amm insgesamt acht Jahre lang mitgewirkt haben, sind sie insgesamt zufrieden. Doch ein paar kleine Dinge sind auch schief gegangen. „Hier verläuft der Leitstreifen zu nah an den Sitzbänken“, sagt Bach. Und auch für Rollstuhlfahrer gibt es eine Tücke. Als Amm direkt vor den Treppen des Hauptbahnhofs auf den Gehweg fahren will, kommt er kaum hinauf. Denn zwischen Straße und abgesenktem Bordstein ist eine Rinne aus Pflastersteinen, die das Hochrollen schwierig macht. Insbesondere Elektrorollstühle hätten damit Probleme, aufgrund der kleineren Reifen, sagt Amm.

Die barrierefreien Haltestellen hingegen machen ihm das Leben leichter. An ihnen kann Amm in der Hälfte der Fälle sogar ohne die Rampe in den Bus gelangen. Dafür muss der Busfahrer den Wagen absenken. Laut Stadtwerken verfügen alle Busse des städtischen Unternehmens über dieses sogenannte Kneeling-System. „Oft hat aber dann schon jemand die Rampe für mich ausgeklappt“, erzählt Amm.

Manchmal klemmt sie aber auch. Wie an der Haltestelle Wilhelmsplatz in der Schwanallee, wo Amm einsteigen will. Einem jungen Mann gelingt es nicht, die Rampe aufzuklappen. Ein weiterer junger Mann hilft mit einem Zollstock nach. Der Busfahrer steigt aus, um zu helfen. Doch inzwischen hat sich die Klappe schon gelöst.

von Freya Altmüller