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Marburg Schweinezucht in der Krise
Marburg Schweinezucht in der Krise
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08:00 28.06.2022
Die Zahl der Betriebe mit Schweinehaltung sinkt, die Landwirte ächzen unter stark gestiegenen Futterpreisen, die der Schweinepreis bei Weitem nicht ausgleichen kann. Immer mehr Betriebe und Züchter geben daher auf. Sinkt die Zahl deutscher Schweine, könnte der Import von Ferkeln und Fleisch weiter steigen, fürchten Landwirte, die darin durch längere Transportwege auch ein Problem beim Tierwohl erkennen.
Die Zahl der Betriebe mit Schweinehaltung sinkt, die Landwirte ächzen unter stark gestiegenen Futterpreisen, die der Schweinepreis bei Weitem nicht ausgleichen kann. Immer mehr Betriebe und Züchter geben daher auf. Sinkt die Zahl deutscher Schweine, könnte der Import von Ferkeln und Fleisch weiter steigen, fürchten Landwirte, die darin durch längere Transportwege auch ein Problem beim Tierwohl erkennen. Quelle: Sina Schuldt
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Marburg

In ganz Deutschland gibt es immer weniger Schweine. Das liegt aber nicht an einem potenziell veränderten Fleischkonsum. Auch immer mehr Betriebe streichen die Segel, ihre Zahl sinkt ebenso im Landkreis, während der Frust der letzten heimischen Schweinehalter steigt.

Seit der Wiedervereinigung gab es nicht mehr so wenige Schweine in der Republik – das geht aus aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamts hervor: Am 3. Mai lag der Bestand bei 22,3 Millionen Tieren, im Jahr 1990 wurden noch 30,8 Millionen Schweine gehalten.

Zahl der Schweine im Landkreis hat sich halbiert

Auch in Marburg-Biedenkopf ist die Zahl an Hausschweinen stark zurückgegangen, berichtet Heinz-Hermann Nau-Bingel, Geschäftsführer des Kreisbauernverbands Marburg-Kirchhain-Biedenkopf. Im Jahr 2021 gab es im Kreis noch 318 Betriebe mit Schweinehaltung und rund 21 000 Tiere. „In den letzten zehn Jahren sind die Bestände insgesamt um 70 Prozent zurückgegangen.“ Es gebe rund 50 Prozent weniger Schweine, besonders groß sei der Schwund bei den Zuchtsauen, deren Zahl um rund 75 Prozent gesunken sei. Veränderungen im Fleischkonsum der Verbraucher habe mit dem Rückwärtstrend dabei weniger zu tun, vielmehr die Lage der Schweinehalter. Der Schweinepreis stieg zuletzt zwar an, kann aber die auch durch den Ukrainekrieg gestiegenen Kosten für Futter nicht decken. „Im Moment ist das gravierend für die Betriebe, sie sind in einer noch schwierigeren Lage, bei den steigenden Futterkosten ziehen die Schweinepreise einfach nicht mit“, sagt Nau-Bingel. Hinzu komme eine regelrechte „Auflagenflut“ seitens der Behörden und immer neue gesetzliche Regelungen, die viele Schweinehalter abschrecken. Etwa zum Bau von Ställen, neue Regelungen zum Kastenstand oder dem Abferkelbereich. Die kostenintensiven Umbauten rechneten sich für viele Schweinehalter nicht, sie geben auf.

Die Zahl der schweinehaltenden Betriebe verringerte sich um 5,2 Prozent auf 17 900 gegenüber der letzten Zählung im November 2021. Und das, obwohl die Preise für Schlachtschweine zuletzt leicht angestiegen sind. Die wirtschaftliche Lage vieler landwirtschaftlicher Betriebe ist dennoch schlecht wie lange nicht, Grund sind unter anderem die gestiegenen Energie-, Düngemittel- und Futtermittelkosten.

Selbst das für seine Schweinehaltung bekannte Niedersachsen meldet einen massiven Rückgang: Dort sank die Zahl an Hausschweinen um 10,6 Prozent auf 7,3 Millionen Tiere. Damit leben seit langer Zeit wieder mehr Menschen als Schweine in unserem nördlichen Nachbar-Bundesland.

Marktpreis deckt nicht die Futterkosten

Dort gibt es noch besonders viele Schweine, deutlich mehr als in Hessen. Aber auch hierzulande sind stark sinkende Zahlen beim Schweinebestand zu verzeichnen. In Marburg-Biedenkopf hat dieser sich innerhalb der letzten zehn Jahre halbiert, noch deutlich massiver ist der Rückgang bei den Zuchtsauen. Einer der letzten Halter und mit zuletzt 300 Zuchtsauen der größte Betrieb im Landkreis ist Andreas Emmerich aus Kirchhain-Burgholz. Er spürt die aktuellen Entwicklungen massiv, und das auch schon vor der durch den Ukrainekrieg verschärften Marktlage: „Seit über einem Jahr fahre ich Verluste statt Gewinne ein – die Schweinepreise sind noch immer viel zu niedrig, um die Kosten zu decken“, berichtet Emmerich. Steigt der Preis fürs Getreide, wirkt sich das direkt auf die Futterkosten aus, „ein Schwein besteht nun mal zum größten Teil aus Futterkosten“. Innerhalb eines Jahres habe er 500 Euro pro Tier verloren, bei 300 Sauen eine enorme Summe.

Bedeutet das nun, dass sein Betrieb als einer der letzten noch mehr Tiere halten und sich vergrößern wird, was im Zuge der Debatte um Massentierhaltung und EU-Förderungen häufig in der Kritik steht? Nein, sagt Emmerich, das Gegenteil sei momentan der Fall. Er will vielmehr die Anzahl an Zuchtsauen verkleinern, alles andere lohne sich einfach nicht.

Mehr Tiere pro Betrieb in Hessen

Hessenweit geht die Zahl der Schweine wie auch der Betriebe seit Jahren zurück, wie Zahlen des Hessischen Statistischen Landesamts zeigen: Im Jahr 2020 hielten gut 2 400 Betriebe in Hessen knapp 544 000 Schweine. Zehn Jahre zuvor waren es noch etwa 5 700 Betriebe mit rund 726 100 Schweinen. Die Zahl der Betriebe reduzierte sich somit um 58 und der Tierbestand um 25 Prozent. Im Jahr 1950 gab es in Hessen übrigens über eine Million Schweine, da waren Höfe noch deutlich kleiner.

Die Zahl der Tiere pro Betrieb steigt heute von 127 auf 226. Hessische Betriebe sind noch klein: Bundesweit liegt der Durchschnitt bei 827 Schweinen. Noch deutlicher ist die Entwicklung bei den Zuchtsauen: 2020 gab es nur noch 480 Betriebe, die 32 600 Zuchtsauen hielten, vor 10 Jahren waren es 1 450 Betriebe mit 59 400 Tieren.

Das bedeutet auch weniger Nachwuchs, bisher wurden in dem Familienbetrieb 10 000 Ferkel im Jahr geboren, aber auch deren Preis sei zu niedrig. Emmerich rechnet vor: Ein Ferkel koste ihn 70 Euro, im Verkauf erhält er derzeit 47,50 Euro. Die Differenz sei groß wie selten, „wenn das so weitergeht, verlieren wir noch mehr“.

Auch anderen Betrieben ergehe es ähnlich, damit sinke die Zahl an deutschen Ferkeln weiter. Damit spricht der Landwirt ein weiteres Problem in der deutschen Schweinehaltung an: der in seinen Augen zu hohe Import von Ferkeln aus dem Ausland. Lediglich rund 60 Prozent der Tiere in Deutschland werden auch hier geboren, der Rest stammt vor allem aus Dänemark oder den Niederlanden.

Export bedeutet längeren Tiertransport

Darin sieht er ein Problem beim Tierwohl, gerade durch längere Transportwege der importierten Ferkel, „das ist ein tierschutzrechtliches Problem und für uns ein Marktproblem – die Lage ist extrem schlecht und es kommt auch kein Rückenwind aus der Politik“, kritisiert Emmerich.

Er würde sich von Berlin wünschen, dass die heimischen Schweinezüchter stärker gefördert werden und sich gegen billigere Nachzucht aus dem Ausland, wo die Haltungsanforderungen weniger streng sind, behaupten könnten. Das gelinge nur durch weniger Ferkel- und Fleischimporte und mehr Regionalität, über die zwar immer gerne gesprochen, die aber nicht gefördert werde.

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Von Ina Tannert