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Marburg Wie es dazu kam, dass Hindenburg in der E-Kirche beigesetzt wurde
Marburg Wie es dazu kam, dass Hindenburg in der E-Kirche beigesetzt wurde
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18:00 29.04.2022
Das Foto zeigt die Begrüßung Hindenburgs durch den Reichskanzler Adolf Hitler im Februar 1934.
Das Foto zeigt die Begrüßung Hindenburgs durch den Reichskanzler Adolf Hitler im Februar 1934. Quelle: Foto: UPI/dpa
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Marburg

Paul von Beneckendorff und von Hindenburg lebte seit 1911 in Hannover, nur unterbrochen von der Kriegszeit. Hier arbeitete er an seinem Bild, das die Nachwelt von ihm haben sollte: Sieger der Schlacht bei Tannenberg gegen die Russen 1914, aber unbeteiligt an der kriegsentscheidenden Niederlage an der Westfront 1918, deren Chef der Obersten Heeresleitung er bis zum Schluss war. In dieser Zeit in Hannover starb 1921 Hindenburgs Ehefrau Gertrud geb. von Sperling und wurde in einem Ehrengrab beigesetzt. Die „Erbbegräbnisstätte“ sollte auch Paul von Hindenburg aufnehmen, doch mit der Wahl zum Reichspräsidenten 1925 änderte sich die Situation. Nach dem Tode des Reichspräsidenten 1934 wurde die Beisetzung im Tannenberg-Denkmal angeordnet und 1936 der Sarg seiner Ehefrau dorthin umgebettet.

Anfang 1945 wurden die Särge vor der herandrängenden Roten Armee evakuiert, bevor deutsche Truppen die ganze Anlage in die Luft sprengten. Auf unklarer Route kamen die Särge in das stillgelegte Kalibergwerk in Bernterode an der Wipper im thüringischen Eichsfeld. In Potsdam waren die Särge König Friedrichs II. und seines Vaters König Friedrich Wilhelm hinzugestoßen. Als die Amerikaner Thüringen besetzten, entdeckten sie nicht nur die vier Särge, sondern auch einen Kronschatz, Kunstwerke und zahlreiche Kriegsfahnen und Standarten. Da die Amerikaner Thüringen zu räumen hatten, transportierten sie die Fundstücke Anfang Mai 1945 in ihre Zone ab. Die Särge und die Kunstgegenstände kamen nach Marburg.

Warum Marburg? Marburg lag in der amerikanischen Zone einigermaßen nahe an Thüringen, war fast unzerstört und besaß große Gebäude wie das Schloss und das Staatsarchiv, die weitgehend leer standen. Die Särge wurden in einem Kellerraum im Schloss untergebracht, bevor sie dann am 8. Februar 1946 ins Staatsarchiv gefahren wurden. Hier lagen sie verschlossen und streng bewacht im Kellergeschoss.

Das war natürlich keine Dauerlösung. Ab März 1946 erörterten die Amerikaner die Zukunft der Särge. Nach Potsdam sollten die Hohenzollern nicht zurück. Der Chef des Hauses Hohenzollern lebte auf der Burg Hohenzollern bei Hechingen in der französischen Zone. Die Hindenburgs hatten ihren Wohnsitz in Medingen bei Bevensen im Kreis Uelzen in der britischen Zone. Die Zonengrenzen waren 1946 nur schwer zu passieren und die Amerikaner scheuten Verhandlungen mit den Alliierten. Sie entschieden, die Beisetzungen in der eigenen Zone durchzuführen. Die Elisabethkirche in Marburg war von angemessener Würde, protestantischer Konfession und lag auch noch nahe.

Das Grab von Paul von Hindenburg in der Elisabethkirche. Quelle: Nadine Weigel

Am 11. Juni legten die Amerikaner fest, dass die Hohenzollern in der Elisabethkirche beigesetzt werden, und zwar im Nordchor an der Westwand. Für eine Beisetzung der Hindenburgs wählte man die Halle unter dem Nordturm.

Am 12. Juni identifizierte man die Särge im Staatsarchiv. Man fand sie in alte Decken eingehüllt und nur mit aufgeklebten Zetteln markiert. Der Sarg von Paul von Hindenburg konnte an einem Brandfleck identifiziert werden. Bei den Beisetzungsfeierlichkeiten in dem Nationaldenkmal Tannenberg hatte ein unvorsichtiger Fotograf bei einer Blitzlichtaufnahme die Tuchdekoration des Raumes in Flammen gesetzt, die den Sarg in Mitleidenschaft zogen. Keiner der vier verlöteten Metall-Innensärge wurde geöffnet, man begnügte sich mit der Annahme der Echtheit.

Im August 1946 wurde zum ersten Mal innerhalb der hessischen Landesregierung eine abweichende Auffassung vernehmbar: Der Chef der Staatskanzlei, Dr. Hermann Brill, ein Sozialdemokrat und NS-Verfolgter, schlug in einer engagierten Stellungnahme vor, die Hindenburgs privat in Hannover beisetzen zu lassen.

Am 21. August fand die Beisetzungsfeierlichkeit für die Preußenkönige in der Elisabethkirche unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, am 25. August für die Hindenburgs. Die teilnehmenden Vertreter der Militärs, der Landesregierung und der Stadt Marburg waren im Rang geringer als bei der Hohenzollern-Feier.

Fertigstellung der Grabstätten verzögerte sich

Die Fertigstellung der Grabstätten verzögerte sich, auch weil die hessische Staatsregierung die Verlegung der Hindenburgsärge an andere Stelle, etwa Hannover, in Erwägung zog. Doch nach dem September 1948 waren die Arbeiten abgeschlossen.

Schon zuvor, Anfang 1947, kam es bei der Auseinandersetzung um Entnazifizierungsmaßnahmen an der Universität und den damit verbundenen Entlassungen zu einem Protest der Studentenschaft und einer Grundsatzrede des Ministerpräsidenten Stock.

Stock sprach auch die Särge in der Elisabethkirche an. Sie seien ohne den Willen der Regierung dorthin gekommen, wo sie jetzt als Stätten der Demonstration gegen die Republik dienten, indem dort Kränze und Blumen niedergelegt würden. Hindenburg, wenn er noch lebte, wäre in Nürnberg der Prozess gemacht worden, weil er Deutschland an Hitler verraten habe. Das Presseecho war enorm, und in den Zeitungen wurde der Begriff „Fall Marburg“ geprägt. Politische Demonstrationen an den Gräbern und farbige Kranzschleifen blieben verboten — zumindest offiziell.

Könige kamen zur Stammburg Hohenzollern

Nach der Überführung der beiden Königs-Särge zur Stammburg Hohenzollern im August 1952 wären die politischen Demonstrationen in der Elisabethkirche eigentlich gegenstandslos geworden, denn sie galten überwiegend Friedrich dem Großen und seinem Vater, doch im heraufziehenden Kalten Krieg erfuhr Hindenburg neue Wertschätzung als Kämpfer gegen Russland und als ostpreußische Identifikationsfigur.

Eine erste Gegenbewegung war ein Offener Brief der Geschichtswerkstatt von 1985. Seitdem wiederholen die Kritiker der DKP, dann der Grünen die Argumente gegen Hindenburg, die schon die sozialdemokratisch geführte hessische Landesregierung 1947 geäußert hatte, gegen vornehmlich sozialdemokratische Oberbürgermeister und entsprechende Mehrheiten in der Stadtverordnetenversammlung.

Immer wieder wurde in kommunalen Gremien über den Umgang mit Hindenburg debattiert. Die Ehrenbürgerwürde von 1933 war zwar mit dem Tod 1934 hinfällig geworden, wurde aber immer wieder angesprochen. Die Rückbenennung des Hindenburgrings in Krummbogen durch die Amerikaner 1945, die noch nicht einmal in amtliche Straßenbenennungsakten einen Eintrag fand, weil man damals andere Sorgen hatte, hatte den Namen Hindenburgs außerhalb der Elisabethkirche ausgelöscht. So ging es hauptsächlich um die Grabstätte im Nordturm.

Die Grabstätte in Hannover wurde 1941 der Stadt zurückgegeben, doch nicht wieder belegt. Am Rande des Feldes liegen Urnengräber für die beiden Töchter Hindenburgs und einen Schwiegersohn, zuletzt von 1991. Unmittelbar nach Kriegsende war die Beziehung Hindenburgs zu Hannover präsent. Später überstrahlte der Mythos Tannenberg in Marburg alles.

Ein Foto der Grabstätte Hindenburgs brachte zum ersten Mal ein Buch von Hermann Bauer im Jahre 1964. Heute wird im publizistischen Bereich immer häufiger die Hindenburg-Grabstätte abgebildet. Sie ist zur Touristenattraktion geworden.

Unser Gastautor Dr. Ulrich Hussong war von 1988 bis zu seiner Pensionierung 2015 Leiter des Marburger Stadtarchivs. Sein Bericht ist eine gekürzte und leicht geänderte Fassung seines Aufsatzes in dem Buch „Skandal!? Stadtgeschichten aus Marburg im 20. Jahrhundert“ (356 Seiten; 25,99 Euro), das im transcript Verlag erschienen ist.

Die aktuelle Debatte

Auch seit einigen Wochen gibt es wieder eine ganz aktuelle Debatte um das Hindenburg-Grab in der Elisabethkirche. Diese Debatte war durch eine Liste von „positiven Orten der Demokratiegeschichte“ der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung ausgelöst worden. Darin war das Grab des früheren Reichspräsidenten Paul von Hindenburg enthalten. Der Marburger Historiker Professor Eckart Conze hatte dies als „Skandal“ bezeichnet. Hindenburg sei für den Tod von Millionen Menschen im Ersten Weltkrieg verantwortlich. Er habe am Scheitern der Weimarer Demokratie mitgewirkt und Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt.

Das Grab von Paul von Hindenburg in der Elisabethkirche ist derzeit nicht zugänglich. Die Landeszentrale hat inzwischen die Liste von ihrer Internetseite entfernt und sich dafür entschuldigt. In der Debatte um das Hindenburg-Grab in der Elisabethkirche spricht sich die Evangelische Kirche mittlerweile dafür aus, zur besseren Einordnung vor Ort fundierte Informationen über den umstrittenen Reichspräsidenten anzubieten. „Momentan ist das Grab wegen der Innenrenovierung ohnehin nicht zugänglich“, sagt der Propst des Sprengels Marburg, Dr. Volker Mantey. „Unser Vorschlag ist, die Jahre der Innenrenovierung zu nutzen, zusammen mit Fachleuten darüber zu sprechen“. Die Kirche biete sich gerne als Plattform für Expertengespräche zu diesem Thema an.

Von Ulrich Hussong

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