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Marburg Marburgs Zukunft soll Bantzer-Bild verdecken
Marburg Marburgs Zukunft soll Bantzer-Bild verdecken
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17:00 02.03.2022
Das Gemälde „Der Weg Des Lebens" von Carl Bantzer hängt seit 1930 im Festsaal des Marburger Rathauses.
Das Gemälde „Der Weg Des Lebens" von Carl Bantzer hängt seit 1930 im Festsaal des Marburger Rathauses. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Seit Wochen reißt die Diskussion um eine Aktion der Marburger Kunstwerkstatt nicht ab: Das 2,40 mal 4 Meter große Gemälde von Carl Bantzer im Historischen Rathaus soll am Samstag, 9. April, für einige Zeit verhängt werden. Anlass ist das 800. Jubiläum der Stadt (die OP berichtete mehrfach).

Inzwischen ist das neue Kunstwerk, das Bantzers Bild ersetzen soll, fast fertig. 14 Marburger Kinder und Jugendliche haben an sieben Wochenenden fleißig daran gearbeitet und ihre Phantasien auf die Leinwand gebannt. Das Thema: Marburgs Zukunft.

Ideen hatten die jungen Nachwuchstalente mehr als genug. Auf dem neuen Rathaus-Bild geht es bunt und fröhlich zu – begrünte Dächer, verrückte Highspeed-Autos, witzige Roboter und ein Riesenrad sind zu sehen. Das Klima in der Stadt spielt eine Rolle ebenso wie die Zukunft des Autos, das Zusammenleben von Menschen aus verschiedenen Kulturen.

„Sehr wichtig ist der Frieden für mich“

Die Kinder und Jugendlichen waren mit viel Energie und Engagement bei der Sache. „Mir hat es sehr gut gefallen“, erzählt Paulina Engelbrecht (13). „Es war richtig schön, mal auf einer großen Leinwand zu malen.“ Zuerst sei es etwas chaotisch gewesen, berichtet Jona Leander-Ellwanger (11). „Aber dann hat es viel Spaß gemacht.“ Zu den Themen des Bildes meint Alexander Parshin (14): „Marburg soll bunt und grün werden. Sehr wichtig ist der Frieden für mich.“ Auch Salome Kuppe (12) hat begeistert mitgemacht: „Toll ist es, dass das fertige Bild im Rathaus für alle zugänglich gemacht wird.“

Die Künstlerin und Initiatorin Maria Pohland von der Kunstwerkstatt ist sehr zufrieden mit Ablauf und Ergebnis der Aktion. „Die Kinder und Jugendlichen haben sehr engagiert mitgearbeitet“, betont sie. Schritt für Schritt wurden gemeinsam Ideen entwickelt und dann in kleinen Skizzen festgehalten. „Alle haben dabei viel gelernt, zum Beispiel, wie man die Skizzen auf ein großes Format überträgt.“

Auch die Künstlerin Randi Grundke ist glücklich. „Zuerst gab es eine wilde Planungsphase“, erzählt sie. „Dann haben wir besprochen, wie wir die Ideen kompositorisch umsetzen können.“

„Rückständiges Frauenbild“

Im nächsten Schritt wurden die jungen Malerinnen und Maler in den Umgang mit großen Pinseln und flüssiger Farbe eingeführt. „Ich finde es toll, wie selbstständig alle dann gearbeitet haben“, so Randi Grundke weiter. Auch über das Bild von Carl Bantzer sei gesprochen worden.

Die Aktion von Maria Pohland und Randi Grundke hat nicht nur Befürworter gefunden. Viele Bantzer-Fans kritisierten das Projekt. Schließlich sei Carl Bantzer (1857–1941) einer, wenn nicht der bedeutendste Marburger Maler.

Das Werk „Der Weg des Lebens“ entstand zwischen 1927 und 1930. Es ist eine Auftragsarbeit des damaligen Magistrats explizit für den Historischen Rathaussaal. Gestiftet wurde es von den jüdischen Bankiers Carl und Albert Strauss. Gedankt hat es ihnen die Stadt nicht: Nur wenige Jahre später mussten sie um ihr Leben fürchten und vor den Nationalsozialisten aus Marburg flüchten – „ihr Bankhaus und ihre bedeutende Bildersammlung wurde ihnen zum Spottpreis abgenommen“, wie der ehemalige Marburger Bürgermeister Dr. Franz Kahle 2014 in einem Vortrag vor Schülerinnen und Schülern aus Marburg und Poitiers erinnerte.

Debatten um das Gemälde gab es in Marburg immer wieder, selbst als „Nazi-Schinken“ wurde es um 2000 bezeichnet. Die Künstlerin Maria Pohland kritisierte das „rückständige Frauenbild“ in diesem Werk, das die Frau ausschließlich als Mutter zeige. Mit der Aktion wollte die Kunstwerkstatt auch eine Diskussion über das Spätwerk des Malers anstoßen, der 1900 bei der Weltausstellung in Paris und 1904 bei der Weltausstellung in St. Louis ausstellen durfte und dessen Werke in vielen Museen vertreten sind.

Die Ausstellung im Rathaus mit dem Zukunftsbild der Kinder wird am Samstag, 9. April, um 14 Uhr eröffnet. Bei der Vernissage sprechen Oberbürgermeister Thomas Spies sowie die Dozentinnen der Kunstwerkstatt, Maria Pohland und Randi Grundke. Die 19-jährige Nele Schüßler von der Musikschule Marburg wird sie musikalisch gestalten.

Von Bettina Preussner und Uwe Badouin

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