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Marburg Ein Revoluzzer an der Uni Marburg
Marburg Ein Revoluzzer an der Uni Marburg
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16:00 10.05.2022
KD Wolff (mit einem Che Guevara-Plakat im Hintergrund) war im Wintersemester 1967/78 Bundesvorsitzender des SDS.
KD Wolff (mit einem Che Guevara-Plakat im Hintergrund) war im Wintersemester 1967/78 Bundesvorsitzender des SDS. Quelle: dpa
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Marburg

Für KD Wolff begann die Studentenbewegung schon einige Jahre vor dem magischen Datum 1968 – und zwar ganz konkret im Jahr 1964 an der Universität in Marburg. Dort hatte der Wallauer im Alter von 21 Jahren sein Jurastudium aufgenommen, nachdem er sich nach dem Besuch des Gymnasiums in Biedenkopf und einer High School in den USA zuvor zwei Jahre bei der Bundeswehr dienstverpflichtet hatte.

Es war eine Einführungsvorlesung von Professor Erich Schwinge an der Marburger Universität, in der Wolff gewissermaßen sein Coming-out in Sachen politischem Protest hatte. Wegen seiner Verstrickung in die Nazi-Zeit galt Schwinge damals vor allem in linken Studentenkreisen als höchst umstritten, was auch Niederschlag in der Studentenzeitschrift „5 vor 12“ gefunden hatte.

Und eben darauf spielte Schwinge in seiner Vorlesung an, als er die negativen Auswirkungen der Pressefreiheit erwähnte. Dann stellte Schwinge dem Auditorium die rhetorische Frage, ob jemand das anders sehe. Jetzt schlug die Stunde von Wolff, der aufstand und vor rund 500 Studenten in der Einführungsvorlesung dem Professor Kontra gab.

Erinnerungen an 1964 in Marburg

„Ich musste mich melden. Wenn ich mich nicht gemeldet hätte, dann hätte ich das Gefühl gehabt, dass man gar nichts machen kann“, sagt Wolff im Jahr 2018 im Gespräch mit der OP in den Räumen seines Buchverlags in Frankfurt.

Wolff kann sich noch gut an die entscheidenden Momente erinnern, nachdem er in dem Saal der Alten Aula aufgestanden war. „Ich habe zunächst zwei, drei Minuten gestottert“, berichtet er. Dann sei er aber in seiner Rede selbstsicherer geworden. Dabei sei es ihm darum gegangen, dass nicht verschwiegen werden sollte, was in der Nazi-Zeit passiert sei. „Für mich hat die Revolte also 1964 in Marburg angefangen.“

Schon während seines kurzen Statements hätten Studenten geklatscht und gelacht, erinnert sich KD Wolff. Und am Ende der Vorlesung seien Kommilitonen zu ihm gekommen und hätten ihn bestärkt. Professor Schwinge habe zu Wolffs Replik im Übrigen nichts gesagt.

An die Studentenbewegung in Marburg im Jahr 1968 erinnerte die Ausstellung "Klasse Kampf" im Jahr 2018 im Marburger Rathaus. Quelle: THorsten Richter

Für Wolffs Revolte gegen die Generation der Väter im Nachkriegsdeutschland gab es aber auch eine innerfamiliäre Vorgeschichte. Der in Marburg geborene KD Wolff war eines von vier Kindern eines Amtsrichters, der vor 1945 am Gericht in Battenberg tätig war und wegen seiner Verstrickung in den Nationalsozialismus bis 1949 Berufsverbot hatte, ehe er wieder am Amtsgericht in Biedenkopf arbeitete. Die Familie zog in den heutigen Biedenkopfer Stadtteil Wallau. KD Wolff legte später an der Lahntalschule in Biedenkopf sein Abitur ab.

Schon als Heranwachsender habe er sich mit den Verbrechen der Nationalsozialisten beschäftigt und beispielsweise Berichte über die Nürnberger Prozesse in der Zeitung gelesen. In diesem Zusammenhang sei es auch zu Auseinandersetzungen mit dem Vater gekommen. „Wir haben gestritten, aber er hat dazu geschwiegen“, erzählt Wolff.

07.02.1968, Berlin: Etwa 3000 Personen, meist Studenten, nehmen an der vom Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) durchgeführten „Internationalen Vietnam-Konferenz“ in der TU teil. Auf dem Bild vor einer übergroßen Vietkong-Fahne am Tisch stehend sind zu sehen: (l-r) K.D. Wolff (am Rednerpult), Dr. Klaus Meschkat, Dr. Johannes Agnoli, Christian Semmler, Gaston Salvatore, Rudi Dutschke, Günther Ament, Kurt Steinhaus und Tariq Ali. Mit dem Vietnam-Kongress vor 50 Jahren erreichte der Studentenprotest in Deutschland seinen politischen Höhepunkt. Quelle: Volkmar Hoffmann/dpa

Die für viele Freunde auf den ersten Blick nicht nachvollziehbare Aufnahme des Jurastudiums durch den jungen Rebell sei vielleicht auch ein Ausdruck von Schuldgefühlen wegen seiner Vorwürfe gegen den Vater gewesen, nachdem dieser wenige Jahre später bei einem Autounfall ums Leben gekommen sei, erzählte Wolff im Gespräch mit der OP. Zu einer Aussprache sei es deswegen leider nicht mehr gekommen.

Nach der „Schwinge-Episode“ reduzierte Wolff sein „aktives Jurastudium“ zusehends. „Wir haben danach Flugzettel gemacht und Wahlkampf für eine gemeinsame linke Liste“, erinnert sich Wolff. Dabei habe unter anderem der spätere FDP-Bundesvorsitzende Wolfgang Gerhardt mitgeholfen. Der Wahlkampf sei dann sehr erfolgreich gewesen, berichtet KD Wolff. Doch sein Interesse am Studienstandort Marburg war für ihn erst einmal erloschen. „Die Leute waren zu sehr von Wolfgang Abendroth dominiert“, erläutert Wolff im Gespräch mit der OP.

Zum Studium ging es dann nach Freiburg

Der Professor für Politikwissenschaften habe zu sehr die Richtung vorgegeben, der Ende der 60er-Jahre auch ein Großteil der im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) organisierten Marburger Studierendenschaft gefolgt sei. „Das waren Dogmatiker“, meint Wolff. „Statt einer Demo gegen den Krieg in ­Vietnam wollten sie lieber einen Kurs über Lohnarbeit und Kapital machen“, erinnert er sich. „Die internen Diskussionen mit ihm waren nicht besonders kreativ“, sagt Wolff über Abendroth. Wolff ging dann zum Studium an die Universität nach Freiburg, wo sein Bruder Frank schon am Konservatorium in der Cello-Meisterklasse studierte.

Wenig später gingen dann beide Brüder gemeinsam an die Universität Frankfurt, vor allem wegen Theodor W. Adorno. KD Wolff wurde im Herbst 1967 zum SDS-Bundesvorsitzenden gewählt, Frank Wolff hatte die Funktion als Sprecher der Gruppierung. Im Jahr 1968 spielten die Wolffs dann eine bundesweit sichtbare Rolle als Protagonisten der Studentenschaft. Als damaliger Vertreter des antiautoritären SDS-Flügels der Frankfurter Prägung hatte KD Wolff keine so hohe Meinung von den Marburger SDS-Leuten. „Die waren sehr brav“, meinte er 50 Jahre später.

1968 in Marburg

Was passierte in Marburg im Jahr 1968? Bei einer Podiumsdiskussion im ­Audimax erinnerten sich im November 2017 mehrere Zeitzeugen.

Wolfgang „Harry“ Hecker war in der wilden Zeit der Proteste Student der Politikwissenschaften und mehrerer anderer Fächer in Marburg. Der Zeitzeuge zählte zur antiautoritären Fraktion im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS), ab 1971 war er bis zu seiner Pensionierung wissenschaftlicher Mitarbeiter im Institut für Politikwissenschaften in Marburg.

Als fleißiger Dokumentar zeichnete Hecker sowohl die Vorgeschichte der Studentenbewegung als auch die wichtigsten Stationen der Proteste in Marburg nach. Angefangen von den Demos nach dem Tod von Benno Ohnesorg in Berlin 1967 bis hin zu den Demonstrationen gegen die Notstandsgesetze und dem ersten Generalstreik der Studenten. So berichtete Hecker über völlig neue Protestformen der Studenten wie Sitzstreiks oder Institutsbesetzungen.

Doch gab es die Bewegung überhaupt? „68 ist eine nachträglich erfundene Chiffre für eine große Studentenbewegung“, das meint der Geschichtswissenschaftler Professor Wolfgang Wippermann (Berlin), der im Jahr 1968 als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni Marburg beschäftigt war. Auf jeden Fall habe es diese Bewegung damals nicht in nennenswerter Größe in Marburg gegeben, sagte der Podiumsteilnehmer. „Ich sah auch keinen Sinn, vor dem Amerikahaus gegen den Vietnamkrieg zu demonstrieren“, meinte Wippermann: „Die Ketzerbach war nicht der Kurfürstendamm.“

Die 68er-Bewegung sei in Marburg aber im guten Sinne geerdet gewesen, fügte eine weitere Zuhörerin an. Typisch für die Marburger Variante sei die Verbindung von antiautoritären Gedanken und der Begeisterung für die Vorlesungen des Politik-Professors Wolfgang Abendroth gewesen. Dessen besondere Bedeutung für die Studentenbewegung hob auch Professor Georg Fülberth hervor. Abendroth habe zusammen mit den Professoren Werner Hofmann (Marburg) und Helmut Ritter (Gießen) bundesweit den akademischen Protest gegen die Notstandsgesetze der damaligen Großen Koalition ­organisiert und angeführt.

Aber wo war eigentlich der „Spirit of 68“ in Marburg jenseits von Großdemos oder ­Teach-ins? Voller Begeisterung erzählte eine Zuhörerin, die Ende der 60er-Jahre Medizin in Marburg studierte, über das damalige Leben in der neuen Wohnform der Kommune in Marburg nach dem Vorbild der Kommunen in den Großstädten, die Bedeutung der neuen Musik, die Theorien von Wilhelm Reich und den damaligen Anspruch, „Wissenschaft auf die Straße“ zu tragen.

Von Manfred Hitzeroth

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