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Marburg Lokschuppen: "Christus Treff" macht Rückzieher
Marburg Lokschuppen: "Christus Treff" macht Rückzieher
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07:48 18.02.2020
Blick auf die Baustelle am Lokschuppen.  Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Die Mitglieder des „Christus Treff“ (CT) hätten entschieden, keinen Mietvertrag mit dem Investor zu unterschreiben. „Vorangegangen war in den vergangenen zwei Jahren ein intensiver innergemeindlicher Findungsprozess. Er hat nach Überzeugung der Mehrheit der Vereinsmitglieder gezeigt, dass dieser Schritt zum jetzigen Zeitpunkt die Möglichkeiten des CTs übersteigt“, heißt es von Pfarrer Ulrich Hilzinger, CT-Geschäftsführer in einer Stellungnahme. „Das hängt mit wirtschaftlichen aber auch inhaltlichen Erwägungen zusammen.“

Man wolle sich nun „neue Ziele“ setzen und überlegen, welchen Beitrag der CT, der seinen Hauptsitz am Ortenberg hat, „zukünftig unter anderem in Marburg in die Stadtgesellschaft einbringen können“. Das solle aber „unabhängig von Vorgaben geschehen, die der Betrieb einer solchen Immobilie organisatorisch und finanziell mit sich bringt“, so Hilzinger.

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Dass wirtschaftliche Gründe, also letztlich Geldsorgen, ein Auslöser sein soll, überrascht Kenner des Projekts jedoch. Denn immerhin trat der CT einst als Co-Investor auf, wollte das verfallende Gebäude in einem Bietwettbewerb also mit-kaufen. Und auch die Mietkosten – Investor Gunter Schneider stellte Interessenten immer verträgliche Preise in Aussicht – sollten die Gemeinde zumindest in der Größenordnung nicht überraschen.

Anti-Diskriminierungs-Klausel in den Verträgen

Nach OP-Informationen ist der eigentliche Grund für den Rückzieher ohnehin ein anderer: eine Anti-Diskriminierungs-Klausel in den Verträgen. Diese Regelung wurde auf Drängen der Kommunalpolitik in die Kaufverträge eingearbeitet, nachdem vor allem die Homophobie-Kritik – etwa der Vorwurf, mindestens mit ­sogenannten Homo-Heilern zusammenzuarbeiten – am CT monatelang nicht abebbte. Doch genau mit dieser Klausel, die Minderheiten schützen sollte, soll man Gemeinde-intern Probleme haben.

Die CT-Führung, die am Montag auf OP-Anfrage nicht zu sprechen war, hatte damals mehrfach die erhobenen Homophobie- und Missionierungs-Vorwürfe zurückgewiesen. „In unserer Gemeinde sind Homosexuelle aktiv, sie gehören wie jeder andere dazu. Einige gehen offener mit ihrer Sexualität um, andere nicht – wir sind als Gemeinde ein Abbild dieser Stadt, der Gesellschaft insgesamt. Letztlich bringt Gott uns zusammen, Christen sind wir alle und der Fokus liegt auf Glauben, Nächstenliebe und Toleranz“, hieß es in einem OP-Interview Mitte 2017.

von Björn Wisker

Vom Bieter zum Mieter

Die Entscheidung für die Privatisierung des Lokschuppens fiel Ende des Jahres 2016. Danach gab es einen Bieterwettstreit, in dem sich letztlich die Firma Optik Schneider aus Fronhausen durchsetzte. Der Konzept-Wettbewerb war neben vielen Gründen auch deshalb umstritten, weil es nach der Ausschreibung durch den Magistrat eine Zusammenarbeit zwischen einem Investoren-Duo, der Firma Schneider und dem „Christus Treff“, gab.

Nach monatelanger Kritik etwa aus studentischen Kreisen und Demos gegen die evangelikale­ Gruppe in der Stadt zog sich der CT dann als Kaufinteressent zurück, um nur noch als Mieter auf dem Lokschuppen-Gelände – genauer: in einem auf dem Areal als Neubau geplanten Hotel – aufzutreten. Der Verein wollte die Räume vor allem für Veranstaltungen wie etwa Gottesdienste und Seminare nutzen, da der bisherige Platz nicht mehr ausreiche. 

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