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Marburg In diesem Haus wohnte der „Schlächter von Lyon“
Marburg In diesem Haus wohnte der „Schlächter von Lyon“
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10:00 26.04.2022
In der Barfüßerstraße 35 war das Wohnhaus, in dem im zweiten Stock Klaus Barbie wohnte.
In der Barfüßerstraße 35 war das Wohnhaus, in dem im zweiten Stock Klaus Barbie wohnte. Quelle: Manfred Hitzeroth
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Marburg

Im Jahr 1946 war der ehemalige Gestapo-Chef von Lyon für mehrere Monate in Marburg untergetaucht. Es war kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, als Klaus Barbie, der „Schlächter von Lyon“, einer der meistgesuchten Kriegsverbrecher der Nationalsozialisten, sich mehrere Monate unter falschem Namen in Marburg aufhielt. Von Dezember 1945 bis Frühjahr 1947 hatte Barbie als Klaus Becker in einem Haus in der Barfüßerstraße 35 seinen Hauptwohnsitz – in dem Haus, in dem mehr als 100 Jahre zuvor auch die weltberühmten Märchensammler Jacob und Wilhelm Grimm gewohnt hatten.

Nach der Kapitulation Deutschlands im Mai 1945 hatte sich Barbie mit falschen Dokumenten zunächst nach Trier begeben, wo noch seine Frau und sein Kind wohnten. Doch im Dezember 1945 führte ihn sein Weg nach Marburg, wo er Unterschlupf in der Barfüßerstraße 35 fand. „Barbie behauptete, an der Universität studieren zu wollen, und der Hausbesitzer nahm das ohne weitere Nachfragen zur Kenntnis“, schreibt der BBC-Journalist Tom Bower in seiner grundlegenden Barbie-Biographie über den Anfang der „Marburger Episode“ von Barbie.

Nachname eines Untermieters geborgt

Nach Bowers Informationen borgte sich Barbie den Nachnamen eines weiteren Untermieters aus, um eine überzeugende Tarngeschichte vorweisen zu können. Doch Barbie studierte nicht: Als Chef eines deutschlandweiten Rings von Schwarzmarkthändlern und Verschwörern agierte er damals von Marburg aus, um eine Art Widerstandsbewegung ehemaliger Nationalsozialisten zu leiten. „In Marburg führte Barbie ein für die damaligen Verhältnisse recht komfor­tables Leben. Der unermüdliche Drahtzieher, der hinterhältige Trickser, der nichts bereuende Nazi-Polizist und – vor allem der skrupellose Überlebenskünstler Klaus Barbie begann instinktiv, sich vom ‚Ordnungshüter‘ zum kleinen Gangster zu verwandeln“, beschreibt der BBC-Journalist. So habe sich der ehemalige Gestapo-Chef als Fälscher, Schwarzhändler und Kollaborateur durchgeschlagen.

„Sein kriminelles Milieu war jener logenartig organisierte Kameradenbund von ehemaligen SS-Offizieren, die sich durch das Band der gemeinsam begangenen Verbrechen zusammengeschweißt fühlten“, schreibt Bower. Auch an einem Juwelenraub in Kassel mit einer Beute im Wert von 100 000 Mark war Barbie beteiligt. „Die Mitglieder hielten mit Hilfe von verschlüsselten Botschaften, Kurieren und Funksprüchen untereinander Kontakt“, so Bower.

Klaus Barbie sitzt am 11.05.1987 bei der Prozesseröffnung im Gerichtssaal in Lyon (Frankreich). Quelle: Roland Witschel/dpa

Zeitweise hatte die Gruppe bis zu 60 Mitglieder und hatte drei Unterabteilungen für die Sparten Politik, Propaganda und Anwerbung. Als Chef der dritten Abteilung war Barbie für den Aufbau eines Agentenrings in der amerikanischen und britischen Zone sowie für die Herstellung gefälschter Papiere zuständig. Diese Wehrmacht-Entlassungspapiere benötigten ehemalige SS-Offiziere, um ihre frühere Funktion zu vertuschen. Bereits seit Dezember 1944 stand Barbie auf der Kriegsverbrecherliste der „United Nations War Crimes Commission“.

Zur Person

Der 1913 in Godesberg geborene Klaus Barbie ging als „Schlächter von Lyon“ in die Zeitgeschichte ein. Er soll die Verantwortung für die Ermordung von 11 000 französischen Juden und Widerstandskämpfern gehabt haben.

Als Gestapo-Chef von Lyon in Frankreich war er zur Zeit des Zweiten Weltkriegs verantwortlich für die Greueltaten: Besonders berüchtigt waren die ihm zur Last gelegten Folteraktionen, die sich im Hotel Terminus in Lyon abspielten. Zur Last gelegt wurden Barbie auch die grausame Ermordung von Mitgliedern der französischen Resistance und die Deportation der 44 jüdischen „Kinder von Izieu“.

Nach dem Krieg tauchte er zunächst in Marburg unter und wurde dann vom US-Geheimdienst als Agent angeworben. Unter Mithilfe der Amerikaner emigrierte er unter dem Namen Klaus Altmann nach Bolivien, wo er als Berater der Sicherheitskräfte des rechten Diktators Hugo Banzer Suarez weiterbeschäftigt wurde.

Erst nach einem Regierungswechsel und der damit verbundenen Rückkehr zur Demokratie in Bolivien wurde Barbie im Januar 1983 nach Frankreich ausgeliefert. Nach einem Prozess wurde er am 4. Juni 1987 wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu lebenslanger Haft verurteilt und starb im Alter von 77 Jahren 1991 in der Haft in Lyon an Krebs.

Im Mai 1946 kam Barbie wegen seiner Marburger Aktivitäten ins Fadenkreuz des amerikanischen Geheimdienstes „CIC“. Das schreibt der US-Sonderermittler Allan Ryan im Ryan-Report. Durch einen CIC-Agenten erfuhr der US-Geheimdienst, dass eine der führenden Figuren in der Organisation „ein Mann in Marburg war, der sich Becker nannte und in Wirklichkeit Klaus Barbie war“. Im Januar 1947 hatte das CIC-Hauptquartier in Deutschland dem Ryan-Report zufolge Barbie als ehemaligen Gestapo-Chef von Lyon identifiziert und als „gefährlichen Verschwörer“ klassifiziert, „von dem zuletzt im November und Dezember 1944 in einem Krankenhaus in Baden-Baden gehört wurde“. Der Undercover-Agent berichtete, dass Barbies Abteilung verantwortlich für die Beschaffung von Geld, Funkausrüstung und Druckpressen war.

Zu den Zentren der deutschen Widerstandsorganisation gehörten dem CIC-Agenten zufolge Marburg, München und Hamburg. Die Marburger Gruppe stand unter monatelanger Beobachtung durch den US-Geheimdienst, was zahlreiche detaillierte Dokumente im Ryan-Report belegen.

1946 wurde er verhaftet

Bereits Ende August 1946 wäre Barbie beinahe in Marburg verhaftet worden, wobei es zu einer filmreifen Fluchtszene kam, die Tom Bower in seinem Buch beschreibt: Bei einem Spaziergang in der Nähe der Marburger Universität kam Barbie ein amerikanischer Armee-Jeep mit einer deutschen Frau auf dem Beifahrersitz entgegen, die den amerikanischen Fahrer auf Barbie aufmerksam machte. Wie sich später herausstellte, war die Frau eine der Kontaktpersonen der Amerikaner zu der Untergrundgruppe. Barbie wurde zum Einsteigen aufgefordert, doch in der Nähe der Post kam dem Jeep eine Straßenbahn entgegen und der Wagen musste langsamer fahren.

Barbie, der einen Kurs im Fallschirmspringen absolviert hatte, ließ sich plötzlich vom Wagen fallen. Der Amerikaner schaute nach hinten und fuhr das Auto gegen einen Baum. Auf der anschließenden Verfolgungsjagd wurde Barbie durch einen Schuss leicht verletzt. Es gelang ihm aber durch einen Sprung über eine Mauer die Flucht.

Wenige Tage später richtete ein Mitarbeiter der CIC-Zentrale in Frankfurt die Mitteilung an alle Dienststellen, dass der als Kriegsverbrecher gesuchte ehemalige Gestapo-Offizier Klaus Barbie gesichtet worden sei. Doch es folgten noch einige Monate der Observation, bis sich die Amerikaner dazu entschlossen, Barbie und die Mitglieder seiner Organisation zu verhaften. „Die alliierten Geheimdienste hatten ihn unbehelligt gelassen, um ihn weiter zu observieren und noch mehr über seine Organisation herauszufinden“, schreibt dazu Tom Bower.

Im Februar 1947 entschied das CIC in Zusammenarbeit mit dem britischen Militärgeheimdienst, die Organisation endgültig zu zerstören. Für den 23. Februar 1947 wurde die „Operation Selection ­Board“ geplant. 57 Mitglieder der Organisation inklusive Barbie standen auf der Liste: Am Ende wurden sogar 70 verhaftet. Dass ausgerechnet Barbie nicht dabei war, lag an einer Kombination von Zufällen: Die Wohnung in der Barfüßerstraße wurde von der Razzia ausgespart, um eine Informantin zu schützen. Barbie befand sich aber sowieso in der Kasseler Wohnung eines anderen Mitglieds der Gruppe, der auch auf der Liste stand. Als die CIC-Agenten das dortige Haus stürmten, versteckte sich Barbie im Badezimmer und flüchtete durch das Badfenster. Nur wenige Wochen später wurde er dann von den Amerikanern als Agent angeworben.

Literatur

Aufmerksam geworden war die OP über den auf der Berlinale im Jahr 1989 vorgestellten Dokumentarfilm „Hotel Terminus“ von Marcel Ophüls, in dem die Geschichte Barbies aufgearbeitet wurde. Ausführlich widmete sich der BBC-Journalist Tom Bower in seinem Buch „Klaus Barbie – Lyon, Augsburg, La Paz – Karriere eines Gestapo-Chefs“ dem Lebensweg Barbies. Bower geht in seinem Buch auch auf den 1984 veröffentlichten Ryan-Report ein, in dem vor allem Dokumente des „Counter Intelligence Corps (CIC) veröffentlicht sind, des Vorläufers der CIA.

Verantwortlich für den Ryan-Report war Allan Ryan, im US-amerikanischen Justizministerium der Leiter der Behörde für Sonderermittlungen. Sein 218 Seiten umfassender Bericht mit einem Anhang von 680 Dokumenten wurde am 16. August 1983 veröffentlicht.

Daraus ging hervor, dass der amerikanische Geheimdienst nach dem Krieg in Klaus Barbie einen der meistgesuchten deutschen Kriegsverbrecher angeworben und als Mitarbeiter geführt hatte. Für seine Examensarbeit unter dem Titel „Der Schlächter von Lyon im Sold der USA“ verfolgte auch der Mainzer Student Peter Hammerschmidt den Lebensweg Barbies.

Die Marburger Episode spielt allerdings in der Examensarbeit nur einen Randaspekt. Hammerschmidt wies unter anderem nach, dass Barbie 1966 vom Bundesnachrichtendienst angeworben wurde und aus seinem Exil in Südamerika Informationen für den deutschen Geheimdienst sendete.

Von Manfred Hitzeroth

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