Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Das bedeutet das Ende der Zinsflaute
Marburg Das bedeutet das Ende der Zinsflaute
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
13:00 23.07.2022
Die Ankündigung der EZB, die Nullzinsphase zu beenden, sorgt für Hoffnung bei Sparern. Doch hat der Schritt auch Schattenseiten.
Die Ankündigung der EZB, die Nullzinsphase zu beenden, sorgt für Hoffnung bei Sparern. Doch hat der Schritt auch Schattenseiten. Quelle: Daniel Reinhardt
Anzeige
Marburg

Mit einem höheren Sprung als erwartet hat die Europäische Zentralbank (EZB) am Donnerstag den Leitzins erhöht – auf 0,5 Prozent. Erwartet worden war eine Erhöhung auf lediglich 0,25 Punkte. Doch was bedeutet diese Erhöhung für die Verbraucher? Die OP sprach dazu mit Andreas Bartsch, dem Vorstandsvorsitzenden der Sparkasse Marburg-Biedenkopf.

„Die Entscheidung der EZB, den Leitzins zu erhöhen, ist zwar richtig – aber sie kam in meinen Augen viel zu spät“, kritisiert Bartsch. Denn bei einem früheren Zinsschritt hätte die Wirtschaft besser reagieren können – jetzt müsse sie dies quasi aus der Krise heraus tun. Bartsch schätzt auch, dass „das nicht der letzte Zinsschritt sein wird, den wir dieses Jahr sehen – zum Jahresende kommt da noch was“. Auf langfristige Anleihen habe die Erhöhung des Leitzinses einen negativen Effekt gehabt: „Am Donnerstag standen zehnjährige Bundesanleihen noch bei 1,35 Prozent – am Freitagnachmittag waren es 1,04 Prozent.“ Das sei letztlich „der Vorbote einer Rezession“, sagt der Sparkassen-Vorstand.

Kann die Zinserhöhung die Inflation bremsen?

Dazu sagt Andreas Bartsch: „Ich befürchte, dass diese Maßnahme nicht dazu geeignet ist, die Inflationsrate signifikant zu senken. Denn sie ist nicht durch die im Umlauf befindliche Geldmenge getrieben.“ Vielmehr würden vor allem die immens gestiegenen Energiekosten für ein Wachstum der Inflation sorgen – dort könnten die Verbraucher aber nicht mehr sparen. Wenn die Wirtschaft an sich langsamer laufe, „dann wird mittelfristig auch die Inflation sinken“, so Bartsch. Aber kurzfristig sei damit nicht zu rechnen.

Was treibt die Inflation an?

Seit Monaten treiben stark gestiegene Energiepreise die Inflation an. Dieser Trend verschärfte sich noch durch den russischen Angriff auf die Ukraine. Zudem hat die Industrie seit der Corona-Pandemie damit zu kämpfen, dass Lieferketten nicht reibungslos funktionieren, auch weil es in China teilweise immer wieder zu Lockdowns kommt. Im Juni erreichte die Inflation im Euroraum mit 8,6 Prozent den höchsten Stand seit Einführung der Gemeinschaftswährung als Buchgeld 1999.

Bringt die Zinserhöhung den Sparern etwas?

„So schnell nicht“, dämpft Andreas Bartsch die eventuell aufkommende Freude. Er gehe allerdings „felsenfest davon aus, dass es im letzten Quartal des Jahres auch wieder Zinsen auf Einlagen gibt“. Ob man sich über Zinsen in der Größenordnung „von einem Prozent“ freuen könne, sei zweifelhaft. Denn die Inflation würde das Vermögen quasi vernichten. „Die Realzinsfalle ist viel größer geworden.“

Welche Folgen hat die Entscheidung für Kreditnehmer?

„Sie müssen sich absehbar auf höhere Zinsen einstellen“, sagt Andreas Bartsch. Steigende Zinsen erhöhen die Kosten für Kredite und bremsen so die Nachfrage. Das hilft dabei, die Inflation im Griff zu behalten. Ein Beispiel: Wer Anfang 2022 einen zehn Jahre laufenden Immobilienkredit über 400 000 Euro mit einem Zinssatz von 0,8 Prozent und einer Anfangstilgung von 2 Prozent abschloss, muss dafür monatlich 933 Euro zahlen. Bei einem Abschluss eines solchen Darlehens im Juni mit einem Zinssatz von gut drei Prozent sind es monatlich 1 667 Euro. Bei laufenden Hypothekenkrediten ändert sich nichts.

Noch dazu sei die Preissteigerung im Baugewerbe mit immer noch immensen Lieferschwierigkeiten ebenfalls ein Preistreiber. „Der Effekt daraus ist eine niedrigere Nachfrage, was die Inflation sinken lassen würde“, sagt Bartsch. „Die entscheidende Frage ist dabei nur: Wann fängt es an, der Wirtschaft richtig weh zu tun?“ Das sei eine Gratwanderung.

Welche Chancen bieten sich für Lebensversicherungskunden?

Die Zinsen am Kapitalmarkt sind bereits in Erwartung einer strafferen Geldpolitik gestiegen. Doch bis Kunden von Lebensversicherungen davon profitieren, dürfte es noch eine Weile dauern. „Auch hier gilt: Es ist besser, niedrige Zinsen zu bekommen, als keine.“ Selbst Bausparverträge würden nun wieder attraktiver. Branchenexperten erwarten, dass Lebensversicherer zunächst sogenannte stille Lasten in der Bilanz abbauen, die durch die Zinswende entstehen, statt die Überschussbeteiligung zu erhöhen. Die Überschussbeteiligung ist ein wichtiger Teil der laufenden Verzinsung des Altersvorsorgeklassikers.

Verwahrentgelt

„Das Verwahrentgelt entfällt ab dem 27. Juli – also ab kommender Woche“, sagt Andreas Bartsch. Damit entfalle auch bei der Sparkasse die Berechnung dieser „Strafzinsen“. „Wir haben dieses Verwahrentgelt ohnehin nur bei Unternehmen und Institutionen berechnet, wenn die mehr als eine Million Euro bei uns haben.“

Das breite Kundengeschäft sei davon „nie betroffen gewesen. Es gab nur vereinzelt Privatkunden, die ein großes Vermögen haben, bei denen wir das Entgelt berechnet haben.“ Den „Otto Normalverbraucher“ habe das jedoch nicht betroffen, „die haben nicht einen Cent bezahlt“.

Auch die Volksbank Mittelhessen hatte bereits vor geraumer Zeit angekündigt, keine Verwahrentgelte mehr zu berechnen, solle die EZB ihre Zinspolitik entsprechend ändern. Auch bei der Volksbank gab es „bei besonders hohen Kontoguthaben“ den Negativzins der EZB von Minus 0,5 Prozent. Auch dort habe man „immer vorher das Gespräch“ gesucht.

Von Andreas Schmidt

Marburg Koffer packen leicht gemacht - Was man für den Urlaub einpacken sollte
09:00 Uhr
22.07.2022