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Marburg NS-Aktenfund wurde im Schloss gelagert
Marburg NS-Aktenfund wurde im Schloss gelagert
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17:00 23.04.2022
Marburg Files.
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Marburg

Im Zentrum eines mysteriösen Kapitels der Weltgeschichte steht Marburg in einer kompletten Folge in der zweiten Staffel der erfolgreichen Netflix-Serie „The Crown“, die die Geschichte der britischen Königsfamilie erzählt. Wie eng waren gegen Ende des Zweiten Weltkriegs die Verbindungen zwischen dem ehemaligen britischen König Edward VIII. und den Nationalsozialisten? Und welcher Teil der Geheimdokumente sollte auf Anordnung des britischen Premierministers Winston Churchill und der Windsor-Familie erst einmal als „Top secret“-Material unter Verschluss gehalten werden?

Auf jeden Fall beschäftigten die Akten, die unter dem Stichwort „Marburg Files“ bekannt wurden, bereits in den 50er und 60er Jahren die Fantasie von mehreren Generationen von Historikern. Und so wurden auch die Drehbuchschreiber von „The Crown“ davon inspiriert.

In der Folge mit dem Titel „Vergangenheit“ stehen die „Marburg Files“ im Zentrum der Episode 6 der zweiten Staffel von „The Crown“.

Dabei handelt es sich um Geheimakten aus dem Zweiten Weltkrieg, in denen vor allem die Rollen des Herzogs von Windsor und des 1936 abgedankten britischen Königs Edward VIII. im Mittelpunkt stehen. Diese Akten umfassen vor allem umfangreiche Korrespondenzen zwischen dem König und hochrangigen Funktionären aus der Regierung der Nationalsozialisten.

Der Herzog von Windsor und ehemalige König Edward VIII. (Fünfter von links) war im Jahr 1937 zusammen mit seiner Ehefrau Wallis Simpson zu Gast bei Adolf Hitler auf dem Berghof. Quelle: Wikimedia Commons

Doch wie kam es überhaupt dazu, dass das brisante Material mehrere Monate in Marburg gelagert wurde? Ursprünglich war das umfangreiche Material kurz nach dem Krieg im Mai 1945 von den Alliierten im thüringischen Harz entdeckt worden.

Ausgesucht worden war dann das Marburger Landgrafenschloss als Aufbewahrungsort für die „Marburg Files“, unter anderem wegen der feinen Steinstruktur des Gebäudes, berichtete der US-Regierungsberater Robert Murphy im Juni 1945 in einem Memorandum an den damaligen US-Außenminister. Schon 100 Jahre zuvor sei „Marburg Castle“ immer wieder als Aufbewahrungsort für große Archivsammlungen verwendet worden, hob Murphy in seinem Schreiben hervor, das in der Reihe der Diplomatischen Papiere des Außenministeriums veröffentlicht ist.

Besonders die Tatsache des Ortes hoch über der Stadt Marburg habe das Schloss als besonders geeignet erscheinen lassen. Allerdings sei das Landgrafenschloss nur über zwei steile, enge und kurvige Straßen erreichbar. Dieses habe es etwas schwieriger gemacht, eine solch große Anzahl von Archivgut auf das Schloss hoch zu transportieren.

Denn immerhin umfasse die derzeit im Marburger Schloss untergebrachte Masse der Dokumente schätzungsweise zwischen 80 und 90 Prozent der überlieferten Dokumente aus dem Auswärtigen Amt, und vor allem den größten Teil der Akten bis zum Jahr 1943, schrieb Murphy. Das Dokumenten-Material aus den darauffolgenden Jahren bis zum Kriegsende im Mai 1945 sei in einigen Fällen zerstört und in anderen Fällen auf andere Orte in ganz Deutschland verteilt worden. Es sei aber die Absicht, auch diese Dokumente nach Marburg zu verbringen.

237 Lastwagen-Ladungen mit Dokumenten

Die eindrucksvolle Materialfülle schilderte der US-Sonderberater in seinem Report sehr anschaulich. So seien die Dokumente in insgesamt 237 Lastwagen-Ladungen hoch zum Marburger Schloss transportiert worden. Geschätzt handele es sich dabei um 425 Tonnen Aktenmaterial.

Zunächst sei der größere Teil der Papiere ausgepackt und dann in Form von Paket-Stapeln in sechs oder sieben großen Räumen im Landgrafenschloss gelagert worden. Immerhin schon die Hälfte des Materials sei von den beiden britischen und amerikanischen Bearbeitern zu speziellen Themen zugeordnet worden.

Parallel zur Aufgabe des Sortierens und Arrangierens der Dokumente sei auch schon ein Fortschritt bei der Aufgabe gemacht worden, die wichtigen Dokumente sowie die Papiere aktuelleren Datums für die Verfilmung auf Mikrofiches bereitzustellen. Diese Aufgabe sei zwei Einheiten der „Royal Airforce“ übertragen worden. Diese Spezialisten aus Großbritannien seien in der Lage, ungefähr 1500 Seiten pro Tag auf Mikrofilm zu übertragen. Allerdings gestalte sich diese Aufgabe sehr zeitraubend. So gingen die britischen Verantwortlichen davon aus, dass allein der Prozess der Mikroverfilmung der bedeutenderen Dokumente bei dem bisher angeschlagenen Tempo wohl mehr als ein Jahr dauern werde.

Dokumente sind nun in London

Angesichts des großen Umfangs der Sammlung sowie der Bedeutung, den gesamten Bearbeitungsprozess aus amerikanischer Sicht für einen ausgedehnten Zeitraum zu überwachen, erneuerte Murphy seine Bitte um die Übersendung eines amerikanischen „Vollzeit-Archivars“ als Supervisor.

Letztendlich wurden alle Dokumente nach einigen Monaten der Lagerung auf dem Marburger Schloss wieder abtransportiert und gelangten nach London. Damit endete die kurzzeitige Rolle, die Marburg in der unmittelbaren Nachkriegszeit in der Weltpolitik spielte, auch schon wieder. Bis heute hat sich aber der Name „Marburg Files“ erhalten.

Netflix-Serie „The Crown“, Folge „Vergangenheit“

„Vergangenheit“ lautet der Titel der sechsten Folge von Staffel 2 der „Netflix“-Serie „The Crown“, von der mittlerweile bereits die fünfte Staffel vorliegt. Sie schildert Ereignisse aus dem Jahr 1945 kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs und beruht auf wahren Ereignissen.

Es beginnt mit einer Szene im Thüringer Wald: Ein Soldat in deutscher Wehrmachtsuniform zeigt amerikanischen Soldaten den Ort eines Versteckes, in dem sie mehrere Kisten finden. In der darauffolgenden Sequenz sieht man einen Konvoi von Militär-Jeeps, die nach einer längeren Fahrt in die Auffahrt zu einem prächtigen Schloss auf einer Anhöhe mit zwei großen Türmen und mehreren reich verzierten Zinnen einbiegen und in einen großen Innenhof fahren. Dort entpacken sie die Kisten und man sieht, dass es sich beim Inhalt um eine Vielzahl von Akten und Briefen handelt – anscheinend Korrespondenzen des ehemaligen britischen Königs mit Adolf Hitler sowie weiteren hochrangigen Nationalsozialisten.

Laut dem Hinweis im Film ist das Schloss „Marburg Castle“, denn schließlich wurden die Geheimakten nach dem zwischenzeitlichen Aufbewahrungsort im Marburger Landgrafenschloss später auch „Marburg Files“ genannt und gingen unter diesem Namen in die zeitgeschichtliche Literatur ein.

Doch schon auf den ersten Blick ist klar, dass das Schloss in der Fernsehserie nicht das Marburger Schloss ist. Gedreht wurden die „Marburg-Aufnahmen“ vielmehr in Horsley Towers, wie britische Journalisten herausgefunden haben. Horsley Towers liegt eine Autostunde von London entfernt in Südengland und war ursprünglich ein repräsentatives Landhaus aus dem 19. Jahrhundert. Das Haus wurde von dem Architekten Charles Barry für den Bankier William Currie entworfen.

Im weiteren Verlauf der „The Crown“-Folge werden noch mehrmals die „Marburg Files“ mit dem Vermerk „Confidential“, in denen es um die Möglichkeiten der Geheimverhandlungen des ehemaligen britischen Königs Edward mit den Nationalsozialisten vor dem Kriegsende geht, auf dem Aktendeckel ins Bild gerückt. Sie stehen im Mittelpunkt von umfangreichen Diskussionen. Involviert sind unter anderem der damalige Premierminister Winston Churchill sowie Mitglieder der Königsfamilie.

Von Manfred Hitzeroth